Der Weg ist das Ziel in São Paulo

Sport / 20.06.2014 • 20:41 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Ein Blick ins Innenleben der WM-Arena von São Paulo. Foto: Privat
Ein Blick ins Innenleben der WM-Arena von São Paulo. Foto: Privat

sÃO PAULO. Eine neue U-Bahnstrecke verbindet das Zentrum der Millionen-Metropole São Paulo mit Itaquera, jenem Stadtteil, in dem das neue Stadion des Fußballklubs Corianthians São Paulo steht, ein mehr als 300 Millionen Euro verschlingender Bau für die WM-Endrunde. Das Paradoxe daran: Die WM läuft bereits und noch immer ist das Stadion nicht fertiggestellt. Davon aber später mehr.

Der Weg ist das Ziel, heißt es so schön. Das habe ich mir während der WM-Tage zu meinem Leitspruch gemacht. Einen Blick über den Tellerrand (Fußball) zu wagen und so das Leben im WM-Land im wahrsten Sinne des Wortes aufzusaugen. Am Spieltag heißt das: Der Verzicht auf den super funktionierenden FIFA-Shuttle-Dienst über am Ende abgesperrte, neu asphaltierte Straßen. So suche ich mir, ja „bahne“ ich mir den Weg selbst, inmitten der Fans, durch die Viertel rund um die Stadien. Das ist nicht immer so einfach, wie ich zuletzt in São Paulo erfahren durfte. Denn die Arena ist am Spieltag kilometerweit abgesperrt und wer den falschen Eingang erwischt, der muss noch einmal zurück und von vorne beginnen. Trotz leerer Straße und trotz Blick auf die richtige Einlassstelle vor sich.

Also stapfe ich zurück, gehe durch Itaquera, mit dem „Navi“ im Kopf. Über einen Hügel rund um das Stadion, vorbei an Baracken, an provisorischen Häusern. Erschreckend – so muss auch ein Flüchtlingslager aussehen, denke ich mir. Hier, nur wenige Kilometer vom Stadion entfernt, schauen sie nicht im TV die WM-Spiele. Hier geht es um das nackte Überleben.

Und so findet die „Copa do Povo“, die WM des Volkes, zwischen den Hütten aus Holzlatten und Plastikplanen statt. Kinder jagen einem runden Etwas, sprich Ball, nach, Musik dringt aus Boxen und ich wundere mich – ich sehe viele fröhliche Gesichter. In mir aber verspüre ich diese Diskrepanz des modernen Brasilien. Hier der Reichtum, dort die schier grenzenlose Armut. Meine Gedanken verarbeitend schreite ich weiter Richtung Stadion. Vorbei an neu errichteten Wohnungen im usprünglich armen Viertel Itaquera, an der Peripherie von São Paulo. Gut 200 Euro kosten jetzt hier die Zimmer, lasse ich mir später erzählen. Und das in einem Land, in dem Millionen nur vom brasilianischen Mindestlohn (rund 240 Euro pro Monat) leben und damit eine ganze Familie ernähren müssen.

Die Zeit drängt, ich gehe schneller. Je mehr ich mich dem Stadion nähere, umso dichter werden die Menschenmassen. Mein Auge ist auf die weithin sichtbare „Unvollendete“ gerichtet. Provisorische Abdeckungen verhindern aber einen genauen Blick auf die nicht fertiggestellten Tribünen. Auch das Innenleben der Arena gleicht mehr einer Baustelle.

Auf dem Rasen aber wird WM-Fußball geboten – und das erneut sehr guter. Nach dem Schlusspfiff nehme ich den Shuttle-Dienst in Anspruch. Denn es ist dunkel geworden in São Paulo und auch kalt. Und ich habe mir vorgenommen, das Thema Sicherheit nicht übermäßig zu strapazieren.

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