Darum ist Fracking so umstritten

Politik / 17.01.2023 • 05:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Der Widerstand gegen Fracking ist in vielen Ländern groß, auch wenn es eine vermeintliche Unabhängigkeit von russischem Gas verspricht. <span class="copyright">Reuters</span>
Der Widerstand gegen Fracking ist in vielen Ländern groß, auch wenn es eine vermeintliche Unabhängigkeit von russischem Gas verspricht. Reuters

Die Förderung von Schiefergas verspricht Unabhängigkeit von russischem Erdgas, birgt aber massive Gefahren für Mensch und Umwelt.

Wien Das vergangene Jahr hat viel durcheinander gewirbelt und damit auch den einen oder anderen politischen Standpunkt. Das Lobbying um Schiefergas und Fracking hat im Zuge der aktuellen Energiekrise im Zusammenhang mit dem russischen Angriffskrieg wieder Fahrt aufgenommen. Doch zumindest in Österreich scheint weiterhin fix zu sein: Trotz der schwierigen Situation rund um die Erdgasversorgung lehnt die Politik Fracking ab. Obwohl Schiefergasvorkommen in Österreich im Boden schlummern, sind die potenziellen Gefahren für Mensch und Umwelt zu groß. Auch in Vorarlberg gäbe es prinzipiell Depots.

Wie funktioniert Fracking?

Beim Fracking wird mit Quarzsand und Chemikalien vermischtes Wasser unter hohem Druck in Schiefergestein gepresst, in dessen porösen Schichten Gas lagert. Zu den Chemikalien zählen etwa Methanol, Ethylenglycol und Biozide. Die Bohrtiefen variieren, das hängt von der Tiefe der gasreichen Gesteinsschichten ab. Sie liegen durchschnittlich zwischen 500 bis 5000 Meter.

Welche Risiken gibt es?

Fracking ist potenziell klima- und umweltschädlich. Trink- und Grundwasser und der Boden können langfristig durch die Chemikalien verseucht werden. Es entstehen bei der Bohrung CO2-Emissionen, auch Methangas tritt aus, das als besonders klimaschädlich gilt. In den USA, in denen Fracking im größeren Rahmen betrieben wird, kommt es auch immer wieder zu Erdbeben, die im Zusammenhang mit der Gasförderung stehen sollen. Ein weiterer Punkt ist der massive Wasserverbrauch. Hinzu kommen ein hoher Flächenverbrauch und Lärm.

Gibt es umweltfreundlichere Fracking-Methoden?

Auch eine Optimierung der Fracking-Methoden, bei denen auf Chemikalien verzichtet wird, stellt weiterhin eine Gefahr für die Umwelt dar, warnen Experten. Boden- und Wasserverbrauch bleiben hoch, ebenso das Lärmaufkommen und potenzielle Erdbebengefahren.

Sind diese Folgen in anderen Ländern zu beobachten?

In den USA wurden unter anderem im Grundwasser toxische und krebserregende Substanzen gefunden. Zum Teil war Leitungswasser brennbar, was auch in einer Studie bestätigt wurde, die die Nationale Akademie der Wissenschaften der USA veröffentlichte. Bei Personen im Umkreis von Fracking-Stellen wurde ein erhöhtes Risiko für Leukämie, Asthma, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Fehlgeburten festgestellt. “Wir sprechen hier von vergiftetem Grundwasser bis hin zu Erdbeben, die dadurch ausgelöst werden. So etwas dürfen wir in Österreich einfach nicht zulassen”, sagt Adam Pawloff, Programmdirektor von Greenpeace Österreich.

Wieso wird das Thema dann überhaupt neu diskutiert?

Fracking kann die Abhängigkeit von Erdgasimporten verringern. Europa sucht händeringend nach Alternativen zu russischem Erdgas. Der Wertschöpfungsprozess bleibt zudem im eigenen Land bzw. in Europa. So verwundert es nicht, dass es auch im Nachbarland Deutschland wieder im Gespräch ist. Seit 2017 ist Fracking in Deutschland aber komplett verboten.  

Wo gibt es Schiefergasvorkommen in Österreich?

Im nördlichen Niederösterreich gibt es Schiefergasvorkommen, die Österreich jahrelang mit Gas, das in mehreren Tausend Metern Tiefe in schwer zugänglichen, porösen Gesteinsschichten liegt, versorgen könnten. Die genauen Mengen können nur geschätzt werden, da es 2012 lediglich eine Probebohrung gab. Die zur Förderung notwendige Fracking-Technologie wurde vor zehn Jahren daher schon intensiv diskutiert – und wieder begraben. Das lag nicht nur am fehlenden politischen Rückhalt, sondern auch am massiven gesellschaftlichen Widerstand. Nun liebäugelt die Industrie mit dem Gasvorkommen im Weinviertel und macht entsprechend Druck.

Wie ist Vorarlbergs Position zu Fracking?

In Baden-Württemberg gibt es bei Konstanz, Saulgau-Wangen und Biberach, also im Nahbereich des Bodensees, Konzessionsfelder zur Suche nach Schiefergas. Britische Unternehmen wollten daher 2014 Fracking einsetzen. Die Vorarlberger Nachrichten starteten damals eine Petition dagegen, die fast 60.000 Menschen unterzeichneten. Die wurde auf die auf Bundes- und EU-Ebene vorgelegt. Der Vorarlberger Landtag hat im selben Jahr das Fracking-Verbot mit der Zustimmung aller Fraktionen in die Landesverfassung aufgenommen. “Dieser Standpunkt gilt bis heute”, heißt es aus dem Büro von Landeshauptmann Markus Wallner (ÖVP). „Wir müssen in den Ausbau der Erneuerbaren Energien investieren und nicht in Fracking, das zudem auch noch eine Hochrisikotechnologie darstellt. Daher hat sich auch nichts an meinem Nein zu Fracking geändert – ob im Bodenseeraum oder woanders”, bekräftigt auch der Grüne Landesrat Daniel Zadra gegenüber den VN. Der Bodensee sei ein gigantisches Trinkwasserreservoir für die gesamte Region, “welches wir keinesfalls auf Spiel setzen dürfen”.

Ist Fracking prinzipiell verboten in Österreich?

Offiziell ist Fracking in Österreich nicht per Gesetz verboten. Umweltministerin Leonore Gewessler (Grüne) spricht sich jedoch dagegen aus und will diese Fördertechnik nun verbieten. Gewessler will stattdessen weiter auf erneuerbare Energieformen setzen. “Neue Erdgas-Bohrungen brauchen Jahre, bis sie liefern und sind daher in der aktuellen Energiekrise völlig nutzlos. Wenn sie dann fördern, müssen sie aus Klimaschutzgründen schon wieder eingestellt werden”, sagt zudem WWF-Energiesprecher Karl Schellmann.