Reinhard Steurer: “Wir sind Meister im Scheinklimaschutz”

Politik / 24.01.2023 • 10:32 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
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Der Vorarlberger Klimapolitologe Reinhard Steurer initiierte die Solidaritätsaktion von 50 Wissenschaftern.  APA/Hochmuth

Die Klimakrise eskaliert. Es passiert viel zu wenig dagegen. Daher seien irritierende Protestformen notwendig, sagt Reinhard Steurer.

Wien Wenn man sehe, wie verzweifelt junge Menschen um ihre Zukunft kämpfen, müsse man den “Elfenbeinturm” Uni verlassen, sagt Reinhard Steurer, Professor für Klimapolitik an der Universität für Bodenkultur. Er initiierte heuer die Solidaritätsaktion von knapp 50 Wissenschaftlern mit Klimaaktivisten. Die VN sprachen mit ihm über den Widerstand gegen Tempo 100, Umdenken in der Gesellschaft durch Proteste und die Säumigkeit der österreichischen Klimapolitik.

Warum solidarisieren sich österreichische Forscher mit Klimaaktivistinnen?

Weil Feuer am Dach ist und der Feuermelder verunglimpft wird. Unsere Warnungen wurden über Jahrzehnte ignoriert. Jetzt bleiben uns noch ein paar Jahre, um eine Katastrophe abzuwenden, die sich dann schleichend im Laufe des Jahrhunderts entwickeln würde. Wenn man das weiß und zugleich sieht, wie verzweifelt junge Menschen um ihre Zukunft kämpfen, dann war es höchste Zeit, den Elfenbeinturm oder den Hörsaal zu verlassen.

Wie aussichtsreich sind die Aktionen? Gibt es schon internationale Beispiele, dass zivile Proteste die Klimapolitik beeinflusst haben?

Ja, die gibt es, zum Beispiel in Großbritannien mit „Insulate Britain“. Aber es geht nicht primär darum, Forderungen direkt umzusetzen. Die Geschichte zeigt eindeutig: irritierende Protestformen können ein Umdenken in der Gesellschaft in Gang setzen. Ob das gelingt, kann man immer erst im Nachhinein beurteilen.

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Die Lage scheint fast aussichtslos. Auch bei relativ kleinen Maßnahmen wie Tempo 100 auf der Autobahn gibt es massiven Widerstand. Sind die Österreicher besondere Klimaschutzmuffel?

Wir sind Meister im Scheinklimaschutz, das heißt wir behaupten, dass uns das Thema wichtig ist, aber wenn es um wirksame Maßnahmen wie Tempo 100 geht, wollen viele nichts mehr davon wissen. Sie glauben, dass es mit Mülltrennung und Recycling getan ist. Das reicht gerade mal zur Gewissensberuhigung, zum So-tun-als-Ob. So können wir CO2-Emissionen bis 2030 sicher nicht halbieren.

Im vergangenen Jahr wurden die öko-soziale Steuerreform und die Offensive zum Ausbau Erneuerbarer vorangetrieben. Immer noch zu wenig?

Leider ja. Wenn die Emissionen jährlich gut fünf Prozent sinken sollten, wir aber nur zwei bis drei Prozent schaffen, dann tut sich eine Lücke auf, die jedes Jahr größer wird. Wir entscheiden also schon jetzt, ob wir das Ziel für 2030 überhaupt noch erreichen können.

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Was müsste in Österreich rasch passieren, um die Klimaziele noch zu erreichen?

Wir brauchen schnell wirksame Maßnahmen wie Tempo 100 und langfristig ausgerichtete Gesetze wie das Erneuerbaren-Wärme-Gesetz für den Ausstieg aus Öl- und Gasheizungen. Es ist ganz einfach: Wenn wir weiter auf Öl und Gas setzen, dann verheizen wir die Zukunft unserer Kinder und Enkelkinder.

