„Niederlagen machten mich gierig auf Erfolg“

Sport / 28.10.2012 • 22:06 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Der Kugelschreiber und ein Zettel sind bei Damir Canadi während den 90 Minuten am Spielfreldrand immer dabei. Foto: Steurer
Der Kugelschreiber und ein Zettel sind bei Damir Canadi während den 90 Minuten am Spielfreldrand immer dabei. Foto: Steurer

Canadi wollte gar nie Fußballtrainer werden. Jetzt liegt er mit dem FCL auf Platz vier.

Fussball. Als Abstiegskandidat Nummer eins gehandelt, haben die Blau-Weißen nach 14 Runden bereits 21 Punkte auf dem Konto. Und am Dienstag will die Elf von Damir Canadi im ÖFB-Cup gegen Wolfsberg für die nächste Sensation sorgen. Doch wie schaffte es der aus Kaisermühlen stammende Erfolgscoach, dem FC den richtigen Blues einzuhauchen? Im VN-Interview gibt der zweifache Familienvater die Antworten darauf.

Ein echter Wiener geht nicht unter. Das trifft auf Sie insofern zu, als dass Sie Ihre Fußballkarriere wegen einer Hüftoperation frühzeitig beenden mussten und der Einstieg ins Trainergeschäft mit sechs Niederlagen begann. Was animierte Sie damals als 30-Jähriger in diesem Business weiterzumachen, zumal Sie ja nie Trainer, sondern Physiotherapeut werden wollten?

Damir Canadi: Ich schlitterte da einfach rein, ließ mich zu einer Rolle als Spieler-Trainer überreden. Die sechs Niederlagen machten mich dann richtig gierig, weil ich schlecht verlieren kann. Ich habe auch rasch gemerkt, dass der Unterschied zwischen Trainer und Spieler riesig ist. Also habe ich als Trainer von der Pike auf angefangen und bin mit jeder Mannschaft – bis auf den FAC – Meister geworden.

Warum ist der Unterschied zwischen Trainer und Spieler so groß?

Canadi: Als Trainer beschäftigst du dich 24 Stunden mit Fußball, musst dich auch noch um das ganze Umfeld kümmern. Und die Entscheidungen triffst du letztlich allein. Du hast keine 20 Kollegen im Training oder zehn Mitspieler auf dem Feld. Als Trainer gibt es nur richtig oder falsch.

Der FC Lustenau ist Ihre erste Profistation. In Ihrem zweiten Trainerjahr haben Sie die Mannschaft sensationell auf den vierten Platz geführt. Dabei gelingt es Ihnen immer wieder, mit neuen taktischen Varianten zu überraschen. Legendär ist etwa das 6-0-4-System gegen die Austria. Was führt Sie zu solchen Überlegungen?

Canadi: Prinzipiell finde ich es nicht gut, wenn eine Mannschaft nur ein System beherrscht. Dafür passiert im Laufe einer Meisterschaft zu viel und auch die Gegner sind zu unterschiedlich. Das erfordert taktische Flexibilität. Deshalb forciere ich es, dass Spieler in verschiedenen Positionen einsetzbar sind.

VN: Inwiefern werden durch das richtige System Spiele entschieden?

Canadi: Ein System ist dafür da, um eine Grundordnung in der Aufstellung zu haben. Ich versuche meine Spieler mit Ordnung, Disziplin und der richtigen Einstellung dahingehend auszubilden, dass wir die Defensive gut ordnen und wenig Energie verbrauchen, damit wir für die Offensiv­aktionen die nötige Energie und Kraft haben. Und da muss man auch das eine oder andere probieren. Mal gelingt dies besser und mal eben schlechter.

Etwas provokativ gefragt: Haben Sie nicht Angst, dass die halbe Mannschaft zu anderen Vereinen abwandert, wenn der FC Lustenau weiter so hervorragend spielt? Spieler wie Lukse, Vucur, Aydogdu, Terzic, Luxbacher oder Osman haben sich einen Namen gemacht.Canadi: Ich spreche da ganz offen. Aufgrund der bescheidenen finanziellen Möglichkeiten kann der FC Lustenau nur als Plattform dienen für Spieler, die das Ziel haben, nach oben zu kommen. Das ist bei uns ein normaler Prozess. Der Verein braucht auch Einnahmen, die aus Spielerverkäufen stammen. Und es ist ja nicht so, dass ich Angst haben muss, dass die halbe Mannschaft morgen davonläuft. Dafür gibt es ja Verträge. Und zudem schätzen die Spieler den Klub sehr und geben alles dafür.

Wie sieht es mit Ihnen aus? Lockt die Bundesliga?

Canadi: Mein Vertrag läuft noch bis Ende der Saison. Wenn ein konkretes Angebot eines Bundesligisten vorliegt, habe ich eine Ausstiegsklausel, doch damit beschäftige ich mich nicht, sondern will die Saison gut zu Ende bringen. Ich bin ja auch kein Messias, sondern werde die Bodenhaftung sicher nicht verlieren. Das gilt für den gesamten Verein. Im Fußball kann es ohnehin sehr schnell gehen. Sowohl nach oben als auch nach unten.

Braucht es für den Trainerjob ein besonderes Talent?

Canadi: Das muss sich jeder selbst erarbeiten. Es gibt im Fußball derart viele Komponenten, die für den Erfolg ausschlaggebend sind. Für mich ist es wichtig, authentisch zu sein. Und egal wo ich arbeite: Die Nachhaltigkeit spielt eine große Rolle. Ich habe auch kein besonderes Vorbild, sondern versuche mir von den Besten durch Videoanalysen etwas abzuschauen. Das war schon immer ein Steckenpferd von mir.