„Es muss unser Anspruch sein, immer vorne mitzufahren“

Sport / 22.10.2012 • 20:03 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Für Mathias Berthold und seine ÖSV-Herren steht eine Saison mit einer WM vor der Tür: „Wir sind gut vorbereitet“, sagt der Gargellener. Foto: ap
Für Mathias Berthold und seine ÖSV-Herren steht eine Saison mit einer WM vor der Tür: „Wir sind gut vorbereitet“, sagt der Gargellener. Foto: ap

Im VN-Interview verrät Mathias Berthold, warum er im Sommer „auswandern“ will.

ski alpin. Saison drei für Mathias Berthold als Herrenchef der ÖSV-Ski-Asse. Drei Weltcup-Kugeln, 14 Saisonsiege und 40 Podestplätze gibt es aus dem vergangenen Winter zu verteidigen, auf den Montafoner und sein Team wartet als zusätzliche Herausforderung die Heim-WM in Schladming.

Ist die letzte Weltcupsaison für das ÖSV-Herrenteam zu toppen?

berthold: Es gibt immer etwas zu toppen. Klar, es ist in der vergangen Saison im Weltcup sehr, sehr gut gelaufen. Die Burschen haben brutal viel erreicht, aber im Slalom und im Super-G geht mehr. Und wir haben ja mit der Heim-WM in Schladming noch ein anderes wichtiges Ziel vor Augen.

Wie steht es um die Form von Weltcup-Titelverteidiger Marcel Hirscher?

berthold: Marcel fährt sehr gut, ich bin happy, wie er sich präsentiert. Vor allem die Formkurve im Riesentorlauf ist, und das habe ich bereits beim Techniktraining in Neuseeland gesehen, steigend. Er wird vorne mitfahren können und ist heißer Anwärter auf den Gesamtweltcup.

Wer wird in dieser Saison sein härtester Konkurrent?

berthold: Es sind immer die gleichen Kandidaten. Wie etwa Aksel Lund Svindal oder Ivica Kostelic, mit diesen Routiniers ist immer zu rechnen. Und vielleicht geht auch einem der Jungen der Knopf auf.

Die Schweizer jammern über viele verletzte Rennläufer. Wie sieht es bei den ÖSV-Herren aus?

berthold: Auch wir haben einige, die nicht fit sind. Klaus Kröll begann erst vor 14 Tagen wieder mit dem Skitraining, auch Matthias Mayer war lange außer Gefecht. Die kleineren gesundheitlichen Probleme gibt es sowieso immer, die hängen wir nicht an die große Glocke.

Das neue Material gibt zu reden. Wie kommt das Riesentorlaufteam mit den Skiern zurecht?

berthold: Was ich gesehen habe, kommen fast alle damit gut zurecht. Es ist im Riesentorlauf sicher nicht einfacher geworden, aber nach ein paar Rennen haben sich wohl alle Läufer an die neuen Gegebenheiten gewöhnt.

Die Bedingungen auf den Gletschern werden immer schwieriger. Wie waren die Vorbereitungen heuer?

berthold: Wir wurden sehr gut von den Gletschergebieten im Ötztal und Mölltal unterstützt. Aber den Vorteil, den wir vor 15 oder 20 Jahren hatten, der ist weg. Die meisten heimischen Gletscher sperren im Sommer zu, da haben es die Schweizer mit dem höher gelegenen Zermatt besser. Wir müssen darüber reden, ob wir nicht im Sommer nach Neuseeland, Chile oder Argentinien „auswandern“. Das Problem ist allerdings die Finanzierung, so etwas wäre mit hohen Kosten verbunden.

Was ist vom ÖSV-Team beim Riesentorlauf-Auftakt in Sölden zu erwarten?

berthold: Von einer Vorgabe möchte ich nicht reden. Ich möchte aber, dass alle unsere Athleten ihre beste Leistung abrufen. Es ist nun mal unser Anspruch, dass wir in jedem Rennen vorne mitfahren. Das gilt auch für Sölden. Noch dazu ist es ein Heimrennen mit einer außergewöhnlich geilen Stimmung.

