Charles Ritterband

Kommentar

Charles Ritterband

Pessimistische Prognosen

Politik / 02.12.2022 • 10:29 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Die Genugtuung über das Zusammenrücken der NATO und über die immer offensichtlicheren Niederlagen des Aggressors Putin – wie die grotesken Meldungen über die von den Russen Richtung Ukraine ohne Sprengköpfe abgeschickten Cruise-Missiles – dürfen nicht über den mit Sicherheit kommenden Krisenwinter hinwegtäuschen. Europa steuert auf eine doppelte Krise zu: die akute Energiekrise und die geopolitische Krise, die beide Europa empfindlich schwächen werden. Europas Position in der Welt wird nach diesem Winter nicht mehr dieselbe sein wie früher. Europa hat sich zwar vor dem Hintergrund des Ukraine-Kriegs erstaunlich bewährt: Es hat sich generell als prinzipienfest erwiesen, bereit enorme Kosten zu schultern, um die Ukraine zu unterstützen und Russland wirtschaftlich unter Druck zu setzen. Doch die eigentliche Bewährungsprobe steht noch bevor. Amerikanischer Populismus, die Umstrukturierung des globalen Energiesystems und die geopolitischen Bruchstellen könnten die Konkurrenzfähigkeit Europas in der Welt ernsthaft gefährden.

Europa steuert auf eine doppelte Krise zu: die akute Energiekrise und die geopolitische Krise.

Die Gaspreise liegen gegenwärtig sechsfach über dem langfristigen Durchschnitt. In einem „normalen“ Winter bewirkt eine zehnprozentige Energiepreiserhöhung einen Anstieg der Todesfälle um 0,6 Prozent. Jetzt wird befürchtet, dass die Energiekrise Europa den Tod von über 100.000 älteren Menschen bewirken könnte: Putins Energiewaffe wird mehr Menschenleben kosten als die gegen die Ukraine abgefeuerten Raketen und Artilleriegeschosse. Die durch steigende Energiepreise angeheizte Inflation zwingt die Europäische Zentralbank zu Zinserhöhungen, um das Preisniveau in den Griff zu bekommen. Das bringt die schwächeren Glieder der Eurozone ins Wanken – so das stark verschuldete Italien. Zu viele europäische Unternehmen, vor allem deutsche, haben sich blindlings auf die Energiezufuhr aus Russland und den Absatzmarkt China verlassen. Die Abhängigkeit von den beiden dominanten Diktaturen des Erdballs erweist sich zunehmend als verhängnisvoll.

Dazu kommt der von Bidens Amerika praktizierte Protektionismus. Europäische Firmen wandern in die USA ab; ein krasses Beispiel ist der Abbau bei BASF: Europa droht eine massenweise De-Industrialisierung. Zudem altert Europa schneller als Amerika. Die Einbuße an Investitionen macht Europa ärmer und verstärkt den Eindruck nachlassender Wirtschaftskraft. Verglichen mit der Situation vor der Pandemie hat Europa mehr gelitten als jeder andere Wirtschaftsblock weltweit. Von den 100 stärksten Firmen weltweit sind nur noch 14 europäisch. Der französische Präsident Macron hat Europa dringend aufgefordert, zu erwachen. Ob das Krähen des gallischen Hahns in Europa noch rechtzeitig vernommen wird, bleibe dahingestellt. Wird die im Ukraine-Krieg geschmiedete Einheit Europas dem massiven Wirtschaftsdruck standhalten?

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