MH17 von russischer Buk getroffen

Spezial / 13.10.2015 • 19:26 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Ein Militärpolizist bewacht das zerstörte Cockpit von Flug MH17, welches der Öffentlichkeit bei der Präsentation des Abschlussberichts präsentiert wurde.
Ein Militärpolizist bewacht das zerstörte Cockpit von Flug MH17, welches der Öffentlichkeit bei der Präsentation des Abschlussberichts präsentiert wurde.

Niederländische Ermittler stellen Abschlussbericht vor.
Russischer Buk-Hersteller widerspricht.

den haag, kiew. Die im Juli 2014 über der Ostukraine abgeschossene Passagiermaschine der Malaysia Airlines, Flug MH17, ist von einer Boden-Luft-Rakete russischer Bauart des Typs Buk getroffen worden. Das teilten die niederländischen Ermittler am Dienstag bei der Vorlage des Abschlussberichts zu dem Unglück mit. Zum genauen Abschussort wurden allerdings keine Aussagen gemacht.

Die Bestimmung des genauen Abschussorts der Buk-Rakete ist notwendig, um herauszufinden, wer für die Tragödie, bei der alle 298 Insassen ums Leben kamen, verantwortlich ist. Im Absturzgebiet kämpften prorussische Rebellen gegen ukrainische Regierungstruppen. Kiew und Moskau machen sich gegenseitig für den Abschuss verantwortlich. „Um den genauen Abschussort festzustellen, braucht es zusätzliche forensische Untersuchungen, aber das ist jenseits unseres Mandates“, sagte Tjibbe Joustra, Präsident der niederländischen Flugsicherheitsbehörde OVV, laut der niederländischen Zeitung „de Volkskrant“.

Ermittler kritisieren Ukraine

Die Ermittler der OVV kritisierten außerdem, dass die Ukraine den Luftraum über der umkämpften Ostukraine damals nicht sperren ließ. Die malaysischen Maschine war auf dem Weg von Amsterdam nach Kuala Lumpur.

Der russische Hersteller der Buk-Raketen widersprach in Moskau der niederländischen Version. Nach Angaben der staatlich kontrollierten Firma Almaz Antey hätten Tests gezeigt, dass die Rakete nicht von einem von prorussischen Rebellen gehaltenen Gebiet abgeschossen worden sein könne. „Falls die Boeing mit einem Buk-M1-Raketensystem abgeschossen wurde, wurde sie von einer Rakete vom Typ 9M38 von Saroschtschenske aus getroffen“, sagte Jan Nowikow, Chef des Unternehmens. Der ostukrainische Ort Saroschtschenske wurde zum Zeitpunkt der Tragödie von Regierungstruppen kontrolliert.

Gegenseitige Beschuldigungen

Grundsätzlich verfügen sowohl Russland wie die Ukraine über Buk-Raketen. Westliche Länder wie die USA und die Ukraine hatten Moskau nach dem Abschuss von Flug MH17 vorgeworfen, den Rebellen in der Ostukraine die Raketen zumindest geliefert zu haben. Moskau bestreitet dies.

Wie die Ermittler der OVV weiter bekannt gaben, schlugen Teile der Buk-Rakete auf der linken Seite des Cockpits ein, dies habe das Flugzeug zum Absturz gebracht. Die Menschen an Bord, die nicht durch die Rakete getötet worden seien, hätten binnen weniger Augenblicke das Bewusstsein verloren. „Durch den enormen Luftdruck brach das Cockpit auseinander“, sagte ein Angehöriger dem niederländischen Fernsehen. „Die Passagiere hatten kaum eine Chance, das zu erleben.“

Michail Malyschewski, Generalkonstrukteur bei Almaz Antey gab zu bedenken, dass die Tatsache, dass das Cockpit von links getroffen wurde, einen Beschuss von Snischne – der Ort wurde damals von moskautreuen Separatisten kontrolliert worden – ausschließe. Das internationale Expertenteam unter niederländischer Leitung untersuchte nicht die Schuldfrage. Dies ist Gegenstand noch laufender Ermittlungen. Da die meisten Opfer aus den Niederlanden kamen, leitet das Land auch die Untersuchungen. Bei der Suche nach Schuldigen vereinbarten die Ukraine und die Niederlande eine enge Zusammenarbeit. Vertreter beider Länder wollten mit Kollegen aus Australien, Malaysia und Belgien die strafrechtlichen Ermittlungen zum MH17-Abschuss abschließen, teilte das ukrainische Präsidialamt nach einem Telefonat des ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko mit dem niederländischen Regierungschef Mark Rutte mit. Anschließend solle ein „optimaler Mechanismus“ gefunden werden, um die Schuldigen der Katastrophe zu bestrafen.

Es braucht zusätzliche forensische Untersuchungen.

Tjibbe Joustra, Präsident OVV
Das Flugzeug ist durch den Raketen-Einschlag in der Luft auseinandergebrochen. Angehörige trauern um die Passagiere, für die keine Überlebenschance bestand. Fotos: AP, REuters
Das Flugzeug ist durch den Raketen-Einschlag in der Luft auseinandergebrochen. Angehörige trauern um die Passagiere, für die keine Überlebenschance bestand. Fotos: AP, REuters

Chronologie

17. Juli 2014: Flug MH17 stürzt auf dem Weg von Amsterdam nach Kuala Lumpur über der Ostukraine ab. Alle 298 Menschen an Bord sterben. Die meisten Opfer sind Niederländer. Sofort wird vermutet, die Maschine sei abgeschossen worden. Die ukrainische Regierung und die prorussischen Separatisten machen sich gegenseitig verantwortlich.

21. Juli 2014: Russland wirft mit Angaben über ein ukrainisches Kampfflugzeug, das sich der Unglücks-Boeing genähert haben soll, neue Fragen auf. Zuvor hatte die Ukraine behauptet, umfassende Beweise dafür zu haben, dass die prorussischen Kräfte eine Buk-Flugabwehrrakete auf die Passagiermaschine abgefeuert hätten.

9. September 2014: Der erste Untersuchungsbericht des niederländischen Sicherheitsrates schließt menschliches und technisches Versagen aus. Zahlreiche Objekte hätten das Flugzeug von außen durchlöchert, es sei noch in der Luft auseinandergebrochen.

12. September 2014: Die Maschine wurde nach Ansicht der niederländischen Strafermittler vermutlich von einer Flugabwehrrakete abgeschossen.

24. Dezember 2014: Russische Ermittler präsentieren einen mutmaßlichen Zeugen der Tragödie. Der vom ukrainischen Militär desertierte Mann habe glaubwürdig dargelegt, dass die Boeing von einem ukrainischen Kampfjet aus der Luft mit einer Rakete abgeschossen worden sei.

20. Juni 2015: Kremlchef Wladimir Putin erklärt, er habe einen Bericht auf den Tisch bekommen, wonach eine Boden-Luft-Rakete von einem Buk-Abwehrsystem aus dem von ukrainischen Streitkräften beherrschten Gebiet abgefeuert worden sei.

29. Juli 2015: Russland verhindert im UN-Sicherheitsrat in New York, dass ein unabhängiges Tribunal zur Untersuchung des Falls eingesetzt wird.