Sommernachtsträume in Riga

Reise / 22.03.2013 • 11:45 Uhr / 5 Minuten Lesezeit

Kurze Anreise, viel Kultur – die lettische Hauptstadt ist immer einen Besuch wert.

Reise. (VN-S. F. Lucas/SRT) Ligo heißt die kürzeste Nacht des Jahres in Riga. Es ist ein Fest der Natur und der Fruchtbarkeit, bei dem die Letten das tun können, was sie am liebsten tun: feiern. Das hält sie zusammen. Auch in der Mittsommernacht am 22. Juni werden sie am Ufer der Daugava wieder nationalbewegt gemeinsam singen, essen, tanzen: Die biedere Hausfrau mit dem Punk, die Jugendgruppe mit dem Penner, Mütter mit Babys im Arm, junge Kerle in martialischer Aufmachung. Denn bei den Festen verwischen sich die Gegensätze in der Hauptstadt Lettlands.

Die Zeit der Sommerfeste

Riga ist eine offene Stadt, lebensfroh trotz der Narben der Vergangenheit und aller Probleme, die nach der geplatzten Immobilienblase nicht kleiner wurden. „Man hat nur auf Pump gelebt“, erklärt die Lettin Galina achselzuckend, „Wer in den goldenen Jahren keinen Kredit aufgenommen hat, der galt als blöd.“ Die goldenen Jahre sind längst vorbei, die Korruption hat sie verschluckt – 2010 veröffentlichte eine Hackergruppe Daten über Schmiergelder. „Der Alltag ist schwer“, sagt die Reiseleiterin. „Umso wichtiger sind für uns die Feste.“ Vor allem im Sommer kommt die Stadt vor lauter Festivitäten kaum zur Ruhe. Kein Wunder, dass Riga zuletzt zu den beliebtesten Reisezielen zählte, die Besucherzahlen stiegen um 30 Prozent. Nicht ohne Grund: Die größte Stadt des Baltikums ist gerade mal zweieinhalb Flugstunden von Österreich entfernt, sie bietet bezahlbare Unterkünfte und ein munteres Nachtleben. Auch Kulturliebhaber kommen auf ihre Kosten. Seit 1997 gehört die Innenstadt zum UNESCO-Weltkulturerbe, 2010 war Riga europäische Kulturhauptstadt. Weltberühmt ist die alte Hansestadt vor allem wegen ihrer Jugendstilbauten.

Berühmte Jugendstilbauten

600 dieser opulent dekorierten Häuser sind noch erhalten und nicht nur die fantastischen Eisenstein-Ensembles in der Elizabethstraße lassen die Kameras klicken. Die Stadt hat mehr zu bieten: Aus dem Mittelalter stammen die „Drei Brüder“, schmalbrüstige Häuser mit spitzen Giebeln, die von polnischen Fachleuten sorgsam restauriert wurden. Und dann ist da natürlich das wichtige „Schwarzhäupterhaus“ mit der Inschrift „Soll ich einmal fallen nieder, so erbaut mich wieder.“ Der Wiederaufbau des im Zweiten Weltkrieg völlig zerstörten Gildehauses war denn auch für die Rigaer eine Herzensangelegenheit. „Selbst alte Frauen spendeten von ihrer kargen Rente“, berichtet Galina. Heute erstrahlt das gotische Haus wieder in alter Pracht. Fünf Jahre lang lebte der Philosoph Johann Gottfried Herder als Lehrer in der Domschule in Riga, wo er nach eigener Aussage „so frei, so ungebunden gelebt, gelehrt, gehandelt“ hat, „als ich vielleicht nie mehr imstande sein werde zu leben, zu lehren und zu handeln“. Das freie Leben in Riga hat auch Richard Wagner gelockt, der in der Stadt seine erste Oper komponierte, „Rienzi“. Das Gastspiel des Komponisten dauerte gerade mal zwei Jahre. Wagner häufte Schulden über Schulden an und musste Hals über Kopf vor seinen Gläubigern fliehen.

An der Schwelle Europas

Die zahnlosen alten Männer, die im Park Schach oder Dame spielen, haben die schweren Jahre nach den Weltkriegen sicher noch im Kopf – und die Befreiung, die 1989 die Wende brachte. „Die baltischen Staaten stehen an der Schwelle Europas“, jubelten die Menschen, die am 23. August eine Kette bildeten von Tallinn in Estland über Riga bis nach Kaunas, der alten Hauptstadt Litauens. Für die jungen Leute, die heute in den riesigen Einkaufszentren auf Schnäppchenjagd gehen und in den Freiluftcafés russischen Kaffee schlürfen, sind das Geschichten von gestern. Sie haben andere Probleme. Jetzt im Frühling blüht die Stadt aber förmlich auf. Es grünt und blüht an den Kanalanlagen und im Wöhrmannschen Garten, dem Vermanes darzs im Zentrum der Stadt.

„Die Letten haben zehn grüne Finger“, sagt unsere Führerin Galina selbstbewusst und weist auf die blühende Pracht: „Riga ist einfach eine schöne Stadt.“ Da kann man glatt alle Probleme vergessen.