Kommentar: Wartenummer WKO
Die Wirtschaftskammer ist Österreichs verlässlichster Anbieter von Warteschleifen. Man zahlt Eintritt, bekommt Musik – und am Ende sagt eine freundliche Stimme: “Bitte bleiben Sie dran, im Juni sind wir gleich bei Ihnen.” Im Jahr 2026, in dem KI ganze Branchen umkrempelt und die EU im Wochenrhythmus neue Spielregeln setzt, wirkt die WKO wie ein Nostalgieverein mit Zwangsabo: Pflichtmitgliedschaft als Dauerauftrag, Reformen als Gerücht, Service als Lotto – manchmal gewinnt man, meistens gewinnt die Kammer.
Sie vertritt nach eigener Zählung mehr als 590.000 Mitgliedsbetriebe. 590.000 gesetzlich verordnete “Kunden”, die täglich beweisen, dass man auch ohne Zuneigung zusammenbleiben kann: mit Paragraphen. Und natürlich misst die Kammer auch die Zufriedenheit. Note 1,15, liest man. Das ist beneidenswert – ich hätte gerne auch ein Zeugnis, das ich mir selbst ausstelle.
Der jüngste Beweis für diese Kammer-Magie war Harald Mahrers Abgang. Nicht weil er persönlich das System erfunden hätte, sondern weil er nicht begriff, wie toxisch es aussieht, wenn man oben das Glas hebt, während unten das Personal über “Augenmaß” belehrt wird. Seit Juli 2025 lag Mahrers Funktionsentschädigung als WKÖ-Präsident bei 15.158,60 Euro brutto monatlich (zwölfmal). Die Debatte eskalierte, weil in mehreren Landeskammern die Bezüge um bis zu 60 Prozent stiegen – etwa in Tirol von rund 6.400 auf rund 10.000 Euro. Und dann wurde es wirklich österreichisch: Die Moralpredigt kam ausgerechnet aus Häusern, in denen die eigenen Tabellenzeilen besonders fett gedruckt waren.
Das Skandalöse ist nicht nur das Geld, sondern die Selbstverständlichkeit. Walter Ruck in Wien erklärte seinen Bezug von 14.076 Euro brutto (zwölfmal) für “angemessen” – die Kammer als Privatwirtschafts-Simulation, nur ohne Markt. Barbara Thaler in Tirol verteidigte ihr – später ausgesetztes – Plus auf 10.394 Euro. Oberösterreichs Chefin Doris Hummer begrüßte den Stopp heuchlerisch – von ihr mitgeplant waren dort 9.853 Euro. Und die Bundes-WKO? Sie drückte den Pauseknopf, versprach externe Prüfung – und budgetierte dafür 675.000 Euro netto bei KPMG. Ergebnis: Juni. Die Reform, die man nicht hat, wird nun teuer untersucht.
Seit Jänner 2026 heißt die Präsidentin Martha Schultz. Viel gehört hat man bisher vor allem: “Es wird geprüft”, “es wird reformiert”, “bitte keine Emotion”. Laut WKÖ-Offenlegung bezieht die Präsidentin 2026 als “tatsächliche Entschädigung” 12.524 Euro brutto monatlich – also unter der Höchstgrenze. Gratulation: Der Pflichtverein hat entdeckt, dass auch ein bisschen weniger noch immer sehr viel ist.
Ich war als Wirtschaftsjournalist mit Jus- und Wirtschaftsstudium ein überzeugter Gegner der Pflichtmitgliedschaft. Dann wurde man milder, wie man gegenüber einem alten Onkel milder wird, der auf Familienfeiern immer denselben Witz erzählt. Aber irgendwann merkt man: Der Onkel ist nicht nur peinlich, er kassiert auch Eintritt.
Ohne Wettbewerb bleibt die Kammer, was Zwangssysteme immer sind: bequem für sich selbst und schwerfällig für alle anderen. Überdies anfällig für Unterschleif: sei es beim aktuellen Wiener Präsidenten Ruck, sei es beim bis 2022 in Personalunion mit dem Wirtschaftsbundvorsitz agierenden Vorarlberger Kammerpräsidenten Hans-Peter Metzler.
Wer heute mit Unternehmerinnen und Unternehmern spricht, hört selten “Dank WKO!”, öfter “Gebühren, Formulare, Durchwinken”. Die Hälfte der Services ist für die Katz, die andere Hälfte könnte auch eine ordentliche, freiwillige Interessenvertretung liefern. Außenhandelsdelegationen? Nett. Dafür braucht man keinen Pflichtapparat, der Reformen wie Tickets verteilt: Nummer ziehen, geduldig bleiben – und bitte nicht auflegen!
Kommentar