Alarm im Land nach Super-GAU

Spezial / 10.03.2017 • 19:23 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Sollte es in einem der grenznahen Kernkraftwerke zu einer Reaktorhavarie kommen, sieht ein Notfallplan die Durchführung regelmäßiger Messungen auf eventuelle radioaktive Kontaminierung vor. SymbolFoto: Vn/Hartinger
Sollte es in einem der grenznahen Kernkraftwerke zu einer Reaktorhavarie kommen, sieht ein Notfallplan die Durchführung regelmäßiger Messungen auf eventuelle radioaktive Kontaminierung vor. SymbolFoto: Vn/Hartinger

Was passiert in Vorarlberg, wenn ein grenznahes Kernkraftwerk havariert und ein Super-GAU folgt?

SCHWARZACH. In Vorarlbergs unmittelbarer Nachbarschaft, im Umkreis von etwa 110 Kilometern Luftlinie, werden vier Kernkraftwerke betrieben. Drei davon stehen in der Schweiz – Leibstadt, Beznau, Gösgen – und eines, das AKW Gundremmingen, steht auf deutschem Boden. Die Meiler aller vier AKW sind sehr alt und störanfällig und werden daher von Umweltschützern als tickende Zeitbomben bezeichnet.

Angenommen, in einem dieser Kernkraftwerke kommt es zu einer Reaktorhavarie mit Kernschmelzen, die einen Super-GAU auslöst. Aufgrund der Nähe dieser AKW wird voraussichtlich auch Vorarlberg radioaktive Strahlung abbekommen.

Wie wird seitens des Landes im Fall einer grenznahen nuklearen Katastrophe reagiert? Wie wird die Bevölkerung informiert und geschützt? Welche Maßnahmen werden getroffen?

LWZ wird Info-Drehscheibe

„Im Fall einer radiologischen Notstandssituation tritt unverzüglich die Landeseinsatzleitung unter der Federführung des Landeshauptmanns zusammen“, antworten Landeshauptmann Markus Wallner und Sicherheitslandesrat Erich Schwärzler gemeinsam auf VN-Anfrage. „Die fachliche Einsatzführung ist beim Leiter der Abteilung Gesundheit und Sport angesiedelt.“

Als Informationsdrehscheibe fungiere die Landeswarnzentrale (LWZ). Gleichzeitig unterstütze der LWZ-Einsatzstab den Landeshauptmann. Damit im Ernstfall eine reibungs- und lückenlose Kommunikation gewährleistet ist, gebe es vordefinierte und jährlich neu erprobte Alarm- und Meldewege, zahlreiche bi- und multilaterale Abkommen sowie ein flächendeckendes Strahlenfrühwarnsystem.

Alarm und Notfallplan

Die Alarmierung und Warnung der Bevölkerung erfolgen bis dato über die Zivilschutzsirenen. Daraufhin seien alle Informationen dem Radio und Fernsehen zu entnehmen. Geprüft werde aktuell, wie die Alarmierung via Facebook, Twitter und anderen sozialen Medien vereinfacht und verbessert werden könne.

Gibt es einen Notfallplan? Ja, nicht nur einen. Notfallpläne liegen laut Wallner und Schwärzler für unterschiedlichste Notstandsszenarien auf: „Diese reichen von Zwischenfällen mit gefährlichen Strahlenquellen über mit radioaktivem Inventar bestückte Satelliten, die abstürzen, bis zu Szenarien mit radiologischer Terrorismus-Bedrohung.“

Der Notfallplan für radiologische Notstandssituationen sei von den zuständigen Mitarbeitern im Landhaus erst kürzlich wieder aktualisiert worden. „Geregelt sind in diesem Notfallplan im Wesentlichen das Notfallmanagement, die Zuständigkeiten im Falle einer radiologischen Bedrohung, die Melde- und Alarmierungswege, die Probennahme und die zu treffenden Interventionsmaßnahmen“, erklären Landeshauptmann und Landesrat. „Im Notfallplan ist also festgelegt, was in Vorarlberg zu tun ist, um Belastungen und Beeinträchtigungen für die Bevölkerung so gering wie möglich zu halten und in Anbetracht einer möglichen Notlage eine bestmögliche Versorgung in den lebenswichtigen Bereichen zu gewährleisten.“

Land setzt Maßnahmen

Zu den Maßnahmen, die seitens des Landes bei einer „großräumigen radioaktiven Kontamination in Vorarlberg“ in Kraft treten würden, zählen die „Ankündigung des Aufenthaltes in Gebäuden“, „Vorbereitung der Jodblockade“, „Verbringung von Nutztieren in Stallungen“, „Aufenthaltsbeschränkungen im Freien“, „Empfehlung von besonderen Hygienemaßnahmen“.

Für die Beprobung von Bodenbewuchs und Schnee liegt ein mit dem BMLFUW abgestimmter Probenahme-Plan vor. Lebensmittel, Milch und Trinkwasser würden ebenso regelmäßig kontrolliert. „Im Notfallplan werden auch Regelungen für allenfalls erforderliche medizinische Hilfeleistungen unter Einbeziehung der Vorarlberger Krankenanstalten getroffen“, informieren Wallner und Schwärzler weiter.

Polizei hat Strahlenspürer

Die Bundespolizei in Vorarlberg verfügt über 16 ausgebildete Strahlenspürer, die bei Bedarf jederzeit eingesetzt werden können. Sollte es die Situation verlangen, könne der Landeshauptmann auch eine Assistenzleistung des österreichischen Bundesheers anfordern. Im Katastrophenfall stünden die Strahlenschutzspezialisten des Heers der Bevölkerung „personell, materiell und mit ihrem fundierten Wissen zur Seite“.

Mit großräumigen Evakuierungen sei laut Auskunft des Umweltministeriums aufgrund der für Vorarlberg infrage kommenden radiologischen Notfallszenarien eher nicht zu rechnen.

Informationsdrehscheibe ist die Landeswarn­zentrale.

Markus Walllner

VN-Thementeam:
Heidi Rinke-Jarosch (Texte),
Felix Holzer (Konzept, Gestaltung), Matthias Klapper (Grafiken)