Gerold Riedmann

Kommentar

Gerold Riedmann

Was der Terror mit uns macht

Spezial / 15.07.2016 • 22:54 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Der 14. Juli ist in Frankreich üblicherweise ein ausgelassen-befreiter Tag, vor allem an der Mittelmeerküste ein feiner Abend. Weniger Militärparaden als im weit entfernten Paris, wo die Grande Nation ihre Stärke demonstriert. Stattdessen überbieten sich alle größeren Orte mit Feuerwerken. Und auch dieses Jahr war die fête nationale so ein Abend. Bis er in einer blutigen Katastrophe endete.

 

Frankreich hat eine lange Erfahrung mit Bedrohungsszenarien, die sich im Plan Vigipirate niederschlagen. Ende der Siebzigerjahre entstanden, sorgt der Präventionsplan dafür, dass Frankreich wachsam gegen Terror bleibt, es überall durchsichtige Müllbeutel gibt (Bombengefahr) und Personenkontrollen möglich sind. Zwischenzeitlich sind es aber nicht mehr die Kommandos der Roten Brigaden oder der RAF, die Europa unsicher machen – es ist der islamistische Terror, den weder der französische Ausnahmezustand noch der Plan Vigipirate verhindern konnten.

 

Generell müssen wir uns fragen, ob es überhaupt zu verhindern ist, wenn jene, die uns schaden wollen, Lastwagen und Autos als Waffen einsetzen.

 

Was der Terror der vergangenen 15 Jahre zwischenzeitlich mit uns gemacht hat, wird an der ersten Reaktion auf die Katastrophe von Nizza deutlich sichtbar.

 

Wir schütteln bei Schreckensnachrichten wie jenen aus Nizza initial nicht den Kopf über einen Verlierer, einen Gescheiterten, der im Wahnsinn eine Amokfahrt begeht. Sondern der erste Reflex ist: „Waren es Islamisten?“ Auch wenn das schließlich so sein sollte, zucken wir ein erstes Mal unbewusst vor den Terroristen, die sich zu Märtyrern hochstilisieren wollen, zusammen. Wir geben dem Verbrecher eine Bühne, wir erschaudern vor den Details. Wir überlegen uns laut oder leise, ob man noch an die Côte d’Azur fahren kann. Wir lassen uns vom Terror Angst einjagen, beeinflussen.

 

Ein visuelles Nachbeben, weitaus zerstörerischer und angsteinflößender als der eigentliche Anlassfall, findet mit trauriger Verlässlichkeit in den sozialen Netzwerken statt. Wir sind es, die selbst die zweite Stufe des Angriffs zünden. Bilder und Videos, im Moment der grausamen Tat aufgenommen, werden gierig in alle Welt weiterverteilt, wenn nicht live übertragen. Leichen werden schaulustig abgefilmt, alle ethischen Überlegungen verlässlich über Bord geworfen.

 

In einer ruhigen Minute beschleicht die Vervielfältiger des Terrors hoffentlich irgendwann der Verdacht, dass ihre Tat jene Skalierung ermöglicht, die von den Terroristen gewollt war. Dass möglichst viele Menschen geschockt werden, dass Angst und Schrecken verlässlich um sich greifen. Dass das westliche Wertegefüge Explosion für Explosion, Kugel für Kugel, Mord für Mord destabilisiert wird.

 

Die Franzosen haben ihre eigene Strategie gefunden, haben im Sprachgebrauch aus dem Arabischen den abwertenden Spottnamen des Terrorbündnisses IS übernommen. „Daesch“ hört man da in den Nachrichten, arabisch klingt das ähnlich wie „Zwietracht säen“.

 

Das ist nicht eine vermeintlich heldenhafte Dschihad-Armee. Wir haben es mit einer hochkriminellen Gruppe psychisch abnormer Rechtsbrecher zu tun.

gerold.riedmann@vorarlbergernachrichten.at, Twitter: @geroldriedmann, Tel. 05572/501-320

Gerold Riedmann ist Chefredakteur der Vorarlberger Nachrichten.