Island: Schnorcheln zwischen den Kontinenten

Reise / 12.01.2020 • 08:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
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Wegen ihrer klaren Sicht und den psychedelischen Blautönen zählt die isländische Silfra-Spalte, an der zwei Kontinente auseinanderdriften, zu den aufregendsten Tauch- und Schnorchelspots der Welt – auch im Winter.

Reykjavik Das Außenthermometer zeigt 19 Grad. Minus 19 Grad. Und es geht zum Schnorcheln. Nicht in einem der vielen isländischen Warmwasser-Schwimmbäder oder in der dampfenden Blauen Lagune, sondern bei zwei Grad Wassertemperatur in der berühmten Silfra-Spalte am Thingvellir-See – mitten in der Wildnis. Doch so unscheinbar der Wasserlauf in der leicht welligen Schneelandschaft aussehen mag: Wegen des extrem klaren Wassers und weil hier zwei Kontinente auseinanderdriften, gilt diese als einer der besten Tauch- und Schnorchel-Spots der Welt. Im Sommer strömen hier – erst recht, seit Island so enorm boomt – nicht nur Wassermengen durch den natürlichen Kanal, sondern auch jede Menge Touristen. Im Winter hingegen ist wenig los und die Temperaturen im Wasser sind ohnehin das ganze Jahr über gleich kalt. „Es ist der kälteste Tag, an dem wir das je gemacht haben“, sagen Max und Ian, die Trockenanzüge von M bis XXL reichen, steifgefrorene Tauchanzüge mit warmem Wasser warmspülen und vor allem skeptische Teilnehmer überzeugen. Letztlich willigen alle in das bizarre Vorhaben ein. Guide Gaddi verrät noch Tricks für „untenrum“: „Thermowäsche, doppelte Socken und auf keinen Fall Baumwolle“, denn wenn das nass wird, kühlt der Körper sehr schnell aus. Auskühlen – da bekommt man beim Umziehen auf dem Parkplatz inmitten des Nationalparks einen Vorgeschmack. Einige aus der Gruppe lassen im beheizten Van die Hosen runter, doch nicht für alle ist Platz. Also streifen manche in der Kälte, die selbst für isländische Verhältnisse eisig ist, Schneehose, Jacke und Pullover ab und hüpfen rasch in den XXL-Teddybärenanzug und in den superengen Neoprenanzug. Dann watscheln sie wie behäbige Michelin-Männchen los und kommen schon nach drei Minuten am Einstieg an.

Wäre da nicht die stählerne Plattform, würde man die Spalte kaum als solche erkennen. Schließlich sieht sie aus wie ein größerer Bach, der sich hier durch die niedrig bewachsene Landschaft schlängelt. Doch der wenige bis maximal zehn Meter breite Wasserlauf, der nach einigen Hundert Metern in den Thingvellir-See mündet, ist ein besonderer. Hier driften die Kontinentalplatten von Nordamerika und Eurasien bis zu zwei Zentimeter pro Jahr auseinander. Die Sichtweiten bei der „Silbernen Frau“, so die Bedeutung des Wortes „Silfra“, reichen manchmal bis 100 Meter. Denn das kalte Schmelzwasser des Langjökull-Gletschers fließt jahrelang durch filterndes Lavagestein, bevor es aus unterirdischen Quellen wieder hervorquillt. Das alles erklärt Ian den Schnorchlern, bevor sie ins Wasser gleiten, sich wie aufgeblasene Puppen treiben lassen und durch ihre Taucherbrillen nach unten gucken. Kurz herrscht die Sorge, dass trotz enger Verpackung Wasser einströmen könnte, doch die kommenden 45 Minuten, in denen die langsame Strömung die Schnorchler fast automatisch durch die verschiedenen Passagen treibt, bleiben überwiegend trocken. Mal ist es so seicht, dass man gerade so über die schroffen Lavafeldformationen gleitet, mal geht es bis zu 37 Meter in die Tiefe.

Beim Schnorcheln und Tauchen in der Silfra-Spalte sieht man aufgrund des klaren Wassers bis zu 100 Meter weit. <span class="copyright">Shutterstock</span>
Beim Schnorcheln und Tauchen in der Silfra-Spalte sieht man aufgrund des klaren Wassers bis zu 100 Meter weit. Shutterstock

Von Unterwasserdampf oder Rauch keine Spur, ebenso wenig von Fischen oder Pflanzen. Nur ein paar Algenteilchen schweben vorbei. Dafür sorgen verschiedene Blau- und Grüntöne für echte Begeisterung. Frosttemperaturen – pah. Richtig kalt wird es erst wieder beim Ausstieg ein paar Hundert Meter weiter. Eine bleibt prompt mit ihren Handschuhen am eisigen Geländer kleben. Kicherstimmung dann am Van, wo man – die Taucheranzüge frieren in Nullkommanix an – kaum aus den Anzügen kommt. Bei Juliana ist es besonders schwierig, drei Männer müssen ihr förmlich den Anzug vom Leib reißen. „Ich komm’ mir vor wie bei der Geburt!“, witzelt sie. In der Tat: Man fühlt sich wie neugeboren. Vollgepumpt mit Adrenalin ist manchem so warm, dass er gut gelaunt ohne Handschuhe und Jacke umherläuft – vor einer Stunde undenkbar. Einige Mitschnorchler jedoch stellen (sich) immer noch die Sinnfrage, warum man ausgerechnet im Winter in so kaltes Wasser steigen sollte. Dazu meint Gaddi: „Im Sommer ist es im vier Grad warmen Wasser auch nicht viel komfortabler. Heute waren die zwei Grad zumindest deutlich wärmer als draußen.“ Christian Haas (srt)

Schnorcheln in der Silfra-Spalte

Veranstalter Arctic Adventures bietet tägliche 3-stündige Touren inklusive Guide und Equipment für ca. 110 Euro/Person an.

Mindestalter 12 Jahre

Reisezeit Das ganze Jahr über, besonders eindrucksvoll ist das Schnorcheln zwischen Dezember und Februar.

Info Visit Iceland, www.icetourist.de