Reisereportage aus Madeira: Insel der Gärtner

Reise / 25.05.2019 • 15:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
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Botanische Gärten, Gartenhotels, Gartenführungen: Die Bewohner der Atlantikinsel haben den „grünen Daumen“.

Die Magnolien sind verblüht, ein dichter Blütenteppich bedeckt den Boden. Beim Spazieren knackt und knirscht es deshalb unter den Füßen. Ein gigantischer Rhododendron ragt wie ein rosafarbener, lebender Turm in den Himmel – die prächtigen Büsche mit Herkunft im Himalaya haben im Mai ihre beste Zeit. In Serpentinen schlängeln sich Pfade durch den üppigen Garten, dazwischen liegen Häuschen im Cottage-Stil. „Vor 25 Jahren haben wir angefangen zu pflanzen“, sagt Pedro Costa Neves. „Wir sind 700 Meter über dem Meeresspiegel, das ist die ideale Höhe für Magnolien, Kamelien und Azaleen.“ Rund um den 5000 Quadratmeter großen Garten erstreckt sich ein urwüchsiger Lorbeerwald. Der Gärtner und seine Frau Filomena Goncalves sind eigentlich Ärzte, doch nebenbei zeigen sie Besuchern ihren Park und vermieten Zimmer. Pedro Costa Neves pflückt eine tiefblaue Blüte – sie ist so makellos und ebenmäßig geformt, dass man sie für eine Plastikblume halten könnte. „Je kühler die Nächte sind, desto blauer werden die Kamelien“, erklärt er. Der Garten ist seine Leidenschaft – wie für die meisten Bewohner Madeiras. Die Insulaner hatten schon immer einen „grünen Daumen“. Ihre Hausgärten wurden ab Mitte des 17. Jahrhunderts durch englische Gärten bereichert, als Großbritannien in den Handel mit Madeira-Wein einstieg.

3000 Pflanzenarten

Die reichen Besitzer der Handelshäuser errichteten sich „Quintas“ – prächtige Güter mit Herrenhaus, Waldbestand, Plantage und Garten. Es brach ein regelrechter Wettstreit aus, wer die exotischsten Gärten besaß. An neuen Gewächsen bestand kein Mangel: Viele Auswanderer brachten Setzlinge aus aller Welt zurück in die Heimat – fast 3000 Arten sind inzwischen katalogisiert.

Manche der historischen Quintas wurden in Hotels verwandelt, zum Beispiel die Quinta da Casa Branca, einst Weingut, später Bananenplantage, heute ein Gartenhotel. „Die Plantage war unser Spielplatz“, sagt Afonso Tavares da Silva, graues Haar, eleganter dunkler Anzug. Der Inhaber der Quinta erzählt in distinguiertem „british English“ von seiner Kindheit. „Wir bauten Hütten und schaukelten an langen Tauen durch die heißen Tage.“ Erwachsene wurden nur im Notfall gebraucht: „Einmal mussten die Gärtner meinen Bruder aus einem Baum befreien“, erinnert sich Tavares da Silva. „Ein anderes Mal hatte sich ein Freund an Bananen überessen – ich glaube, er rührte danach nie wieder eine an.“ Als die Bananen unrentabel wurden, ließ die Familie ein Designhotel in ihren Garten bauen. Wenn die Gäste auf ihre Terrasse treten, stehen sie in einem Blütenmeer. Der Botaniker Raimundo Quintal hat nicht nur die Pflanzen des Parks katalogisiert, sondern auch den Mitarbeitern Vorlesungen darüber gehalten – vom Zimmermädchen bis zum Rezeptionisten. „Sie sollen keine Botaniker werden“, sagt er. „Aber sie sollen ein Gefühl für die Pflanzen entwickeln, um sie den Gästen erklären zu können.“

Die größte Pflanzenvielfalt Madeiras findet man im botanischen Garten der Hauptstadt Funchal.  Shutterstock
Die größte Pflanzenvielfalt Madeiras findet man im botanischen Garten der Hauptstadt Funchal. Shutterstock

Botanischer Garten in Funchal

Madeirenser ohne eigenen Garten schwärmen am Wochenende in den einheimischen Lorbeerwald aus – oder sie besuchen einen der renommierten Parks. Die größte Vielfalt erlebt man im botanischen Garten der Hauptstadt Funchal: Araukarien aus Chile, Proteen und Aloen aus Südafrika, Kamelien und Rhododendren aus Asien, Mammutbäume aus Nordamerika, Kauris aus Neuseeland und Jacarandas aus Brasilien. Über diese Pracht wacht Rosário Vasconcelos. Der Arbeit in der Natur verdankt die 57-Jährige ihre gebräunte Haut und viele Sommersprossen. In ihrer Uniform mit karierter Schürze und robusten Schuhen reinigt sie heute Bromelien. Hunderte der Epiphyten warten darauf, in den Grünanlagen der Stadt eingepflanzt zu werden. Ihre Leidenschaft für Blumen nimmt Vasconcelos mit in den Alltag: Weil sie keinen eigenen Garten hat, durchstreift sie an den Wochenenden die Insel, besucht Blütenfeste und Gärten. Vielleicht landet sie dann auch einmal bei Pedro Costa Neves. Ganz egal zu welcher Jahreszeit, irgendetwas blüht immer. Schließlich ist Madeira die „Insel des ewigen Frühlings“. Oliver Gerhard (SRT)

Madeira

Größe 740,8 Quadratkilometer

Lage rund 740 Kilometer von der marokkanischen Küste zwischen den Kanaren und den Azoren im Atlantik.

Klima Im Winter frühlingshafte Temperaturen mit viel Sonnenschein um die 20 Grad, im Sommer wird es nicht wärmer als 30 Grad.

Land Portugal