In Sekunden war alles zerstört

24.08.2016 • 20:59 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Das Erdbeben hat den Ort Amatrice in einen Trümmerhaufen transformiert. In den Gesichtern der beiden Bewohnerinnen sind Schock und Trauer zu lesen. Foto: afp
Das Erdbeben hat den Ort Amatrice in einen Trümmerhaufen transformiert. In den Gesichtern der beiden Bewohnerinnen sind Schock und Trauer zu lesen. Foto: afp

Schweres Erdbeben verwüstet Ortschaften in Mittelitalien. Mindestens 120 Menschen sind tot. 

Arquata del Tronto. (VN-hrj) Eingestürzte Häuser. Menschen, die aus Trümmern gezogen werden. Spürhunde. Tränen der Verzweiflung. Diese Bilder haben sich in Italien in die Erinnerung eingebrannt.

Erdbeben gibt es in diesem Land öfters, da hier die afrikanische Platte vom Süden auf die eurasische Platte drückt. Dieses Beben war jedoch besonders heftig. Dieses Mal traf es die mittelitalienische Region um Latium, Umbrien, Abruzzen und die Marken. Die Erdstöße waren bis nach Rom und zur Adria-Küste zu spüren.

Bewohner schliefen

Es war 3.38 Uhr in der Nacht zum Mittwoch, als die Erde zu zittern begann. Die meisten Bewohner schliefen um diese Zeit. Die ZAMG (Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik) in Wien gab eine Magnitude von 6,2 an. Das Epizentrum hat sich in Norcia, gut 170 Kilometer nordöstlich von Rom, befunden. Der Erdbebenherd sei laut Geologen mit zehn Kilometern in relativ geringer Tiefe gelegen.

Am stärksten betroffen waren die Dörfer Amatrice, Accumoli und Pescara del Tronto. Dort sieht es aus wie nach einem Bombenangriff: Trümmer, Staub, eingerissene Häuser. Die Zahl der Toten ist laut dem italienischen Regierungschef Matteo Renzi auf mindestens 120 gestiegen, 80 wurden bislang geborgen.

„Die Hälfte des Ortes gibt es nicht mehr“, sagte Sergio Pirozzi, Bürgermeister von Amatrice zu einem italienischen Nachrichtensender. Straßen seien blockiert, der Strom sei ausgefallen. „Viele Menschen sind noch unter den Trümmern. Wir bereiten einen Ort für die Leichen vor“, informiert Pirozzi. Er forderte Hilfe per Hubschrauber. Auch das Militär wurde zum Hilfseinsatz mobilisiert.

Ein Bewohner berichtete, er habe gesehen, „wie ein fünf Stockwerke hohes Gebäude eingestürzt ist. Als ich auf die Straße gegangen bin, habe ich schon die erste Leiche gesehen. Amatrice ist komplett zerstört“.

Großmutter rettete Enkel

Stefano Petrucci, Bürgermeister des Ortes Accumoli, berichtete mit zitternder Stimme, kein einziges Haus sei mehr bewohnbar. Die Bausubstanz dort ist marode. Die Häuser sind teils jahrhundertealt und stürzten bei den schweren Erdstößen wie
Kartenhäuser in sich zusammen.

Schlimm sieht es in Pescara del Tronto aus. Hier sind mehrere Tote zu beklagen, eine Familie mit zwei kleinen Kindern wurde verschüttet. Von ihnen hat es bislang kein Lebenszeichen gegeben. „Es war schrecklich. Mein Mann ist mit meiner Tochter aus dem Fenster gesprungen, um sie zu retten“, erzählte eine Frau. In einem anderen Fall rettete eine Großmutter ihre vier und sieben Jahre alten Enkel, weil sie sie unter einem Bett geschützt hatte.

Mutter verlor ihr Kind

Nicht weit von hier ereignete sich 2009 das schwere Erdbeben von L’Aquila, bei dem mehr als 300 Menschen ums Leben gekommen sind. Eine Mutter, die damals aus der Stadt weggezogen ist, hat bei dem jetzigen Beben ihr Kind verloren, berichten italienische Medien. Martina Turco befand sich mit ihrem Partner und ihrer eineinhalbjährigen Tochter Marisol  in ihrem Ferienhaus in Arquata del Tronto, als das Gebäude einstürzte. Die Familie wurde verschüttet. Für die kleine Marisol kam die Hilfe zu spät. Die Frau und ihr Lebensgefährte überlebten verletzt. Beide wurden in ein Krankenhaus gebracht.

Nachbeben Stärke 4,9

Am Mittwochnachmittag wurde in Arquata ein Nachbeben mit der Magnitude 4,9 auf der Richterskala registriert. Die neue Erschütterung löste Angst unter der Bevölkerung aus.

Stichwort

Erdbeben. Sie entstehen infolge ruckartiger Verschiebungen tektonischer Gesteinsplatten im tieferen Bereich der Erdkruste. An den Plattengrenzen kommt es zu starken Spannungen, die sich schlagartig in Beben entladen können. Die Erdbebenstärke wird mit Seismografen gemessen. Diese zeichnen die Stärke von Bodenbewegungen auf, die sogenannte Magnitude. Ein Großbeben hat mindestens den Wert 8 und tritt etwa einmal im Jahr auf. Mit jedem Stärke-Punkt Unterschied steigt die Erschütterungsenergie um mehr als das 30-Fache.

Erdbeben in Italien

20. Mai 2012: Durch Erdstöße in der Region Emilia Romagna kommen 27 Menschen ums Leben, 14.000 werden obdachlos.

6. April 2009: Ein schweres Beben reißt in der mittelitalienischen Region Abruzzen mit ihrer Hauptstadt L‘Aquila rund 300 Menschen in den Tod. Nach Stößen mit einer Stärke von mehr als 6,0 sind Zehntausende obdachlos.

31. Oktober 2002: Unter Erdstößen der Stärke 5,4 bricht eine Volksschule in der Kleinstadt San Giuliano di Puglia zusammen. Unter den 30 Toten sind 27 Erstklässler und eine Lehrerin.

26. September 1997: Ein Beben der Stärke 5,7 in den Apenninen-Regionen Umbrien und Marken beschädigt in 77 Orten etwa 9000 Gebäude. Betroffen ist auch die Basilika von Assisi. Zwölf Menschen sterben in den Trümmern oder bei Herzinfarkten.

13. Dezember 1990: Erdstöße der Stärke 5,9 reißen 19 Einwohner in Ostsizilien in den Tod und machen 500 obdachlos. Besonders stark betroffen sind Syrakus und Carlentini.

11. Mai 1984: L’Aquila und benachbarte Provinzen werden von einem Erdbeben der Stärke 5,2 heimgesucht. Drei Menschen sterben, 27.000 werden obdachlos. Rund 150 Kirchen und andere historische Bauten werden schwer beschädigt.

23. November 1980: Mindestens 3000 Menschen sterben, als in Neapel und 100 weiteren Orten der Region Kampanien die Erde bebt. Die Erdstöße erreichen die Stärke 6,5.

6. Mai 1976: Ein Beben mit der Stärke 6,5 erschüttert die Region Friaul. Etwa 980 Menschen werden getötet. Zehntausende werden obdachlos. Besonders betroffen ist das Kanaltal.