Ateliers statt Fabriken in China

Reise / 01.08.2014 • 10:41 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Ateliers statt Fabriken in China

Hinter dem herben Charme von Songzhuang blüht die Kunst. Zu Besuch im Künstlerdorf.

reise. (srt/Christian Nowak) Die Industriestadt Songzhuang bei Peking hat sich zum kreativsten Zentrum der modernen Kunst in China gemausert und selbst der Beijing 798 Art Zone, bekannt durch die Kunstikone Ai Weiwei, den Rang abgelaufen. Maler, Bildhauer, Fotografen und Konzeptkünstler haben in Songzhuang Fabrikgelände in Ateliers umgewandelt und können hier, von der Staatsmacht relativ unbehelligt, arbeiten.

Ein wenig schüchtern steht Li Xiu Fang in ihrer Werkstatt, denn Besuch aus dem fernen Deutschland hatte sie noch nie. So wirkt sie zwischen all den extravaganten Lampen, an denen sie gerade arbeitet, ein wenig verloren. Aus Guandu, der Hauptstadt der Provinz Yunnan, stamme sie und arbeite seit zehn Jahren als Künstlerin. Früher sei die Werkstatt Teil eines kleinen Bauernhofs gewesen, hinter dem Haus liegen noch heute Felder. Für ihre Kreationen verwendet sie viele Naturmaterialien, aber auch Kunststoff und Metall. Sie zeigt auf die gerade daumennagelgroßen braunen Punkte auf den Lampenschirmen: „Das sind Jadeschmetterlinge, hauchzarte Samen, die im Herbst von jedem Windhauch wie Schmetterlinge über die nahen Felder getragen werden.“ Aber erst, wenn Li das Licht in ihren Lampen anschaltet, erwachen sie zum Leben. Dann erstrahlen sie in warmen Farben, werden zu fast magischen Kunstobjekten, die die Fantasie anregen. Gleich mitnehmen möchte man sie, doch fürs Handgepäck sind sie viel zu groß. Songzhuang nennt sich Art Village, Künstlerdorf. Wer jedoch ein pittoreskes Dorf erwartet, wird enttäuscht. Der Ort, gut eine Autostunde östlich des Pekinger Zentrums, ist keine ländliche Idylle, sondern eine Industriestadt mit 100.000 Einwohnern. Selbst der künstliche See mit seinen felsigen, nur von spärlichem Grün bewachsenen Ufern wirkt wie eine Industriebrache. Schnurgerade, trostlos und staubig zieht sich die von Industrieanlagen gesäumte Hauptstraße durch den Ort. Nur die zahlreichen, teils meterhohen Skulpturen, die schon von der Straße aus zu sehen sind, lassen erahnen, welch kreatives Potenzial in den schmucklosen Lagerhallen und Bürogebäuden steckt.

„Viel Platz, viel Ruhe, erschwingliche Mieten und wenig Kontrolle“ waren für Li Xiu Fang entscheidende Argumente, sich in Songzhuang niederzulassen. Mittlerweile fährt sie nur noch selten mit dem Bus nach Peking. Seit Anfang der 1990er-Jahre zieht es Künstler nach Songzhuang – und jedes Jahr sind es mehr. Viele kommen aus der Beijing 798 Art Zone,

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