Einfach nur krass, diese enormen Gegensätze

Sport / 16.06.2014 • 22:57 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Gepanzerte Militärfahrzeuge vor dem Maracanã-Stadion. Foto: gepa
Gepanzerte Militärfahrzeuge vor dem Maracanã-Stadion. Foto: gepa

Brot und Spiele! Wie lange funktioniert dies noch, wenn langsam das Brot ausgeht?

Rio de Janeiro. Auf dem Weg ins Maracanã denke ich an meinen Lateinunterricht zurück. „Panem et Circenses“ („Brot und Zirkusspiele“)! Diese Worte begleiten mich seit meiner Ankunft in Brasilien. Wie treffend nur hatte doch der römische Dichter Juvenal in seiner Satire die Entpolitisierung und die Ängste des Volkes beschrieben. Was blieb, war einzig und allein der Wunsch nach Brot und Spielen. Gut zwei Jahrtausende später erleben wir die Geschichte wieder. Es scheint jedoch, als hätte die Obrigkeit in Gestalt von Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff oder FIFA-Chef Joseph S. Blatter nicht mit dem Aufbegehren des Volkes gerechnet. Die Rechnung aber ist einfach: Wem das Brot fehlt, dem vergeht die Lust an Spielen.

Hochsicherheitstrakt Stadion

So bewusst wie in Rio rund um mein erstes WM-Spiel habe ich das noch selten erlebt. Vor dem Stadion weisen Rauchwolken den Weg. Der Versuch, dem Taxifahrer etwas zu entlocken, hörte sich etwa so an: „Ein paar Irre, Demonstranten.“ „Aha“, sage ich, und schon fahren wir an den ersten gepanzerten Militärfahrzeugen vorbei. Dann überall Rotlicht. Das Stadion ist ein Hochsicherheitstrakt, alles glänzt, alles ist bereit: Brot und Spiele. Ich spüre ja selbst, wie sehr die Vorfreude auf das Spiel überhand nimmt. Da ist die Geschichte dieses Stadions, wo einst bis zu 200.000 Zuschauer Platz fanden, da ist Pelé, das Idol meiner Jugend und da ist Lionel Messi mit seinen Argentiniern. Spätestens im Stadionoval funktioniert diese Formel. Zumindest für eine gewisse Zeit. Denn nach dem Abpfiff mischt sich Brasiliens Alltag mit der Lust nach Leben. Während im glanzvollen „Sofitel“ die FIFA-Mitarbeiter aus- und eingehen, liegen ein paar Häuserblocks weiter die Obdachlosen auf der Straße. Der reale Alltag ist allgegenwärtig, die Lust hat ein Ablaufdatum. Ob bei Argentiniens Fans, die die Nacht zum Tag machen oder bei den Einheimischen. Wen interessiert dann, ob der Auslöser eine Niederlage auf dem Spielfeld oder im Privaten lag. Die FIFA? Nein! Die Präsidentin? Hoffentlich, denn ihr stehen ja noch die Wahlen (Anm. d. Red.: im Oktober) ins Haus.

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