Maximale Rache an Unschuldigen

24.07.2016 • 20:39 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Dieses Lösungsmuster muss laut dem Psychiater wirklich Angst machen.

Frastanz. (VN-mm) Ein 18-Jähriger erschießt wahllos Menschen und dann sich selbst. Von einem klassischen Amoklauf will Primar Reinhard Haller, Psychiater und Leiter des Suchtkrankenhauses Maria Ebene in Frastanz, aber nicht sprechen. Dafür sei die Tat zu lange vorbereitet worden. Als beunruhigend bezeichnet er jedoch den Umstand, dass psychisch labile Menschen zunehmend maximale Rache an Unschuldigen nehmen.

Die Tragödie von München war ein Amoklauf und nicht, wie zuerst befürchtet, ein Terroranschlag. Wie ist das im Empfinden der Menschen einzuschätzen?

Haller: Dass es „nur“ ein psychisch gestörter Mensch war, hat die Bevölkerung wohl ein bisschen aufatmen lassen. Denn Amokläufer sind in der Regel Einzeltäter, während Terroristen meist in Gruppen agieren. Auch die Motive unterscheiden sich. Bei Amokläufern liegt immer eine psychische Störung vor. Terroristen haben vor allem politische oder religiöse Gründe.

Handelte es sich bei der Tat in München um einen klassischen Amoklauf?

Haller: Eigentlich nicht, weil die Tat offenbar sehr lange geplant wurde. Sie passt jedoch in das Muster von Schulmassakern. Hier wollte sich ein sehr gekränkter Mensch an der scheinbar heilen Welt rächen, in der es praktisch jeden treffen kann. Darin liegt ein weiterer Unterschied zu Terroranschlägen. Diese richten sich immer gegen bestimmte Personen.

Der 18-Jährige hatte noch 300 Stück Munition im Rucksack …

Haller: Solche Personen bewaffnen sich immer wie Kampfhelden und befinden sich in einer Art Größenwahn. Wenn die Aggressionen abgebaut sind, nehmen sie sich das Leben. Das dürfte beim Münchner Attentäter auch der Fall gewesen sein. Die Euphorie, Herr über alles zu sein, war vorbei. Dazu hat sicher beigetragen, dass er von einer anderen Person in eine Diskussion verwickelt wurde.

Wie hoch ist das Gefahrenpotenzial, das von Amokläufern dieser Art ausgeht?

Haller: Klassische Amokläufe sind zum Glück seltene Ereignisse. Das Problem momentan ist, dass innerhalb kurzer Zeit viel passiert ist. Menschen nehmen für erlittene Kränkungen maximale Rache an Unschuldigen. Das ist Balsam für ihre Minderwertigkeitskomplexe und die Wirkung so enorm, dass ihnen das eigene und das Leben anderer vollkommen egal sind. Dieses Lösungsmuster muss uns Angst machen. Es ist das wirklich Beunruhigende.

Es stellt sich nach solchen Vorkommnissen immer die Frage, ob sie nicht doch zu verhindern gewesen wären. Wie sehen Sie das?

Haller: Diese Menschen lassen sich äußerlich nichts anmerken. Das macht es extrem schwierig, ihre Absichten zu erkennen. Es können meist nur im Nachhinein Maßnahmen getroffen werden.