Der Fall, der einfach nicht zur Ruhe kommen will

Spezial / 22.08.2016 • 19:25 Uhr / 8 Minuten Lesezeit

Die Flucht von Natascha Kampusch brachte gravierende Polizeifehler an den Tag.

Wien.  „Der Fall Natascha Kampusch könnte glücklich zu Ende gegangen sein.“ Der Chef des Bundeskriminalamts Herwig Haidinger ist auf der Pressekonferenz am Abend des 23. August 2006 noch vorsichtig. Verwandte haben die 18-Jährige zwar identifiziert und einen Pass auf den Namen Kampusch hat die junge Frau auch, aber noch fehlt das Ergebnis des DNA-Tests.

Rund sieben Stunden vorher, um 13.04 Uhr, hatte ein Anruf die Polizei in Strasshof bei Wien alarmiert. Eine panische junge Frau war vor der Laube einer Kleingartenkolonie aufgetaucht. „Bitte helfen Sie mir. Rufen Sie die Polizei. Ich werde verfolgt.“ Natascha Kampusch hatte nach achteinhalb Jahren in der Gewalt ihres Entführers einen günstigen Moment zur Flucht genutzt. Einer der spektakulärsten Kriminalfälle Österreichs schien gelöst. Der Entführer, Wolfgang Priklopil (44), warf sich noch am selben Abend vor einen Zug. „Ich bemerkte die Bewegung von etwas Hellem. (…) Dieser helle Schatten legte sich in den Gleiskörper“, gab der Lokführer kurz darauf zu Protokoll. Eine Aussage von großer Bedeutung, denn bis heute halten sich Theorien, dass Priklopil von einem Co-Entführer ermordet und als Leiche auf die Gleise gelegt worden sei.

Grobe Pannen

Doch dieser 23. August ist nicht das Ende der Geschichte. Der Tag sei der Beginn einer großen Vertuschungsaktion gewesen, sagt der Grünen-Sicherheitssprecher Peter Pilz.

Mindestens drei grobe Pannen sind den Fahndern in den ersten Wochen nach der Entführung im März 1998 unterlaufen: So sagen bis zum 1. April insgesamt drei Zeugen, dass Natascha in einen weißen Kastenwagen gezerrt wurde oder dass sich so ein Fahrzeug in Tatortnähe befand. Am 6. April wird tatsächlich der weiße Kastenwagen von Priklopil überprüft, aber nichts Verdächtiges gefunden. Am 14. April gibt ein Polizei-Diensthundeführer, der Priklopil vage kennt, den ermittelnden Kollegen telefonisch wichtige Hinweise: Priklopil sei ein „Eigenbrötler“, der in einem voll elektronisch abgesicherten Haus wohne, er habe einen sexuell motivierten „Hang zu Kindern“. Ein Täter-Profil par excellence, geliefert von einem Polizisten – doch die Kollegen ignorieren alles. Eine spätere Kommission unter Vorsitz des damaligen Chefs des deutschen Bundeskriminalamts, Jörg Ziercke, prangerte wie andere Kommissionen vor ihr ebenfalls die Fehler der Ermittler an.

BKA-Chef Haidinger fallen die damaligen Fehler auf und er geht ihnen nach. 2008 wird er seines Amtes enthoben: „weil ich mich nicht korrumpieren ließ“, bemerkte er damals. Eine vom Innenministerium eingesetzte Kommission kommt zu einem gegenteiligen Schluss. „Es besteht kein Grund für die Annahme, dass in rechtswidriger Weise Fehler bei der Polizeiarbeit unterdrückt werden sollten.“ Ebenso wenig bestehe Grund zur Annahme, dass ein „Hinausschieben“ einer Untersuchung im Hinblick auf die Wahlen zum Nationalrat im Oktober 2006 stattgefunden habe.

Doch die Ermittlungsfehler hatten bittere Folgen: Die zehnjährige Natascha sitzt 1998 in einem knapp fünf Quadratmeter kleinen, fensterlosen Verlies, das ihr Peiniger mit einer dicken Stahltür abgesichert hat. Im Februar 2006 wird Natascha Kampusch 18 Jahre alt. In den folgenden Monaten wird sie erstmals von Nachbarn öfter gesehen – im Garten, im Auto, im Baumarkt. „Alle dachten, der hat jetzt eine Freundin“, sagt eine 71-jährige Nachbarin. Sie ist eine von ganz wenigen aus der Nachbarschaft des Täters, die sich zum Fall Kampusch äußert. Hier will kaum einer reden über „die Kampusch“, die nicht nur als Opfer gesehen wird. Immer wieder wird sie auch kritisiert, als eine, die mit ihrem Schicksal Geld verdient, nun gar das Haus ihres Entführers (teils zugesprochen vom Staat, teils gekauft) besitzt.

