Charles Ritterband

Kommentar

Charles Ritterband

Das andere China

Politik / 15.12.2022 • 06:29 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Soeben nach einer längeren Südostasien-Reise aus Taipeh – mit zahlreichen interessanten Begegnungen und Gesprächen – zurückgekehrt, liegt das Thema auf der Hand: Hat der Krieg um die Ukraine die Ängste der Taiwaner vor einer Invasion des kommunistischen Chinas verstärkt? Obwohl die Volksrepublik mit ihrer Bevölkerung von 1,41 Milliarden die winzige, extrem dicht besiedelte Insel Taiwan mit ihren nur 23,57 Millionen Einwohnern nach wie vor als Teil Chinas betrachtet und Xi gegenüber Taiwan eine zunehmend aggressive, von zahlreichen Verletzungen des taiwanesischen Luftraums und Abschüssen von Interkontinentalraketen begleitete Haltung einnimmt, dürfte der Ukraine-Krieg die Gefahr für Taiwan eher reduziert haben. Xi ist der rationalere Akteur als Putin und er hat zweifellos seine Folgerungen aus dem russischen Scheitern gezogen. Schon die Überwindung der 180 Kilometer breiten Meerenge (Taiwan-Strait), welche die Insel von China trennt, würde für eine maritime Invasion einen enormen Aufwand bedeuten.

„Die Option einer Wiedervereinigung mit China ist vom Tisch.“

Spricht man mit Taiwanern über die ständige Bedrohung durch den übermächtigen Nachbarn, so fällt deren Entspanntheit auf. Von ständiger Wachsamkeit zeugen jedoch die großen Radaranlagen an der Südspitze der Insel – trotz Tarnbemalung unübersehbar. Und die Existenz der Raketen-Abschussanlagen im Landesinnern ist offenes Geheimnis. Die Option einer Wiedervereinigung mit Festland-China ist für die Taiwaner unattraktiver denn je: Der Prozentsatz der Befürworter hat sich seit 1996 von 20 auf fünf drastisch reduziert. Entsprechend hat sich auch die Unterstützung für die Kuomintang Partei (KMT), welche traditionell für die Vereinigung mit China eintritt, drastisch reduziert. Taiwan, offiziell „Republic of China“, hat sich in den letzten vier Jahrzehnten als funktionierende, pluralistische, liberale und tolerante Demokratie etabliert, während der Blick auf den totalitären Überwachungsstaat Peking ebenso abschreckt wie die unerfreuliche Realität der angeblichen „Sonderverwaltungszone“ Hong Kong („Ein Land zwei Systeme“).

Dennoch bleibt das – von kaum einer Nation diplomatisch anerkannte und dennoch de facto vollständig souveräne – Taiwan ein Sonderfall, ja ein weltpolitisches Kuriosum. Die Mehrheit der Taiwaner sieht das heute pragmatisch: Obwohl eine Unterwerfung unter die Fuchtel Pekings keine Option mehr ist, wird eine formelle Unabhängigkeitserklärung – für Peking ein „Casus Belli“ und daher höchst riskant – als überflüssig angesehen. Denn wozu auch: Die Nation floriert, die Wirtschaft brummt, die Nähe Japans und die Unterstützung der Amerikaner geben Sicherheit. Ob die USA im Ernstfall militärisch eingreifen würden, erscheint jedoch fraglich.

Dr. Charles E. Ritterband ist Journalist und Autor sowie langjähriger Auslandskorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung (seit 2001 in Wien).

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