Hintergrund: Erneuerbaren Wärme Gesetz

Eigentlich war das Erneuerbaren-Wärme-Gesetz (EWG) schon auf Schiene. Obwohl es bereits Anfang November den Ministerrat passiert hat, ist es immer noch nicht beschlussreif. Es sieht den Ausstieg aus Gas- und Ölheizungen bis 2040 bzw. 2035 vor. Ab 2025 soll demnach der verbindliche Tausch von besonders alten Kohle- und Ölheizungen beginnen. Es fehlt jedoch die Zwei-Drittel-Mehrheit für den Beschluss im Parlament, auch die Wirtschaftskammer dürfte im Hintergrund bremsen.

Der Klimawandel ist eine Krise, der man mit Weitsicht begegnen müsste. Sind die Versäumnisse auch einer politischen Logik geschuldet, für die nur die nächste Wahl zählt?

Ja und nein. Diese Logik bedeutet ja, dass Politiker auch deshalb keinen ernsthaften Klimaschutz machen, weil sie dafür bei Wahlen oft abgestraft werden. Da sind wir wieder beim So-tun-als-Ob. Das gilt nämlich auch für Politik und Wahlen, besonders für die Großparteien und die FPÖ. Nachdem wir das als Gesellschaft seit Jahrzehnten zulassen, ist die weiter eskalierende Klimakrise also mehr ein Versagen von uns als Gesellschaft und nicht eines der Politik allein.

Auch in Wien versuchen Klimaaktivistinnen und Klimaaktivisten mit Straßensperren auf ihre Anliegen aufmerksam zu machen, so wie hier am Praterstern. <span class="copyright">APA</span>
Auch in Wien versuchen Klimaaktivistinnen und Klimaaktivisten mit Straßensperren auf ihre Anliegen aufmerksam zu machen, so wie hier am Praterstern. APA

Wird Klimaschutz für Privatpersonen ganz ohne Verzicht funktionieren?

Für viele Bereiche gibt es gute technische Lösungen. Schwierig wird es beim Fliegen und beim Fleischkonsum. Da können wir uns dann überlegen, was wichtiger ist: Viel Schnitzel oder eine halbwegs sichere Zukunft.

Faktencheck: Fleischkonsum

Ein Schnitzel am Teller hat große Auswirkungen auf das Klima: Ganze 15.500 Liter Trinkwasser werden für die Produktion eines Kilogramms Rindfleisch benötigt. Bei Schweinefleisch sind es laut Statistikportal “Our World in Data” 4.800 Liter, bei Geflügel etwa 3.600 Liter Wasser. Auf der gesamten Welt gibt es laut “Our World in Data” 104 Millionen Quadratkilometer bewohnbares Land. Davon werden derzeit circa 40 Millionen Quadratkilometer als Nutzfläche für Tiere für die Fleisch- und Molkereiproduktion verwendet. Ein Mitverursacher der Klimakrise ist zudem das von den Wiederkäuern ausgestoßene Methan, das ein 25 bis 30 Mal klimaschädlicheres Treibhausgas als CO2 ist und so maßgeblich zur Erderhitzung beiträgt. Die weltweite Fleischproduktion ist in Summe für mehr klimaschädliche Treibhausgase verantwortlich als der gesamte Transportsektor der Welt zusammen. All das macht Rindfleisch zu einem der größten Klimasünder in der Lebensmittelbranche.

Wie werdet ihr die drohende Klimakatastrophe Euren Kindern und Enkelkindern erklären? Reicht es zu sagen: die anderen haben ja auch …? Ich glaube nicht.

Reinhard Steurer

Was man auch oft hört: Das kleine Österreich könne am Klimawandel nichts ändern. Eine billige Ausrede fürs Nichtstun?

So ist es. Wer ein Problem lösen will, sucht Wege, alle anderen finden Ausreden. Das ist eine der besten, die fast überall auf der Welt funktioniert, sogar in Deutschland. Das politische Gegenargument lautet: Wir sind Teil der EU, des größten Wirtschaftsraums der Welt. Die kann global was bewegen, aber nur, wenn alle Mitgliedsstaaten liefern. Das moralische Gegenargument lautet: Wie werdet ihr die drohende Klimakatastrophe Euren Kindern und Enkelkindern erklären? Reicht es zu sagen: die anderen haben ja auch …? Ich glaube nicht.

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