Flüchtlinge und Mauerbauer

Politik / 27.11.2022 • 22:42 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Aus allen Ecken und Enden der Welt ertönt der Warnruf „Die Flüchtlinge kommen“. Und als Antwort zur Gefahrenabwehr herrscht im internationalen Politgewerbe Hochbetrieb im Mauerbau-Geschäft. Widersinnig, unmoralisch und ökonomischer Unsinn. Wie politischer Populismus und dumpfes Wählerverlangen oft eben sind.

33 Jahre nach dem historischen Akt des Zerstückelns des „Eisernen Vorhangs“ zwischen Österreich und Ungarn durch die Außenminister beider Länder kündigte die Regierung Finnlands jetzt das neueste Mauerprojekt zum benachbarten Russland an. Das ist mehr als beklagenswert, auch wenn die geplanten 380 Millionen Euro Baukosten für das Bollwerk gegen Fluchtwillige aus dem Land eines Kriegsverbrecher-Präsidenten nur Kleingeld gegenüber der ebenfalls nichts nutzenden Milliarden-Mauer von US-Ex-Präsident Trump an der Grenze zu Mexiko sind.

Die UN-Flüchtlingsorganisation zählt zur Zeit 60 „aktive“ Anti-Migrationsbollwerke auf der Welt. Hinter denen rund die Hälfte der Weltbevölkerung mehr oder weniger gefangen ist, und die andere Hälfte vor unerwünschten Zuzüglern „geschützt“ werden soll. Manche der Sperranlagen gegen die Menschlichkeit, etwa in Europa, müssen nicht einmal gebaut werden und verursachen nur Personalkosten: Wie an der Seeküste vor Großbritannien und den Ufern von Mittelmeer-Anrainerstaaten. Da werden vor Verfolgung, Krieg, Hungersnot und anderen Bedrängnissen Fliehende oft von Soldaten gewaltsam ins Meer zurückgejagt. Anschließend sind Leichen an den Stränden zu besichtigen.

Aber bei aller berechtigter Klage über empathiebefreite Politik und buchstäblich ungesundes Volksempfinden gibt es auch das Hoffnung machende Gegenteil der Mauer-Einreißer. Das österreichisch-ungarische Grenzöffnen ist nur eines der Vorbilder.

Weitere von etlichen sind der von Trump-Nachfolger Biden angeordnete Baustopp an der Grenze zu Mexiko und das Ende des „Zurückschickens“ von Asylbewerbern. Dankenswert ist auch die millionenfache Aufnahme und Integration von hilfsbedürftigen „Fremden“ in zahlreichen europäischen Ländern. Und die nicht nur mit Euro und Dollars zu messende Solidarität freiheitlicher Staaten mit einem mitten in Europa kriegsgeschundenen Volk.

Die Welt bleibt aufgerufen, der Freiheit und der Menschlichkeit ungeachtet der Nationalität, Hautfarbe oder aller anderen „Unterschiede“ ohne trennende Mauern eine Chance zu geben. Dies vor, während und nach der Weihnachtszeit.

Peter W. Schroeder

berichtet aus Washington, redaktion@vn.at

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