VN-Reisebericht Amsterdam: Kein Espresso im Coffeeshop

Reise / 13.10.2019 • 08:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
BEATE RHOMBERG

Kanäle, Coffeshops und sündige Meilen: Amsterdam ist eine kunterbunte Metropole mit Sinn für Schräges.

Die Morgensonne lässt glitzernde Strahlen auf der Gracht blinken. Ein Hausboot mit einer eingetopften Yuccapalme an Deck dümpelt träge vor sich hin, die Bewohner schlafen noch. Elegante Patrizierhäuser reihen sich an den Ufern entlang, fast abweisend mit ihren streng geometrischen Fassenden. Noch ist es ruhig im Herzen der Stadt, dort wo Herengracht, Keizersgracht und Prinsengracht im Halbrund nebeneinander liegen. Wie gerne würde man als fremder Besucher einmal eine der kleinen Treppen mit ihren schmiedeeisernen Geländern hochsteigen, durch eine der hohen Türen treten und schauen, was sich im Inneren der noblen Stadtpaläste verbirgt, die von Amsterdams goldenem Zeitalter im 17. Jahrhundert erzählen.

Was unmöglich erscheint, lässt sich aber tatsächlich realisieren. Einmal im Jahr wird zum Tag der offenen Gärten geladen. Einige der schönsten Grachtenhäuser öffnen dann ihre Türen, sodass man einen Blick ins Innere werfen kann und durch die Hintertür ins Grüne tritt. Auch viele Privatleute machen mit. Miep im Blumenkleid und mit hochgestecktem Haar und ihr Nachbar Hans mit Baskenmütze sitzen an einem polierten Kirschholztisch im Salon und nippen am Earl Grey in feinen Porzellantassen. „Welkom“, begrüßen sie die Besucher, die sich ein Ticket für die Gartentour gekauft haben und nun zu Fuß, mit dem Rad oder einem Kanalboot die einzelnen Stationen ansteuern. Durch die Hintertür geht es in einen verwunschenen Garten mit einem plätschernden Brunnen und einem von Kletterrosen umrankten Gartenpavillon. In Amsterdams Gärten und Hinterhöfen gibt sich die Metropole fast dörflich, es sind idyllische Oasen inmitten einer trubeligen Metropole, die rund ums Jahr Touristen aus aller Welt anzieht – zu viele, meinen manche.

Doch die Stadt an der Amstel mit ihren vielen tausend denkmalgeschützten Häusern ist eine Schönheit, die auch unter dem Ansturm von Besuchern nicht an Glanz verliert. Neben Ästheten kommen auch kunstsinnige Gäste auf ihre Kosten. Dreh- und Angelpunkt ist der Museumsplein mit gleich vier Kulturtempeln und dem für seine Akustik gefeierten Concertgebouw für klassische Musik. Wer sich für ein einziges Kunstmuseum entscheiden möchte, sollte das ­Rijksmuseum wählen. Ex-Präsident Barack Obama, so wird erzählt, landete mit seiner Air Force One extra in der Nähe des „Rijks“, nur um einmal einen Blick auf das berühmte Gemälde „Die Nachtwache“ von Rembrandt werfen zu können. Das nach seiner Renovierung 2013 in neuem Glanz wiedereröffnete Museum beherbergt mehr als 8000 Exponate von internationaler Bedeutung.

"Die Nachtwache" von Rembrandt lockt viele Besucher an. Beate Rhomberg
„Die Nachtwache“ von Rembrandt lockt viele Besucher an. Beate Rhomberg

Eine Stadt mit Ecken und Kanten

Doch Amsterdam zeigt nicht nur ein hübsches Antlitz oder lockt mit Kunst und Geschichte. Die Stadt hat Ecken und Kanten, ist mal schrill und laut, mal schräg und skurril. Wer Hamburgs Reeperbahn verrufen findet, kennt Amsterdams Rot-Licht-Viertel noch nicht. Tagsüber kann man als unbedarfter Tourist allerdings durchaus durch die sündigen Gassen zwischen Neumarkt, Hauptbahnhof und dem Dam schlendern und sich ein Bild vom Leben der Nacht machen. Ein weiteres Markenzeichen sind Amsterdams Coffeeshops. Hier landen allerdings nicht vorrangig Espressi und Cappuccini auf dem Tisch, sondern es wird, von der Polizei toleriert, Cannabis verkauft und geraucht – in kleinen Mengen und unter festen Auflagen. Was andernorts verboten ist, gilt hier als legal und trägt auch nicht unwesentlich zum Lifestyle der Stadt bei. Die zahlreich vorhandenen Coffeeshops sorgen nicht zuletzt dafür, dass Amsterdam ein Magnet für junge Leute aus aller Welt ist.

Beate Rhomberg
Beate Rhomberg

Sehenswert ist aber auch der schwimmende Blumenmarkt. Jeden Tag werden an der Singel-Gracht die Verkaufsstände auf schwimmenden Pontons geöffnet – ein Paradies für Pflanzenliebhaber. Sowieso lockt Amsterdam mit einer Vielzahl attraktiver Straßenmärkte. Da gibt es den Albert Cuypmarkt mit einem originell gemischten Sortiment, den Flohmarkt in den IJ-Hallen und den Noordermarkt für Leckereien von Bio-Säften über Öko-Käse bis zu selbstgebackenen Keksen. Ja, auch das ist Amsterdam: einfach „lekker”! Jutta Lemcke (SRT)

Amsterdam

Land Niederlande

Bevölkerung 821.752 Einwohner

Fortbewegung Das Zentrum ist zu Fuß gut zu erkunden. Alternativen sind die Kanalboote oder das Fahrrad. Empfehlenswert ist die City Card, mit der man die Verkehrsmittel nutzen kann und freien Eintritt zu vielen Museen erhält.