Der gebürtige Vorarlberger Christoph Feurstein führte am 6. September 2006 das erste Fernsehinterview mit Natascha Kampusch.
Der gebürtige Vorarlberger Christoph Feurstein führte am 6. September 2006 das erste Fernsehinterview mit Natascha Kampusch.
Im Mauerwerk war ein Tresor verschraubt, der den Zugang zum knapp fünf Quadratmeter kleinen, fensterlosen Verlies verbarg.
Im Mauerwerk war ein Tresor verschraubt, der den Zugang zum knapp fünf Quadratmeter kleinen, fensterlosen Verlies verbarg.
Das Haus des Entführers in Strasshof bei Wien. Heute gehört es Natascha Kampusch.
Das Haus des Entführers in Strasshof bei Wien. Heute gehört es Natascha Kampusch.
In diesem Verlies wurde Natascha Kampusch über acht Jahre lang gefangen gehalten. Vor ein paar Jahren musste sie es aufgrund eines Gemeindebeschlusses zuschütten. Es galt als ,nicht genehmigter Hohlraum‘.
In diesem Verlies wurde Natascha Kampusch über acht Jahre lang gefangen gehalten. Vor ein paar Jahren musste sie es aufgrund eines Gemeindebeschlusses zuschütten. Es galt als ,nicht genehmigter Hohlraum‘.
Vater Ludwig Koch zweifelt unter anderem an, dass Natascha jahrelang in einem Verlies leben musste.
Vater Ludwig Koch zweifelt unter anderem an, dass Natascha jahrelang in einem Verlies leben musste.
Brigitta Sirny schrieb ein Buch über die Zeit ohne ihre Tochter – mit „Sachen, die ich ihr im Vertrauen erzählt hatte“.
Brigitta Sirny schrieb ein Buch über die Zeit ohne ihre Tochter – mit „Sachen, die ich ihr im Vertrauen erzählt hatte“.
Der Entführer: Priklopil war ein Eigenbrötler und Einzelgänger, der sich gern bemuttern ließ.
Der Entführer: Priklopil war ein Eigenbrötler und Einzelgänger, der sich gern bemuttern ließ.

Chronologie. 1998 bis 2016

Vor 18 Jahren wurde das Wiener Mädchen Natascha Kampusch am Weg zur Schule entführt. Der Nachrichtentechniker Wolfgang Priklopil hielt sie acht Jahre lang gefangen – bis ihr die Flucht gelang. Eine Chronologie der Ereignisse:

2. März 1998: Die zehn Jahre alte Natascha Kampusch verschwindet in der Früh auf dem Weg in die Volksschule in Wien-Floridsdorf. Ihre Eltern alarmieren am Abend die Polizei.

3. März 1998: Eine Schülerin erzählt der Polizei, dass sie beobachtet hat, dass Kampusch in einen weißen Bus gezerrt worden ist.

6. April 1998: Wolfgang Priklopil wird in Strasshof in Niederösterreich von Ermittlern aufgesucht. Er besitzt einen weißen Lieferwagen.

14. April 1998: Ein Hundeführer der Wiener Polizei macht das Sicherheitsbüro erneut auf den Verdächtigen in Strasshof aufmerksam. Dem Hinweis wird nicht nachgegangen.

23. August 2006: Aus ihrem Verlies in der Nähe von Wien kann sich Kampusch selbst befreien. Ihr 44-jähriger Entführer wirft sich kurz danach vor eine S-Bahn in der Nähe des Wiener Praters.

6. September 2006: Kampusch gibt früher als erwartet ihr erstes TV-Interview.

Februar 2008: Österreichs Innenminister setzt eine Evaluierungskommission ein, die den Fall untersuchen soll.

23. Oktober 2008: Der Fall Kampusch wird neu aufgerollt.

8. Januar 2010: Die Akten werden wieder geschlossen: Polizei und Staatsanwaltschaft sind überzeugt, dass Priklopil keine Komplizen oder Mitwisser hatte. Ein Freund des Entführers wird aber wegen Begünstigung angeklagt. Er soll nach Kampuschs‘ Entkommen von der Entführung erfahren und Priklopil bei der Flucht geholfen haben.

Juli 2012: Eine neuerliche Evaluierung startet.

28. Februar 2013: Die Verfilmung des Schicksals von Kampusch anhand ihrer Biografie namens „3096 Tage“ kommt in die deutschen Kinos.

April 2013: Ein internationales Expertenteam bestätigt, dass Priklopil „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ keine Mithelfer hatte und Einzeltäter war.

Februar 2016: Die Wiener Polizei prüft nach einer Anzeige die Todesumstände des Entführers erneut.

März 2016: Es wird bekannt, dass Priklopil sein Opfer im Haus gefilmt hatte. Die Ermittler stufen das Videomaterial als nicht relevant ein.

Juni 2016: Kampusch verliert vor dem Landgericht Köln eine einstweilige Verfügung gegen das Buch „Der Entführungsfall Natascha Kampusch – Die ganze beschämende Wahrheit“. Die Wienerin betrachtete die Schilderung des Videomaterials von Priklopil als Verletzung ihres Persönlichkeitsrechts.

August 2016: Zum zehnten Jahrestag ihrer Flucht bringt Kampusch ihr zweites Buch „10 Jahre Freiheit“ heraus.