Milliardenprojekt in der Kritik

Sport / 29.10.2013 • 21:31 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Milliardenprojekt in der Kritik

In 100 Tagen beginnen die Winterspiele. Skandale überschatten die Vorbereitung in Sotschi.

olympia. Menschenrechtsverletzungen, Umweltsünden, Terrorangst: 100 Tage vor der Eröffnungsfeier der Olympischen Winterspiele in Sotschi trüben Horrorszenarien und anhaltende Kritik an den Gastgebern die Stimmung. Eine Trendwende ist nicht in Sicht, auch wenn die großen Bosse in dieser Woche kräftig die Werbetrommel für das gigantische Prestigeobjekt rühren: Zum Start des letzten großen Countdowns besuchten Wladimir Putin und Thomas Bach die Stadt am Schwarzen Meer.

Kosten explodierten

Der Chef des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), der erstmals seit seinem Amtsantritt am 10. September nach Sotschi reiste, findet eine boomende 400.000-Einwohner-Stadt vor, in der noch an allen Ecken und Enden gewerkelt wird. 38 Milliarden Euro an Investitionskosten für neue Infrastrukturmaßnahmen wollen für die teuersten Winterspiele der Geschichte erst mal verbaut werden. Der IOC-Präsident und der Staatschef eröffneten schon mal Seite an Seite den neuen Hauptbahnhof.

Und je nachdem, wie genau Bach hinter die Fassade schaut, wird er auf Abgründe stoßen. Die Jagd von Milizen auf vermeintlich illegale Arbeiter im Auftrag der Regierung hat in den vergangenen Wochen international für Empörung gesorgt. Die Abschiebungen basieren unter anderem auf der Annahme, dass die Kriminalität in die Höhe schnellen könnte, wenn es in der Stadt nichts mehr zu bauen gibt. So weit ist es aber noch nicht. Deshalb sollen nun aus allen Winkeln des Riesenreichs Arbeitslose nach Sotschi kommen, damit bis zur Eröffnungsfeier am 7. Februar alles fertig wird.

„Wir müssen sichergehen können, dass die olympische Charta eingehalten und es keinerlei Diskriminierungen geben wird. Dafür haben wir auch die Zusicherung der höchsten Autoritäten des Landes“, sagt Bach und fügt schon mal vorbeugend hinzu, das IOC sei „kein übergeordnetes Parlament“, das anlässlich Olympischer Spiele „Gesetze über ein Land verhängen“ könne.

Hunderte Familie umgesiedelt

Putin gab in Sotschi allen Schwulen und Lesben erneut eine Wohlfühl-Garantie: „Wir werden alles tun, um sicherzustellen, dass sich Athleten, Fans und Gäste bei den Olympischen Spielen wohl fühlen, unabhängig von ihrer ethnischen Herkunft, der Rasse oder der sexuellen Ausrichtung.“

Auch diesmal treiben die Macher ihr Projekt ohne Rücksicht auf Verluste ­voran. Vor dem Bau des riesigen Olympiaparks unweit des von Palmen gesäumten Schwarzmeerstrandes wurden mehr als hundert Familien zwangsumgesiedelt. In dem sogenannten „Küsten-Cluster“ finden die Hallensportarten statt, der Rest wird gut 50 km Richtung Nordosten in den Bergen ausgetragen. Alle Wettkampfstätten wurden aus dem Boden gestampft, ebenso eine Verbindungsautobahn zwischen beiden Clustern, gegen die Naturschützer und Anwohner vergeblich Sturm laufen.

Keine große Party

Dass die Reißbrett-Spiele funktionieren werden, bezweifeln sogar einige Olympier. „Es wird kaum eine große Party werden“, sagt Gianfranco Kasper, IOC-Mitglied und Präsident des Ski-Weltverbandes FIS: „Das ist eine Region, die kaum Sport kennt: Es gibt keine Skiklubs oder Eishockey-Teams – nichts. Es wird schwierig sein, Atmosphäre zu schaffen.“ Auch die strengen Sicherheitsvorkehrungen könnten auf die Stimmung drücken. Nach konkreten Drohungen durch den tschetschenischen Terror-Chef Doku Umarow vergab Putin Sicherheitsgarantien. Sotschi, so viel ist klar, geht unter schwierigen Voraussetzungen an den Start.

Bahnhofseröffnung in Sotschi: Bach und Putin. Foto: ap
Bahnhofseröffnung in Sotschi: Bach und Putin. Foto: ap

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