“Vorarlbergs Kultur steht auf dem Spiel”

Die Unsicherheit bei den Kulturschaffenden ist groß. „Am Ende bleibt Angst vor dieser Entwicklung.”
Dornbirn Mit der Kampagne „Kultfür!“ formiert sich in Vorarlberg breiter Widerstand gegen drohende Einsparungen im Kunst- und Kulturbereich. Bei der Präsentation der Initiative in Dornbirn warnten Mirjam Steinbock von der IG Kultur Vorarlberg, Sabine Benzer vom Feldkircher Saumarkt, Herwig Bauer von der Poolbar und Heike Kaufmann vom Spielboden vor den Folgen ausbleibender Förderanpassungen und möglicher Budgetkürzungen. Ihre zentrale Botschaft: Kultur ist kein Luxus, sondern Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge.

Die Kampagne entstand vor dem Hintergrund aktueller Kürzungen im Kulturbereich der Stadt Feldkirch, zugleich richten die Initiatoren den Blick auf mögliche Einschnitte auf Landes- und Bundesebene. Bereits kurz nach dem Start seien mehr als 100 Solidaritätsbekundungen aus Kultur, Bildung, Wirtschaft, Tourismus und Zivilgesellschaft eingelangt.

„Kunst und Kultur stehen extrem auf dem Spiel“, sagte Steinbock. Die Situation erinnere an die Zeit nach der Pandemie. Wieder müsse erklärt werden, warum Kultur für das gesellschaftliche Leben unverzichtbar sei. Kulturzentren, Vereine, Theater, Galerien und soziokulturelle Einrichtungen seien Orte der Begegnung und Bildung. Sie böten niederschwellige und möglichst barrierefreie Angebote für Menschen aller Generationen.

Viele Einrichtungen arbeiteten seit Jahren mit knappen Budgets und verfügten über keinerlei Reserven. Gemeinnützige Institutionen seien nicht darauf ausgelegt, Gewinne zu erwirtschaften oder Rücklagen anzusparen. „Wir werden uns nicht gegen das Sparen wehren, aber wir haben nichts mehr zu sparen“, so Heike Kaufmann vom Spielboden. An diesem Punkt bedeute Sparen nicht mehr Verzicht, sondern unmittelbare Zerstörung. Weitere Einschnitte würden damit unmittelbar an die Substanz gehen.

Sabine Benzer schilderte die Lage am Beispiel des Saumarkts. Die Feldkircher Kulturinitiative vereine zeitgenössische Kunst, Literaturvermittlung, Kinder- und Seniorentheater sowie zahlreiche ehrenamtliche Aktivitäten unter einem Dach. Gerade diese Vielfalt sei gefährdet, wenn Fördermittel ausbleiben oder reduziert werden. Weniger Budget bedeute weniger Engagements, weniger Veranstaltungen und weniger Raum für Experimente. Eine Inflationsabgeltung habe es trotz der starken Teuerung der vergangenen Jahre nicht gegeben, sagte Benzer. „Gleichzeitig sollen und wollen wir Künstlerinnen und Künstler fair bezahlen, müssen Hotels finanzieren, Reisekosten tragen und die laufenden Kosten stemmen. Da stoßen wir natürlich an Grenzen.“ Besonders betroffen wären Autorinnen und Autoren, für die Lesungen eine wichtige Einnahmequelle seien.
Übersiedlung der Poolbar?
Auch Bauer warnte vor langfristigen Folgen. Die Poolbar und andere freie Kulturinstitutionen hätten über Jahrzehnte Strukturen aufgebaut, die nicht einfach ersetzt werden könnten. Aufbauarbeit brauche Zeit, Vertrauen und Planungssicherheit. „In Wirklichkeit hat der Kulturbereich für die Gesellschaft jahrzehntelang völlig unterbezahlt und unterdotiert Großartiges geleistet und viel aufgebaut. Darauf muss auch die Politik stolz sein. Niemand wird bestreiten, dass Vorarlberg eine sehr lebendige Kulturszene hat. Aber wir laufen jetzt Gefahr, dass Vorarlberg auf diese lebendige Kulturszene verzichten muss, weil es tatsächlich ans Eingemachte geht.“ Wie ernst die Lage eingeschätzt wird, zeigte eine weitere Aussage Bauers. Selbst eine Übersiedlung der Poolbar sei mittlerweile nicht mehr völlig ausgeschlossen. „Wir haben keinerlei Bedürfnis, diesen Schritt zu setzen, aber als Notlösung steht diese Option natürlich im Raum.“

Trotz aller Sorge wollen die Beteiligten den Dialog mit Politik und Verwaltung fortsetzen. Die Unsicherheit sei jedoch groß. „Am Ende bleibt Angst vor dieser Entwicklung“, sagte Steinbock.

Der Appell der Initiative richte sich aber nicht ausschließlich an die Politik, sondern ebenso an die Bevölkerung. Gerade in der Pandemie sei sichtbar geworden, wie sehr Menschen auf Kultur angewiesen seien. „Wir brauchen Kultur. Jede und jeder von uns“, sagte Steinbock. Kultur sei Nahrung. „Und wenn man das nicht mehr hat, dann fehlt uns ein Nahrungsmittel.“