Kleiner Prinz vor großer Prüfung

Sport / 10.06.2014 • 21:10 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
So wollen rund 200 Millionen Brasilianer ab morgen ihren Star Neymar sehen: Jubel nach einem Torerfolg. Foto: Reuters
So wollen rund 200 Millionen Brasilianer ab morgen ihren Star Neymar sehen: Jubel nach einem Torerfolg. Foto: Reuters

Viele sehen in Neymar auch ein übermäßig talentiertes, aber verzogenes und unreifes Kind.

Fussball. Seit dem Abtritt des Königs von der großen Bühne sucht das Land nach einem würdigen Thronfolger – und Neymar, der passenderweise wie Pelé beim FC Santos groß geworden ist, steht in dieser Hinsicht besonders im Fokus. Auf dem Platz wirkt der Offensivkünstler schon wie eine Kopie des mutmaßlichen Vorgängers, der drei Mal Weltmeister wurde: Seine Dribblings suchen ihresgleichen, er legt ein exzellentes Spielverständnis an den Tag und ist vor dem Tor gefährlich. Mit 22 Jahren ist Neymar da Silva Santos junior der Überstar der Brasilianer, der die Seleção im eigenen Land zum WM-Titel schießen soll. Wohl noch nie bei einer Weltmeisterschaft stand ein Spieler so unter Druck wie der Edeltechniker aus São Paulo in den nächsten Wochen.

Der große Star im WM-Land

Angeführt von dem damaligen Teenager gewann Santos die Copa Libertadores (2011), den südamerikanischen Cup der Cupsieger (2012), einmal die brasilianische Meisterschaft und drei Mal die Staatsmeisterschaft von São Paulo. Es war die erfolgreichste Ära für den Klub seit den Zeiten von Pelé. Die Top-Adressen in Europa eröffneten daraufhin die Jagd auf den schmächtigen Dribblanski, dem in 134 Spielen 70 Treffer gelangen. Im Sommer 2013 machte schließlich Barcelona mit einem Transfer das Rennen, dessen versteckte Machenschaften die spanische Justiz noch immer beschäftigen.

Weil er trotzdem länger in Brasilien blieb, als allgemein erwartet, lieben ihn die Leute. Heute ist sein Gesicht im Land omnipräsent. Er kassiert Gagen von gut einem Dutzend Privatsponsoren, hat die Abkürzung „NJR“ (Anm. d. Red.: für „Neymar Jr.“) als Marke registrieren lassen und ist der Star einer eigenen Comic-Reihe. Über die Details seines Liebeslebens und seiner neuesten Frisuren kann man sich an jedem Zeitungsstand bis ins kleinste Detail informieren.

In Europa als Mensch gereift

Unter diesen Voraussetzungen ist es nicht einfach, einen kühlen Kopf zu bewahren. Im Jahr 2010 legte sich Neymar mit Santos-Trainer Dorival junior an, weil dieser einen anderen Spieler zum Elfmeterschützen bestimmte. Der Trainer verbannte den Jung­spund daraufhin auf die Bank, die Klub-Führung aber stellte sich auf Neymars Seite und feuerte Dorival. „Wir sind dabei, ein Monster zu schaffen“, sagte der brasilianische Trainer-Veteran Rene Simoes damals.

In Barcelona wurde Neymars Ego etwas zurechtgestutzt. Ob mit oder ohne Lionel Messi an der Seite, der Neuankömmling kam bei den Katalanen nie so zur Geltung wie im Nationalteam, für das er in 49 Länderspielen 31 Treffer erzielt hat. Die Bilanz von 15 Toren in 41 Pflichtspielen liest sich zwar nicht gerade schlecht, trotzdem lassen die spanischen Gazetten selten ein gutes Haar an ihm.

Erfolgreicher als Pelé

Als Persönlichkeit ist Neymar seit seinem Wechsel nach Europa anscheinend gereift. Gegenüber der TV-Station Caras erklärte er ganz bescheiden: „Ich bin ein normaler Kerl. Ich feiere gerne mal eine Party, gehe ins Kino oder shoppen. Aufgrund meiner Bekanntheit kann ich nicht einfach so zum Shopping oder an den Strand gehen. Das fehlt mir, aber ich danke Gott für das, was ich erreicht habe.“

Jetzt verlangen fast 200 Millionen Menschen von ihm, dass er beim Unternehmen „Hexacampeao“ erfolgreich Regie führt. Sollte er die erfolgshungrige Bevölkerung enttäuschen, könnte das seine Karriere für immer verändern. Wenn er die Erwartungen erfüllt, hätte er Pelé aber sogar übertroffen, denn der wurde nie im eigenen Land Weltmeister.

Ich verspüre keinen Druck. Vielleicht fehlt mir das Sinnesorgan, mit dem man Druck wahrnimmt.

nEYMAR

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