„Götzis ist das beste Meeting der Welt“

Sport / 02.06.2014 • 18:53 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Nach jedem Bewerb analysierte Harry Marra mit Brianne Theisen-Eaton ihre Leistung. foto: stiplovsek
Nach jedem Bewerb analysierte Harry Marra mit Brianne Theisen-Eaton ihre Leistung. foto: stiplovsek

Erfolgstrainer Harry Marra über Weltklasse-Athleten, Emotionen und Vorarlberger Käse.

leichtathletik. (VN) Der Amerikaner Harry Marra vom Oregon Elite Leichtathletik Club in Eugene ist der Trainer von Brianne Theisen-Eaton, der Vorjahressiegerin und heuer Zweitplatzierten beim Hypomeeting in Götzis. Neben der zweifachen Vize-Weltmeisterin betreut er auch deren Ehemann, den Olympiasieger, Weltmeister und Weltrekordhalter Ashton Eaton. Der 69-Jährige Wahl-Kalifornier verhalf sieben Zehnkämpfern zu mehr als 8000 Punkten.

Brianne musste sich nach Platz eins im Vorjahr nun in Götzis mit Rang zwei begnügen, wie lautet Ihr Resümee?

marra: Nach dem ersten Tag lag sie in Führung. Es lief sehr gut, aber nicht so rhythmisch, wie es hätte sein können. Am zweiten Tag lag sie vor dem 800 m Lauf auf Rang zwei. Sie war zu nervös und ungeduldig. Aber wir ziehen daraus unsere Schlüsse und arbeiten an den Schwächen.

Welche Bedeutung hat das Meeting in Götzis?

marra: Ohne Zweifel ist Götzis das beste Mehrkampfmeeting der Welt, sogar besser als die Weltmeisterschaft. Und zwar deshalb, weil es Athleten-freundlich ist, die Zuschauer haben Fachkenntnis und leben mit. Es ist am Beginn des Jahres immer ein Saisonhöhepunkt für die Athleten.

Was kennen Sie außer Götzis noch in der Region?

marra: 1992 war ich das erste Mal hier und insgesamt sechs Mal. Ein absoluter Fixpunkt ist ein Einkauf in „Fredis Käslädele“ in Bregenz. Ich habe den inzwischen leider verstorbenen Besitzer 1992 kennengelernt. Er kam mit einer Platte Käse auf die Straße und hat gemeint: Das ist gutes Doping. Und der Käse in Vorarlberg ist fantastisch!

Als Trainer haben sie unzählige Erfolge gefeiert. Welcher Moment war der schönste?

marra: Als Trainer versuche ich, mich nicht von den Emotionen überwältigen zu lassen. Auch wenn Brianne letztes Jahr Zweite bei der WM war und Ashton Eaton Olympiasieger und Weltmeister war, denke ich nicht darüber nach. Ich will mich nicht mit gestern beschäftigen, sondern mit der Zukunft. Wenn ich in Pension bin – das wird bald sein – hoffe ich, dass ich noch mindestens zehn Jahre lang lebe, damit ich daheim in Kalifornien eine gute Flasche Rotwein öffnen kann und in meinem Garten an die gute und erfolgreiche Zeit denken kann. Ohne Druck – das ist mein Traum (lacht).

Aber Sie haben jetzt sicher auch eine gute Zeit?

marra: Ja natürlich, ich genieße es. Ich habe mit Brianne und Ashton sehr gute Athleten, das wissen wir alle – aber sie sind auch besondere Menschen. Was immer sie auch machen, sie schauen dich an und wissen, sie können es noch besser. Was will man als Trainer mehr? Sie versuchen es noch einmal. Sie machen ihre Hausaufgaben, analysieren per Videoaufzeichnung, die Kommunikation ist sehr gut und das gegenseitige Vertrauen ist groß.

Macht das den Unterschied zwischen einem sehr guten und einem Weltklasseathleten aus?

marra: Man braucht die körperlichen Voraussetzungen, das haben viele. Aber es muss gerade im Zehn- und Siebenkampf auch die mentale Komponente passen, die muss konstant sein. Egal, ob man zu enthusiastisch ist nach einem sehr guten Weitsprung, oder ob es im Kugelstoßen gar nicht gut gelaufen ist – man hat keine Kontrolle mehr darüber, es ist vorbei. Man muss es gleich beiseite schieben. Ich liebe den Sieben- oder Mehrkampf nicht um der Medaillen willen. Ich mag die Herausforderung. Wenn jemand zu mir sagt, dein Athlet oder du als Trainer kannst eine Leistung nicht übertreffen, dann sage ich verdammt noch mal, klar schlagen wir das. Es ist der Kampf, den ich liebe.

Sie schreiben gerade ein Buch.

marra: Es heißt „My life in Decathlon“ und liegt beim Verleger und ich hoffe, es gefällt ihm. Es geht dabei um den Sport und alle Athleten, die ich trainiert habe. Aber vorwiegend darum, dass man aus dem Mehrkampf für das Leben lernt. Es ist nicht nur für Leichtathletik-Fans interessant, sondern für alle Eltern und Kinder, die Rückschläge verkraften müssen.

Sie waren selbst als Zehnkämpfer aktiv.

marra: Ich bin in New York aufgewachsen und hatte einen sehr guten Trainer. Ich war bis 1974 aktiv, insgesamt 14 Jahre lang. 6533 Punkte waren meine Bestleistung. Ashton holt im Zehnkampf in sieben Disziplinen mehr als ich in zehn, das ist wirklich sehr gut (lacht).

Ein Blick in die Zukunft?

marra: Nächstes Jahr werde ich 70, ich gehe bald in Pension. Dann komme ich als Rentner mit meiner Frau zurück nach Götzis, setze mich unter die Zuschauer und genieße einfach dieses großartige Event hier in Vorarlberg.

Käse-Köstlichkeiten für Harry Marra von VN-Mitarbeiterin Angelika Kaufmann-Pauger. Foto: ds
Käse-Köstlichkeiten für Harry Marra von VN-Mitarbeiterin Angelika Kaufmann-Pauger. Foto: ds

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