Reisebericht Qatar: Kleiner als riesig geht nicht

Reise / 26.01.2020 • 12:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Der Stadtteil Westbay entsteht in Doha seit 2004 komplett neu. SHUTTERSTOCK

Das Emirat am Persischen Golf, das die Fußball-WM 2022 ausrichten will, mag es gerne groß.

Doha Das Baby ist groß, mit vier Metern ein Riese. Es ist das letzte einer Reihe von 14 Skulpturen, die Damien Hirst 2013 in Doha vor das Medical and Research Hospital gestellt hat. Die „Miraculous Journey“, wie der Künstler seine Mega-Installation nennt, zeigt die Entwicklung von der Befruchtung bis zur Geburt. Und das dank der gigantischen Ausmaße in allen Details. In einem islamisch geprägten Land wie Katar eine Provokation. Erst seit kurzem präsentieren sich alle 14 Skulpturen unverhüllt. Und bei der schieren Größe stellt sich die Frage: „Geht’s nicht auch eine Nummer kleiner?“ Die gilt übrigens für ganz Katar. Denn das kleine Emirat mag’s gern groß, riesengroß. Das liegt auch daran, dass Geld hier keine Rolle spielt. Es liegt buchstäblich unter der Erde: Katar verfügt nicht nur über riesige Erdölvorkommen, sondern auch über Erdgasvorräte, die jedes Jahr 30 bis 40 Milliarden Dollar in die Kassen des Emirats spülen und den Bürgern das höchste Pro-Kopf-Einkommen der Welt bescheren. Das gilt allerdings nur für die Landeskinder, die mit 300.000 nur einen Bruchteil der 2,6 Millionen Einwohner stellen. Expats sind dabei, darunter 1500 Deutsche. Der Großteil aber sind Gastarbeiter, die nur einen sehr geringen Anteil am nationalen Wohlstand haben.

Scheich Tamim bin Hamad Al Thani kann aus dem Vollen schöpfen, er engagiert Stararchitekten aus aller Welt und sorgt für einen Baumboom ohnegleichen. Natürlich waren sie alle hier, die Architekten mit den großen Namen: Ieoh Ming Pei, der im Mai im Alter von 102 Jahren verstorbene Architekt der Glaspyramide im Pariser Louvre, hat das ikonische Museum für Islamische Kunst geplant. Selbstbewusst forderte er eine Alleinstellung seines Museums – und Qatar schüttete einfach Land auf. So macht man das in dem kleinen Land, das etwa halb so groß ist wie Hessen und beim Geldausgeben keine Grenzen kennt.

Der Architekt Ieoh Ming Pei, der schon das Louvre plante, hat sich mit dem Museum für Islamische Kunst auch in Doha verewigt. <span class="copyright">Shutterstock</span>
Der Architekt Ieoh Ming Pei, der schon das Louvre plante, hat sich mit dem Museum für Islamische Kunst auch in Doha verewigt. Shutterstock

Ein komplett neuer Stadtteil – das seit 2004 entstehende Westbay – ist auf Sand gebaut, mittendrin der Burj Doha von Jean Nouvel, ein runder Turm, der aussieht, als trüge er einen Überzug aus Spitze. Gleich daneben der Tornado Tower, dessen gedrehte, dynamische Form an einen Wirbelsturm erinnert. Dort wird bald die Deutsche Botschaft einziehen. Platzhirsch in Westbay ist das von dem Libanesen Marwan Zgheib gegründete Architekturbüro MZ & Partners, das auch an der Energy City Katar beteiligt ist – und natürlich auch am Bau der 32 für die umstrittene Fußball-WM geplanten Stadien. In Lusail, ebenfalls einem Stadtteil aus der Retorte, hat das Büro von Sir Norman Foster das Stadion für das Eröffnungsspiel wie eine goldene Schüssel geplant. An die Form von Dhau-Segeln erinnert das Al Wakrah Stadion, entworfen von Zaha Hadid Architects.

Die großen Namen der Architektur

Doch nicht nur in Westbay und in den Stadien haben sich die großen Namen der Architektur ein Denkmal gesetzt. Jean Nouvel hat auch das Nationalmuseum in Form einer Wüstenrose geplant, einen faszinierenden aber auch gigantischen Bau, in dem sich der ganze Nationalstolz des kleinen Landes zeigt. Gleich in der Nähe recken sich die zwei Minarette der neuen Moschee in den Himmel wie Startrampen eines Weltraumbahnhofs. Mangera Yvars Architects haben den ikonischen Bau für die Fakultät für Islamische Studien verwirklicht. Und für das Doha Visitors and Convention Center zeichnete der deutsch-amerikanische Architekt Helmut Jahn verantwortlich.

Kein Wunder, dass der Scheich auch im Untergrund Wert auf schöne Architektur legt. Drei U-Bahn-Linien sind geplant, eine ist eröffnet. Doha Metro ist eines der wichtigsten Bauprojekte im Vorfeld der Fußball-WM. Die hohe Wölbung der Räume und das auffällige Lichtkonzept schaffen in den Bahnhöfen eine fast sakrale Atmosphäre, zumal sie noch eher menschenleer sind. Das soll sich bald ändern: Bis zur WM sollen 38 Stationen fertig sein. Bei der Menge von Arbeitern, die auf Qatars Baustellen schuften, wohl keine unerfüllbare Vision.

Man denkt eben groß im Emirat – und kann es sich leisten. Auch die liegende Skulptur „Holiday“ von Kaw ist mit 30 Metern Höhe riesig. Die Installation soll nach dem Willen des Künstlers dazu anregen, in unserer hektischen Welt auch mal zu entspannen … Simone F. Lucas (srt)

Katar

Hauptstadt Doha

Einwohner 2,639 Millionen

Zeitliche Differenz Winterzeit +2 Stunden

Währung Katar-Riyal

Reisezeit Herbst und Winter sind am günstigsten. Im Frühjahr und vor allem im Sommer kann es unerträglich heiß werden.

Sprache Arabisch

Kein geringerer als der Architekt Rem Koolhaas plante die Nationalbibliothek in Doha. <span class="copyright">Shutterstock</span>
Kein geringerer als der Architekt Rem Koolhaas plante die Nationalbibliothek in Doha. Shutterstock
Mit dem Souq Wakif, einem riesigen Markt, hat sich Doha dann doch auch noch ein bisschen Tradition bewahrt. <span class="copyright">Shutterstock</span>
Mit dem Souq Wakif, einem riesigen Markt, hat sich Doha dann doch auch noch ein bisschen Tradition bewahrt. Shutterstock