Noch einmal gutgegangen

Spezial / 09.10.2022 • 22:15 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Die Erleichterung im Team Van der Bellen und wohl auch beim Amtsinhaber war groß. Die Wiederwahl glückte im ersten Durchgang, durch vorangegangenes Tiefstapeln wie die Tiroler ÖVP zwei Wochen zuvor werden selbst 56 Prozent ein respektables Ergebnis. Die türkis-grüne Koalition kann heute entspannt in die Woche starten, weil sie keine unmittelbare Entlassung fürchten muss.

Für Gerald Grosz und Michael Brunner, die genau das angedroht haben, sind die Bäume gestern definitiv nicht in den Himmel gewachsen. Doch noch nie sind so detaillierte Putschpläne gegen die Regierung und den Nationalrat in einem Wahlkampf offen angekündigt und diskutiert worden. Gemeinsam erreichten die beiden mit Walter Rosenkranz und Tassilo Wallentin über 35 Prozent der Wählerinnen und Wähler. Eine beachtliche Gruppe, bei der Unzufriedenheit, Zweifel am Rechtsstaat, Vorrang nationaler Interessen vor internationalem Handeln sowie Kritik an den Russland-Sanktionen und am Corona- bzw. Inflationsmanagement kulminieren.

Der Amtsinhaberbonus hat gegen die Herausforderer, die oft und gerne ihre Unerfahrenheit als Vorteil darstellten, am Ende doch den Ausschlag gegeben. Es mag die Sehnsucht nach Stabilität in beunruhigenden Zeiten gewesen sein, wahrscheinlich half auch die hohe Wahlenthaltung Van der Bellen. Ein Gutteil der Enttäuschten und Verärgerten dürfte diesmal zu Hause geblieben sein. Die Gruppe der Unzufriedenen in der Gesamtbevölkerung ist wohl noch größer.

Darauf wird die FPÖ bauen, für die der Sonntag mit einem weinenden und einem lachenden Auge endete. Das große Ziel einer Stichwahl wurde zwar nicht erreicht, aber die Zweifel am etablierten Politikbetrieb wurden vergrößert. Obwohl selbst immer schon Teil des sogenannten „Systems“, zeigt sich für die FPÖ ein reiches Reservoir für die Absicherung des zweiten Platzes bei den nächsten Nationalratswahlen. Die Gefahr neuer Gruppierungen wie MFG oder eine Liste Grosz ist minimal. Ein-Themen-Parteien sind auf externe Faktoren wie steigende Infektionszahlen angewiesen, Wahlkampf via social media als Spagat zwischen Polarisierung und Wählbarkeit erreicht (noch) zu wenig Publikum. Der beachtliche Vorsprung von Rosenkranz auf den dritten Platz wurde doch durch traditionelle Parteistrukturen inklusive einer gut gefüllten Wahlkampfkasse gesichert.

Doch nicht nur rechts der politischen Mitte macht sich Unzufriedenheit breit. Dominik Wlazny alias Marco Pogo könnte Geschmack an der Politik gefunden haben und bei einem Antreten bei der nächsten Nationalratswahl sowohl SPÖ als auch grünen Stimmen links außen wegnehmen. In Wien ist der Bezirkspolitiker immerhin auf Platz 2 gelandet. Und das Wahlergebnis offenbart noch andere Schwachstellen: Bei Wählern unter 30 hätte Van der Bellen den Einzug in die Hofburg gestern nicht geschafft. Jede fünfte Stimme von den Jungen ging an Wlazny.

Umgekehrt lässt sich das Ergebnis also auch so interpretieren: Ein Kandidat, unterstützt von vier Parlamentsparteien, hat gerade einmal 56 Prozent erreicht. Für den Amtsinhaber ist das heute kein Problem mehr. In den Parteizentralen sollten allerdings die Köpfe rauchen.

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