Die Heim-WM in Schladming steht vor der Tür. Kann man sich spezifisch auf so ein
Großereignis vorbereiten?

berthold: Das kann man schon. Wenn man nämlich von Anfang an in den vorderen Rängen mit dabei ist, ist die Chance auf Topresultate auch bei der WM sehr groß. Außenseitersiege bei Großereignissen sind die Ausnahme, die Ergebnisse kündigen sich meist schon im Vorfeld an.

Lindsey Vonn möchte bei der Herrenabfahrt in Lake Louise starten. Was halten Sie von der Idee?

berthold: Ich war zwölf Jahre selbst Damentrainer. Und bei aller Wertschätzung für die Mädchen muss ich sagen: Auf einer Herren-Speedstrecke haben sie nichts verloren. Ich will ihre Leistungen damit keinesfalls schmälern, aber das ist doch eine andere Sportart.

Wie entwickeln sich die jungen Vorarlberger im ÖSV?

berthold: Marcel Mathis zeigt im Riesentorlauf ganz starke Leistungen. Man darf ihm aber nach der sehr guten letzten Saison nicht zu viel Druck auferlegen. Er muss die Zeit bekommen, sich zu stabilisieren. Mein Sohn Frederic hat in der Abfahrt aufgezeigt und ist drauf und dran, auch im Riesentorlauf einen Schritt nach vorn zu machen. Bei Björn Sieber spiegelt sich die schwache vergangene Saison in den FIS-Punkten wider, er muss sich heuer im Europacup in die Weltrangliste und zu guten Startnummern zurückkämpfen. Er hat auch das Zeug dazu. Auch von Bernhard Graf habe ich gute Leistungen gesehen, er muss sich in der Qualifikation bewähren. Martin Bischof hat sich leider verletzt, Clemens Dorner, Daniel Meier und Johannes Strolz haben alle gute Fortschritte gemacht.

Auf welche Nachwuchs-Rennläufer sollte man in der kommenden Saison ein Auge werfen?

berthold: Das ist schwer zu sagen. Im Training sieht man einige junge Buben, die sich prima weiterentwickelt haben und mir sehr gut gefallen. Aber Rennen und Training sind halt immer noch zwei Paar verschiedene Schuhe.

Gute Resultate bei Großereignissen kündigen sich im Vorfeld an.

mathias berthold

Damen haben auf einer Herren-Speedstrecke nichts verloren.

Mathias Berthold
Berthold mit seinem Musterschüler Marcel Mathis: „Man muss ihm Zeit geben, um sich zu stabilisieren.“ Foto: gepa
Berthold mit seinem Musterschüler Marcel Mathis: „Man muss ihm Zeit geben, um sich zu stabilisieren.“ Foto: gepa

Zur Person

Mathias Berthold

ist seit 2010 Cheftrainer des österreichischen Herren-Skiteams

Geboren: 18. 5. 1965 in Gargellen

Größe/Gewicht: 178 cm/78 kg

Karrierende als Rennläufer: 1996

Sportliche Erfolge:

» Weltmeisterschaften 1987: 16. Rang; » Weltcup 1986/87: 6. Slalomwertung; ein Podestplatz, weitere neun Platzierungen unter den besten 10

» Europacup: sechs Siege und zwei zweite Plätze

» Profirennen: Weltmeisterschaften: Squaw Valley 1991: 3. Kombination; Aspen 1993: 1. Slalom, 3. Kombination; Aspen 1996: 3. Slalom

Trainerkarriere:

» ab 1996 zwei Jahre in Großbritannien

» 1998 vier Jahre Slalom- und Riesenslalomtrainer ÖSV-Damen

» 2002 Techniktrainer der US-Damen 2003 Damen-Cheftrainer im Deutschen Skiverband

» ab 2010/11 ÖSV-Herren-Cheftrainer