Rücktritt, weil die Ziele fehlen

Sport / 10.09.2015 • 21:29 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Familie statt Skisport: Benjamin Raich hat künftig mehr Zeit für Ehefrau Marlies, die ein Kind erwartet. gepa
Familie statt Skisport: Benjamin Raich hat künftig mehr Zeit für Ehefrau Marlies, die ein Kind erwartet. gepa

Benjamin Raich verlässt nach fast 20 Jahren als „Gentle-Ben“ die Skibühne.

wien. „Ich danke euch für die Zeit und freue mich auf das, was kommt.“ Mit diesen Worten hat Skirennläufer Benjamin Raich in Wien das Ende seiner großen Ski-Karriere bekannt gegeben. Der 37-jährige Doppel-Olympiasieger und dreifache Weltmeister hat in 18 vollen Saisonen 36 Weltcup-Siege geholt und 14 Medaillen bei Titelkämpfen gewonnen.

Mit Raich beendet der aktuell erfolgreichste aktive Rennläufer seine Laufbahn. Er habe den ganzen Sommer sehr, sehr hart und mit Freude trainiert. Topfit und gesund stehe er heute da. „Aber gerade wenn ich an das Rennfahren denke, habe ich gemerkt, dass ein bisschen das Ziel abgeht. Vielleicht auch die Bereitschaft, die Spannung aufzubauen, so richtig aus mir herauszugehen, zu explodieren. Das ist aber notwendig, wenn man beim Rennfahren ganz vorne mit dabei sein will“, sagte der Tiroler in den Räumlichkeiten seines langjährigen Sponsors (Uniqa).

Abschied mit Emotionen

„Aus diesem Grund werde ich hier und heute den Schritt nach vor machen und als Skirennfahrer zurücktreten,“ sagte Raich, der die Entscheidung zwölf Monate nach seiner Ehefrau Marlies Raich bekannt gab. Die Raichs werden demnächst erstmals Eltern, Marlies ist hochschwanger.

Zufrieden und dankbar für das Erreichte und die Möglichkeiten, die ihm der Skisport ermöglicht hat, trat der während seiner Abschiedsrede als Sportler durchaus emotionale Pitztaler von der Bühne des Ski-Zirkus ab. Nach reiflichen Überlegen sei er zu diesem für ihn richtigen Schritt gekommen. „Ich spüre es, und mein Gefühl hat mich selten getäuscht“, sagte Raich, bedankte sich ausführlich bei allen Wegbegleitern und verriet: „Das Skifahren war mein Leben und wird es vielleicht auch weiterhin ein bisserl bleiben.“ Am Ende gingen dann selbst beim sonst stets so kontrollierten Pitztaler die Emotionen durch und waren Tränen in den Augen zu sehen. „Das ist auch gut so“, meinte Raich.

Aksel Lund Svindal streute Raich via Twitter Rosen: „Möglicherweise der fairste Sportsmann, gegen den ich je gefahren bin, ganz egal ob er gewonnen oder mit dem kleinsten Rückstand verloren hat.“

Auch ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel, Sportdirektor Hans Pum, Atomic-Chef Wolfgang Maierhofer, Herrenchef Andreas Puelacher sowie Bruder und langjähriger Trainer Florian Raich hatten den Weg nach Wien gefunden. Dass Raichs Rücktritt ein weiteres Riesenloch in die Mannschaft reißt, nachdem zuvor schon Mario Matt sowie bei den Damen Nicole Hosp, Kathrin Zettel, Andrea Fischbacher, Regina Sterz und Alexandra Daum zurückgetreten sind, weiß auch Puelacher. „So schnell werden wir diese Lücke, die Benni hinterlässt, nicht füllen können.“

Der „Blitz aus Pitz“

Raich galt in seiner Topzeit als bester Techniker im Skirennsport. Zu Hause in Leins in der Gemeinde Arzl hatte sich der Stamser Ski-Gymnasiast mit 18 Jahren und als fünffacher Junioren-Weltmeister komplett dem Skirennsport verschrieben. Mit dem damals schnellsten Schwung im Weltcup stürmte Raich so vehement in die Szene, dass man ihn alsbald nur noch den „Blitz aus Pitz“ nannte. 30 Jahre lang fuhr er stets auf
der gleichen Skimarke, ein weiterer Beweis für seine Loyalität. An die 700 Renn-Kilometer hat er während seiner Karriere allein in Torläufen absolviert.

Heute darf man ihn wohl als „Gentle-Ben“ verabschieden. Denn Raich stand vor allem für eines: Ob Sieg oder Niederlage, er blieb stets fair. Böse Worte sucht man vergebens. Dass er in der Ära des großen Hermann Maier zu oft etwas im Hintergrund stand, war und ist für Raich kein Problem. „Wer die meisten Erfolge hat, bekommt eben auch das meiste Rampenlicht.“

Skifahren war mein Leben und wird es hoffentlich immer ein bisserl bleiben.

Benjamin Raich

Zur Person

Benjamin Raich

erklärte seinen Rücktritt vom aktiven Skirennsport

Geboren: 28. Februar 1978 in Innsbruck

Wohnort: Arzl im Pitztal/Tirol

Größe/Gewicht: 1,81 m/83 kg

Familienstand: Seit April 2015 verheiratet mit Marlies Raich (ehemalige Schild)

Ski, Bindung, Schuhe: Atomic

Verein: SV Leins im Pitztal

Hobbys: Klettern, Lesen, Trial

Homepage: www.raich.at

Erster Weltcup-Start: 10. März 1996 Slalom in Hafjell/NOR (out in Lauf 1)

Erste Weltcup-Punkte: Riesentorlauf Crans Montana 1998 (10. Platz)

Erstes Podium: 6. Jänner 1999 Slalom Kranjska Gora (3.)

Erster Sieg: 7. Jänner 1999 Slalom Schladming

Letzter Sieg: 25. Februar 2012, Super-G Crans Montana

Gesamtbilanz Weltcup: 441 Starts, 36 Siege, 92 Podien.

Größte Erfolge:

Olympia:

Gold Slalom und Riesentorlauf 2006

Bronze Slalom und Kombination 2002

Teilnahmen 2002, 2006, 2010, 2014

WM:

Gold Slalom und Kombination 2005, Teambewerb 2007

Silber Slalom 2001, Riesentorlauf 2005, Teambewerb 2005,

Superkombi 2007, Riesentorlauf 2009, Teambewerb 2011

Bronze Super-G 2005

Teilnahmen 1999, 2001, 2003, 2005, 2007, 2009, 2011, 2013

Weltcup:

Gesamtsieger 2005/06, Gesamt-Zweiter 2004/05, 2006/07, 2007/08,

2008/09, 2009/10 Gesamt-Dritter 2003/04

Slalom-Gesamtsieger 2000/01, 2004/05 und 2006/07

Riesentorlauf-Gesamtsieger 2004/05 und 2005/06

Kombinations-Gesamtsieger 2009/10

36 Siege (14 Slalom, 14 Riesentorlauf, 6 Super-Kombination,

1 Kombination, 1 Super G)

Europacup: Gesamt-Sieger 1997/98

Junioren-WM: Gold Slalom 1996, Riesentorlauf 1997, Riesentorlauf, Slalom und Kombination 1998

Auszeichnung: Österreichs Sportler des Jahres 2006