Ein akribisch geplanter Amoklauf

Spezial / 24.07.2016 • 22:39 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Der 18-jährige Ali Sonboly plante seine Tat ein Jahr lang.
Der 18-jährige Ali Sonboly plante seine Tat ein Jahr lang.

18-jähriger Todesschütze verfasste ein Manifest. Möglicher Mitwisser festgenommen.

münchen. Der Amokläufer von München hat seine Tat ein Jahr lang akribisch vorbereitet und dazu wie der norwegische Massenmörder Anders Behring Breivik ein Manifest verfasst. Einen politischen Hintergrund schlossen die Ermittler am Sonntag aber aus. Zur Vorbereitung seiner Bluttat reiste der psychisch kranke 18-Jährige auch nach Winnenden, den Ort eines früheren Amoklaufs. Seine Opfer, die überwiegend aus Migrantenfamilien stammen, suchte er sich nach bisherigen Erkenntnissen nicht gezielt aus.

Jugendlicher festgenommen

Unterdessen hat die Polizei einen Freund des Amokläufers als mutmaßlichen Mitwisser festgenommen. Gegen den 16-jährigen Afghanen werde wegen Nichtanzeigens einer Straftat ermittelt, teilte die Polizei am Sonntagabend mit. Der Jugendliche habe sich direkt nach der Tat bei der Polizei gemeldet. Bei einer erneuten Vernehmung habe er sich in Widersprüche verwickelt. Geprüft werde nun, ob der 16-Jährige für einen Facebook-Aufruf zu einem Treffen in einem Kinokomplex in der Nähe des Münchner Hauptbahnhofes verantwortlich sei. Der Amokläufer soll Jugendliche vor seiner Tat per Facebook zu jenem McDonald‘s-Restaurant gelockt haben, wo er dann zu schießen begann.

Die Bluttat löste am Wochenende eine Debatte über die Verschärfung von Sicherheitsmaßnahmen in Deutschland aus. Politiker forderten mehr Videoüberwachung, die Stärkung der Sicherheitsbehörden und den Einsatz der Bundeswehr bei Terroranschlägen. Auch schärfere Waffengesetze und Maßnahmen gegen Gewaltverherrlichung in Computerspielen sind wieder im Gespräch.

Der Amoklauf hatte am Freitagabend ganz München in Angst und Schrecken versetzt. Der 18-jährige Deutsch-Iraner Ali Sonboly schoss in und vor einem Einkaufszentrum in der Innenstadt sowie in einem Schnellrestaurant um sich, tötete neun Menschen, überwiegend Jugendliche, und anschließend sich selbst. Drei Menschen schweben noch in Lebensgefahr. Insgesamt gab es 35 Verletzte. Polizei und Staatsanwaltschaft informierten am Sonntag über die ersten Ermittlungsergebnisse. Danach hat der Schüler unter sozialen Phobien und Depressionen gelitten, war zwei Monate in stationärer, später in ambulanter Behandlung. Der letzte ärztliche Kontakt datiert vom Juni. In seiner Wohnung wurden Medikamente gefunden.

2012 wurde der Täter von Mitschülern gemobbt. Ob es einen Zusammenhang zur Tat gebe, sei noch unklar. Mitschüler seien aber nicht unter den Opfern. Der Amoklauf fand am fünften Jahrestag von Breiviks Massenmord in Oslo und auf der norwegischen Insel Utøya statt, bei dem der Rechtsextremist 77 Menschen tötete. Der Täter von München informierte sich über dessen Tat und hatte in seiner Wohnung auch ein Buch mit dem Titel „Amok im Kopf – Warum Schüler töten“.

Mit seiner halbautomatischen Pistole Glock Kaliber 9 Millimeter gab der Täter den Ermittlungen zufolge mindestens 57 Schüsse ab. Die Waffe hat er anscheinend in einem anonymen Bereich des Internets gekauft, dem sogenannten Darknet. Sie sei einst zu einer Theaterwaffe umfunktioniert worden, dann aber wieder zu einer scharfen Waffe umgebaut worden, sagte der Chef des Landeskriminalamts, Robert Heimberger.

Der Amoklauf sorgte weltweit für Entsetzen. In Paris erstrahlte der Eiffelturm in Gedenken an die Opfer in den deutschen Nationalfarben Schwarz, Rot und Gold. Papst Franziskus bekundete den Hinterbliebenen in einem Telegramm an den Münchner Erzbischof Kardinal Reinhard Marx seine Anteilnahme und dankte den Sicherheitskräften. Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach von einer Nacht des Schreckens. „So ein Abend, so eine Nacht sind schwer zu ertragen“, sagte die CDU-Chefin.

Zwei junge Frauen trauern in der Nähe des Shoppingcenters um die Todesopfer. Insgesamt haben sich rund 1500 Menschen zum stillen Gedenken an die Opfer am Tatort versammelt. Foto: AFP
Zwei junge Frauen trauern in der Nähe des Shoppingcenters um die Todesopfer. Insgesamt haben sich rund 1500 Menschen zum stillen Gedenken an die Opfer am Tatort versammelt. Foto: AFP

Stichwort. Darknet

Im sogenannten Darknet (englisch für „dunkles Netz“) können sich Internetnutzer fast komplett anonym bewegen. Der Bereich des Internets wird etwa von Kriminellen genutzt, aber auch von Menschen, die viel Wert auf Privatsphäre legen oder in einem repressiven politischen System leben. Der Zugang ist nur über eine Anonymisierungssoftware möglich, etwa die kostenlose Software „Tor“. Der Amoktäter von München hatte der Polizei zufolge seine Tatwaffe wahrscheinlich im Darknet beschafft.