Europa unter Schock: Der Absturz-Horror ganz nah

Spezial / 24.03.2015 • 22:35 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
16 Mitschüler unter den Toten: Trauer in Haltern. Epa, Reuters
16 Mitschüler unter den Toten: Trauer in Haltern. Epa, Reuters

150 Menschen verlieren beim Absturz eines Airbus A320 in Südfrankreich ihr Leben.

Düsseldorf. Der Horror erschließt sich erst auf den zweiten Blick. Als erstes sieht man aus der Luft nur ein nahezu abstraktes Gemälde. Es ist eine von Falten durchzogene grauschwarze Fläche mit winzig kleinen weißen Punkten. Der Schrecken steckt in diesen Punkten.

Sie sind die Reste des Fluges 4U 9525. Sie zeigen, dass der Germanwings-Airbus beim Aufprall in den französischen Alpen nahezu pulverisiert ist. 150 Menschen haben hier den Tod gefunden, darunter vermutlich 67 Deutsche. Österreicher waren laut Außenministerium nicht an Bord.

„Das könnte ich sein“

„Das Flugzeug ist total zerstört“, schreibt Christophe Castaner, Abgeordneter der Region Alpes-de-Haute-Provence, bei Twitter. Er überfliegt die Absturzstelle an diesem Dienstagnachmittag gemeinsam mit Innenminister Bernard Cazeneuve. „Entsetzliche Bilder in dieser Berglandschaft. Es bleibt nichts außer Trümmern und Körpern.“

Flugzeugkatastrophen – das war bisher weit weg. Etwa das Verschwinden des Airbus A320-200 über der Java-See, schockierend, wie sich da ein Flugzeug einfach aufzulösen schien. Dann gab es den vermuteten Abschuss der aus Amsterdam kommenden Maschine von Malaysia Airlines über der Ostukraine.

Nun das: ein Absturz mitten in Europa. Eine deutsche Maschine. Und eine Strecke, die ganz alltäglich ist: Barcelona-Düsseldorf. Täglich fliegt Germangwings von Friedrichshafen zum Nachbarflughafen Köln.

Viele denken jetzt: Das könnte ich sein. Als Passagier. Oder einer der Angehörigen unter Schock, die auf dem Flughafen stehen und vor den Kamerateams abgeschirmt werden. Da kommt der Horror ganz nahe.

Auf dem Düsseldorfer Flughafen klafft eine Leerstelle auf der Anzeigetafel für die angekommenen Flüge. „4U 9525 Barcelona 11:55“ steht da und dahinter nichts. Kein „gelandet“, keine Nummer eines Ausgangs. Nur ein weißes Feld.

Ein anderes Bild wird auf Twitter ausgetauscht, es stammt von Flightradar24: Man sieht eine Karte. Darüber steht: „Last position of Germanwings flight #4U9525 at 09:40 UTC.“ Von dieser Position gibt es zunächst noch keine Alptraumbilder von herausgerissenen Stühlen und herumliegendem Gepäck. Zum Absturzort in den zerklüfteten Bergketten der Alpen kommt man per Auto nicht, sagen Bergführer. Nur mit dem Hubschrauber oder zu Fuß.

Zwei Babys, 16 Schüler

Zwei Babys sollen an Bord gewesen sein, und auch 16 Schüler aus Haltern in Westfalen in Begleitung zweier Lehrer, das wird am Nachmittag traurige Gewissheit. Sie kehrten von einem Austausch in der Nähe von Barcelona zurück, ein Gegenbesuch, im Dezember waren zwölf spanische Schüler bei ihnen gewesen.

„Die unfassbare Tragödie lässt Worte versagen“, teilt Kardinal Reinhard Marx mit. Um 14.30 Uhr tritt in Berlin die Kanzlerin vor die Kameras. Sie ist kein Mensch, der dazu neigt, offen Gefühle zu zeigen, und auch jetzt ist sie um Beherrschung bemüht. Aber man merkt doch, dass es ihr schwer fällt. Was sie sagt, liest sie ab.

François Hollande hat seine erste Erklärung vor der französischen Trikolore und der Europa-Flagge abgegeben. Er spricht von einem „Unglück“. Das deutet darauf hin, dass man keine Hinweise auf einen terroristischen Hintergrund hat. Am Nachmittag Pressekonferenz von Germanwings in Köln. Der Pilot hatte 6000 Flugstunden auf diesem Airbus-Typ, flog seit zehn Jahren für die Lufthansa. Das Wetter war gut. Die Maschine wurde natürlich regelmäßig gewartet. Letzter Routine-Check am Vortag.

Im Fernsehen wird die Nummer einer Hotline wiederholt, unter der sich die Angehörigen informieren können. Was muss das für ein Gefühl sein, diese Nummer zu notieren und dabei schon zu wissen, dass es keinen Überlebenden gibt? Präsident Hollande hat es schon sehr früh gesagt: Keine Überlebenden. Diesmal kein endloses Warten am Flughafen. Diesmal sofort schreckliche Gewissheit.

Der Flugzeugabsturz mit über 140 Menschen an Bord ist ein Schock, der uns in tiefe Trauer stürzt.

Angela Merkel, Kanzlerin
16 Mitschüler unter den Toten: Trauer in Haltern. Epa, Reuters
16 Mitschüler unter den Toten: Trauer in Haltern. Epa, Reuters

Der Unglücksflug im Minutenprotokoll

06.48 Uhr. Der Morgen beginnt mit einem Flug von Düsseldorf nach Barcelona. An Bord der Maschine reisen 122 Passagiere nach Spanien. Nach der Landung an der Mittelmeerküste werden keine Probleme bekannt.

10.01 Uhr. Die Maschine startet auf dem Flughafen in Barcelona 26 Minuten später als geplant zurück in Richtung Deutschland.

10.45 Uhr. Der Airbus A320 hat nach Angaben von Germanwings seine reguläre Flughöhe erreicht. Französische Medien berichten später, das Wetter sei gut gewesen.

10.46 Uhr. Die Maschine geht nach Angaben der Fluggesellschaft für acht Minuten in einen Sinkflug, der nicht mit der Flugsicherung abgesprochen ist. Dem Online-Dienst Flightradar24 zufolge sank die Maschine dabei mit einer Geschwindigkeit von 3000 bis 4000 Fuß – etwa 900 bis 1200 Meter – pro Minute, vergleichbar mit einem Landeanflug.

10.47 Uhr. Aus dem Flugzeug wird nach ersten Angaben des französischen Verkehrsstaatssekretärs ein Notsignal gesendet, weil sich die Maschine in einer „unnormalen Situation“ befunden habe. Die französische Flugkontrolle teilt später aber mit, es habe keinen Notruf gegeben.

10.53 Uhr. Die Radarverbindung bricht auf 6000 Fuß Höhe (ca. 1800 Metern) ab. Die Maschine ist im Estrop-Massiv rund 100 Kilometer nordwestlich von Nizza abgestürzt.

11.30 Uhr. Etwa zu diesem Zeitpunkt erhält der Flughafen Düsseldorf nach Angaben eines Sprechers die Information, dass die Maschine vom Radar verschwunden ist. Ein Krisenstab wird eingesetzt.