„Wikileaks hat vieles bewegt“

Spezial / 21.03.2013 • 23:24 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Simon Rogers kam eigens für das Editors’ Lab aus London nach Vorarlberg und inspirierte die Teilnehmer mit seinem Vortrag.
Simon Rogers kam eigens für das Editors’ Lab aus London nach Vorarlberg und inspirierte die Teilnehmer mit seinem Vortrag.

Simon Rogers vom „Guardian“ erklärt im VN-Gespräch, wie Journalismus 2.0 aussieht.

SCHWARZACH. Datenbasierter Journalismus gewinnt immer mehr an Bedeutung. Ein Vorreiter diesbezüglich ist Simon Rogers. Er und „The Guardian“ waren maßgeblich am Enthüllungsskandal von Wikileaks beteiligt. Sein Datablog auf der Homepage vom „Guardian“ ist mit drei Millionen Lesern monatlich der meistgelesene.

Herr Rogers, Datenjournalismus scheint die Zukunft zu sein. Warum?

Simon Rogers: Es sind verschiedene Dinge zusammengekommen. Das erste ist: Es stehen mehr Daten zur Verfügung denn je. Die ganzen Regierungen müssen ihre Statistiken veröffentlichen, schließlich will jeder transparent sein. Auf der anderen Seite gibt es heutzutage mehr Werkzeuge, um
Daten zu manipulieren. Zudem hatte der Datenjournalismus schon große
Momente wie Wikileaks.
Hier haben Medien gesehen, dass riesige Geschichten daraus entstehen können. Das große Plus ist, dass Journalisten Daten an die Oberfläche bringen können und die Leserschaft interaktiv einbinden.

Wäre Datenjournalismus schon vor 20 Jahren ohne die heutige Technik möglich gewesen?

Simon Rogers: Datenjournalismus hat es in irgendeiner Form immer schon gegeben, Sportreporter oder Wirtschaftsredakteure etwa haben immer mit Daten gearbeitet. Doch durch das Internet wurde der Datenjournalismus auch ein Stück weit zum Mainstream.

Ist diese Art von Journalismus nicht zeitaufwendig?

Simon Rogers: Da unsere Instrumente immer besser werden, würde ich sagen, dass es nach mehr Arbeit ausschaut, als es tatsächlich ist. Artikel, die in unserem Blog erscheinen, machen wir in ein paar Stunden.

In Österreich haben wir derzeit eine Transparenz-Diskussion. Legt die englische Regierung alle ihre Daten freiwillig offen?

Simon Rogers: Ja, alle Daten werden offengelegt. Jedoch in einer so unüberschaubaren Menge und oft in PDF-Form, sodass sie für uns unbrauchbar sind. Wir haben extra Mitarbeiter, die dafür zuständig sind, die Daten zu durchforsten.

Wann war der Moment, als man beim „Guardian“ erkannte, dass Datenjournalismus die Zukunft ist?

Simon Rogers: Natürlich als man sah, was Wikileaks auslöste und was Datenjournalismus imstande ist zu bewegen. Zudem haben wir in England ein Imagepro­blem. Es heißt bei uns, man solle nie einem Journalisten oder einem Politiker trauen. Deshalb ist es umso wichtiger, zu zeigen, mit welchen Daten man arbeitet und wie eine Geschichte zustande kommt.

Denken Sie, im regionalen Bereich kann Datenjournalismus ebenfalls eine große Rolle spielen?

Simon Rogers: Das Potenzial von Datenjournalismus für regionale Medien ist noch wesentlich größer als für internationale. Gerade im Kleinen kann man die Welt zu einem besseren Ort machen, wenn man den Leuten aufzeigt, wo was wie läuft.

Wie wichtig ist das GEN Editors’ Lab, das gerade im Medienhaus veranstaltet wird?

Simon Rogers: Ich finde es toll, dass ich Teil davon sein kann und in Vorarlberg bin. Die Tatsache, wie viele hierher gekommen sind, um sich über solche Dinge auszutauschen, ist ermutigend. Wir sind hier am Beginn von ­etwas ganz Großem, und genau solche Treffen wie hier sind es, die uns weiterbringen.

Eine große Geschichte, die Sie aufgedeckt haben, waren die privaten Ausgaben, die Parlamentsabgeordnete auf Kosten des Staatss abgerechnet haben. Dies haben Sie jedoch nicht alleine aufgedeckt …

Simon Rogers: Das stimmt. Das ist ein wichtiger Punkt des Datenjournalismus, den sie da ansprechen. Wir haben die Daten den Lesern auf unserem Blog zur Verfügung gestellt und sie darum gebeten, die Daten zu durchforsten und nach Ungereimtheiten Ausschau zu halten. In Zukunft sind nicht wir die Experten, sondern die Community. Deshalb wird es immer wichtiger, sie mit einzubinden, so bekommt eine Geschichte noch mehr Gewicht. Dennoch muss gesagt werden, dass es nicht die Antwort ist auf den alltäglichen Journalismus.

In Zukunft sind nicht wir die Experten, sondern die Communities.

Simon Rogers, The Guardian

Hacking-Weltcup

Das „Editors‘ Lab“ ist eine Workshop­serie, die gemeinsam mit den Vereinten Nationen (UNAOC) und mit Unterstützung der US-Journalismusstiftung The John S. and James L. Knight Foundation und Google stattfindet. Die Gewinner erhalten 5000 Euro und dürfen ihr Projekt, gemeinsam mit den Siegern der anderen Workshops aus Paris, Buenos Aires, New York, Amsterdam und Neu- Delhi, beim GEN-Weltkongress in Paris präsentieren.