Freiwillig leben hinter hohen Mauern

Sport / 23.06.2014 • 22:40 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Ausführliche Gespräche am Pool: Horst Zangl (l.) und Christian Adam.
Ausführliche Gespräche am Pool: Horst Zangl (l.) und Christian Adam.

sÃO PAULO. Danke Horst Zangl, danke für deine Beiträge in den VN während der WM-Endrunde, danke auch für die Zeit, die du dir für mich genommen hast. Zeit, um mir dein Brasilien zu zeigen. Wir fahren durch Campinas, einer Zwei-Millionen-Stadt rund 100 km nördlich von São Paulo, und du erzählst von Antônio Carlos Gomes, dem großen Komponisten der Stadt. Du spazierst mit mir über den so populären Marktplatz vor dem heruntergekommenen Amphitheater und du weist mich ein in die kulinarischen Genüsse.

Und natürlich reden wir viel über Fußball. Ich will die historischen Stadien dieser Stadt sehen. Die erste Station ist das Oval des ältesten aktiven Klubs Brasiliens, AA Ponte Preta. Schwarz und Weiß sind die Vereinsfarben, was an den Stadionmauern sichtbar ist. Das Maskottchen ist ein Affe – daher auch der Spitzname des Klubs Macaca. Nur ein Steinwurf entfernt sieht man schon die steil aufragende Haupttribüne im Stadion des Stadtrivalen, der Heimstätte des Guarani FC. Das Maskottchen? Der Indio Bugre. Bugre ist ein allgemein üblicher Begriff für Indio und zudem der Spitzname des Vereins. In diesem Stadion trainiert das Team von Nigeria, das im Hotel über der Straße logiert.

Wir fahren weiter, lassen die Stadt hinter uns. Entlang der Straße nach Sousa sehe ich einen Mormonen-Tempel, abgeschirmt von hohen Zäunen. Auf dem Dach der Kirche ragt ein Engel aus purem Gold in den sonnigen Winterhimmel. Das Häusermeer macht nun immer mehr der hügeligen Landschaft Platz. Ein wenig erinnert es an die südliche Steiermark, an die Heimat von Horst Zangl.

Die erkaufte Freiheit

Fast fühle ich mich ein wenig wie zu Hause, dann aber holt mich die Realität wieder ein. Denn Freiheit hat hier in Brasilien eine andere Bedeutung. Das Leben in Freiheit findet hinter hohen Mauern und Stacheldraht statt. Es sind nicht nur die Reichen, selbst die Mittelschicht schottet sich immer perfekter gegen die ausufernde Kriminalität ab. Überall enstehen „Condominios“, die in mir teilweise den Gedanken an „Luxusgefängnisse“ aufkommen lassen. Die Tageszeitungen sind voll mit Farbanzeigen über Villen, luxuriöse Penthouse-Blocks, viel Grün, Swimmingpools, Tennisplätze, ja sogar Golfplätze. Horst Zangl erzählt von den steigenden Kosten für Land und Haus und weist mich während der Autofahrt immer wieder auf diese „Dörfer“ hin.

Schließlich sind wir am Ziel: Die Einfahrt erinnert an eine Zollabfertigung aus der Zeit des Eisernen Vorhangs. Privatpolizei mit Walky-Talkys stehen am Tor, notieren jeden Besucher. Für Bewohner gibt es eine Extra-Spur, das Tor öffnet sich automatisch. Dahinter tut sich mir eine andere Welt auf. Privathäuser mit Gärten, ein Wirrwarr von Straßen. „5000 Menschen leben hier“, sagt Zangl und fährt, vorbei an seinem Haus, eine große Runde durch das Dorf. Schließlich steigen wir aus, er zeigt mir sein „Reich“, ein Haus im steirischen Stil, an dem er selbst Hand angelegt hat. Sowohl was die Planung als auch den Bau selbst betrifft. André, sein Sohn, kommt uns entgegen, begrüßt uns. Ein aufgeweckter Junge mit zwölf Jahren, für den das Wort Freiheit aber wohl eine andere Bedeutung genießt wie für meinen Sohn. Jeden Morgen wird er von seinem Vater in die Schule gefahren, eine Privatschule – ebenfalls hinter dicken Mauern – und abends wieder abgeholt. Diese Enge verspürt die Familie zunehmend und deshalb wird sie in den nächsten Wochen den Bundesstaat São Paulo in Richtung Norden verlassen. „Das Haus ist schon verkauft“, erzählt Zangl. Die neue Heimat wird zwischen Natal und Recife liegen, direkt am Meer. „Ein Stück Freiheit“, nennt es der Steirer – und freut sich darauf, abends mit der Familie an der Meerpromenade spazieren zu gehen. Ohne Mauern und ohne Privatpolizei.

Der sonntägliche Markt ist ein Muss in Campinas.
Der sonntägliche Markt ist ein Muss in Campinas.
Das Heimstadion von Ponte Preta. Fotos: Privat/3
Das Heimstadion von Ponte Preta. Fotos: Privat/3

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