Olympia-Aus nach 120 Jahren

Sport / 12.02.2013 • 21:52 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Der Götzner Bruno Hartmann war ein Mal als Aktiver und vier Mal als Trainer bei Olympischen Sommerspielen dabei.   Foto: Hartinger
Der Götzner Bruno Hartmann war ein Mal als Aktiver und vier Mal als Trainer bei Olympischen Sommerspielen dabei.
Foto: Hartinger

IOC-Exekutive will nach 2016 den Ringsport aus dem olympischen Programm nehmen.

ringen. Seit Beginn der Olympischen Sommerspiele in der Neuzeit 1896 gehörte Ringen ohne Unterbrechung zum olympischen Programm. Nun soll Ringen 2020 gestrichen werden. Die Exekutive des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) hat die klassische Sportart überraschend aus dem Programm für die Sommerspiele 2020 gestrichen. Der Moderne Fünfkampf, vor der Sitzung Streichkandidat Nummer eins, behält hingegen über Rio de Janeiro 2016 hinaus seinen Olympia-Status.

Bei den Spielen im Sommer in London standen in den vier Gewichtsklassen der Frauen 76 und bei den 14 Entscheidungen (je sieben im freien bzw. griechisch-römischen Stil) insgesamt 268 Männer auf der Matte. Dem Weltverband (FILA) gehören aktuell 177 nationale Verbände an. Davon sind 47 aus Europa, 46 aus Afrika, 37 aus Asien, 32 aus Amerika und 15 aus Australien/Ozeanien.

39 Kriterien geprüft

Das IOC begründete seine Empfehlung unter anderem mit den niedrigen Werten, die das Ringen bei einer detaillierten Analyse aller 26 olympischen Sommersportarten bekam. Dabei hatte die Programm-Kommission des IOC insgesamt 39 Kriterien wie TV-Quoten, Zuschauerzahlen, Ticketverkäufe, weltweite Verbreitung, Mitgliederzahlen und Attraktivität für Jugendliche untersucht.

Enttäuschte Ringer-Familie

„Diese Entscheidung ist natürlich ein ganz herber Rückschlag für uns“, sagte Bruno Hartmann, selbst Olympia-Teilnehmer 1972 in München und über 30 Jahre als Trainer tätig: „Das Ringen zählt weltweit zu den weitverbreitetsten Sportarten. Schon alleine aus diesem Grund ist es nur schwer nachvollziehbar, warum wir, und nicht eine andere Sportart, nun aus dem olympischen Programm gestrichen wurden.“

Enttäuscht zeigte sich auch die Ende 2009 zurückgetrene fünffache Welt- und Europameisterin Nikola Hartmann: „Es ist traurig, und ich bin neugierig, wie die Sache nun weiterläuft. Ringen ist ein taktischer und technischer Zweikampfsport, in dem es nicht darum geht, den Gegner zu verletzen. Gerade in der Gewaltprävention ist unsere Sportart enorm wertvoll.“

Ähnlich die Reaktion bei Reinold Hartmann, Präsident des Vorarlberger Fachverbands (RSVV): „Die Entscheidung des IOC hat uns sprichwörtlich den Boden unter den Füßen weggezogen. Es ist für mich vollkommen unverständlich, wie eine der olympischen Sportarten überhaupt aus dem Programm fallen kann, ohne den Sinn dieses Sportereignisses insgesamt infrage zu stellen. Damit hat das Komitee aus meiner Sicht die Tradition und den olympischen Gedanken im wahrsten Sinne des Wortes verkauft. Meiner Meinung nach stirbt mit dieser Entscheidung ein Stück olympischer Gedanke, und man darf die Entscheidung sicher nicht kampflos hinnehmen.“

Kleiner Hoffnungsschimmer

Ringen wird demnach 2016 in Rio de Janeiro – zumindest vorläufig – zum vorerst letzten Mal bei Sommerspielen auf dem Programm stehen. Zusammen mit Base-/Softball, Sportklettern, Karate, Rollersport, Squash, Wakeboard und Wushu hat die Kampfsportart jedoch die Chance, Ende Mai bei der Exekutiv-Sitzung in St. Petersburg doch noch den Verbleib zu sichern. Doch dies hat eher formalen Charakter und gilt als unwahrscheinlich.

Endgültig bestätigen muss die Entscheidung die 125. IOC-Exekutive im September in Buenos Aires. Dort wird außerdem zwischen Tokio, Madrid und Istanbul der Gastgeber der Sommerspiele 2020 gewählt. Außerdem wird dort auch der Nachfolger für Jacques Rogge gewählt, der nach elf Jahren als IOC-Präsident ausscheidet.

Neben dem Modernen Fünfkampf stand vor der Sitzung in Lausanne Taekwondo auf der Abschussliste des IOC. Erst in zweiter Linie gefährdet schienen Ringen und Badminton, das in London wegen der taktischen Niederlagen einiger Teams einen Eklat provoziert hatte. Am Ende kam die IOC-Programmkommission unter dem Italiener Franco Carraro zu dem Schluss, dass das Ringen am wenigsten die Voraussetzung für einen Verbleib im Olympiaprogramm erfülle.

Ich bin gespannt, ob das detaillierte Ergebnis der Analyse auch jemals veröffentlicht wird.

Bruno Hartmann