Die „Festung Blatter“ wankt

25.09.2015 • 20:45 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Augen zu und durch: Die Machtzentrale des Weltverbandes in Zürich war wieder im Visier der Ermittler im FIFA-Skandal. Fotos: ap/Reuters/epa
Augen zu und durch: Die Machtzentrale des Weltverbandes in Zürich war wieder im Visier der Ermittler im FIFA-Skandal. Fotos: ap/Reuters/epa

Dem FIFA-Präsidenten wird im FIFA-Skandal Untreue vorgeworfen. Auch UEFA-Boss Michel Platini vernommen.

Zürich. Joseph S. Blatter ist am Ende, die Festung FIFA scheint zu fallen. Die Schweizer Justiz hat im gigantischen Skandal beim Weltverband des Fußballs ein Strafverfahren gegen dessen einst allmächtigen Präsidenten eröffnet und zudem UEFA-Chef Michel Platini wegen einer fragwürdigen Überweisung vernommen. Das teilte die Bundesanwaltschaft am Freitag mit. Blatter wurde verhört, sein Büro durchsucht.

Im Korruptionsskandal wird der Schweizer (79) damit erstmals auch persönlich für die kriminellen Machenschaften in seinem Imperium juristisch zur Verantwortung gezogen. Der Vorwurf lautet Untreue. Bereits am Donnerstag wurde das Strafverfahren eröffnet, am Freitag ging die Justiz an die Öffentlichkeit .

Blatter-Millionen an Platini

Eine Fortsetzung von Blatters Präsidentschaft bis zum geplanten Abtrittstermin 26. Februar 2016 erscheint somit undenkbar. Die Folgen für den Franzosen Platini (60), der als „Auskunftsperson“ angehört wurde, und dessen Kandidatur für Blatters Nachfolge sind noch nicht abzusehen. Der Franzose soll von Blatter 2011 eine „treuwidrige Zahlung“ in Höhe von zwei Millionen Schweizer Franken erhalten haben, streitet aber eine Verstrickung in unlautere Machenschaften ab. „Bezüglich der Zahlung, die ich erhalten habe, stelle ich fest, dass dieser Betrag mit meiner vertraglich vereinbarten Arbeit für die FIFA zusammenhängt. Ich bin froh, alle diesbezüglichen Angelegenheiten mit den Behörden geklärt zu haben“, teilte er mit.

„Die Bundesanwaltschaft der Schweiz hat gegen den Präsidenten der Fédération Internationale de Football Association (FIFA) ein Strafverfahren wegen des Verdachts der ungetreuen Geschäftsbesorgung sowie – eventualiter – wegen Veruntreuung eröffnet“, teilte die Schweizer Bundesanwaltschaft in Sachen Blatter mit und listete in der Mitteilung von 16:22 Uhr mehrere Vorwürfe auf. Es bestehe der Verdacht, dass Blatter im September 2005 mit der Karibischen Fußball-Union (CFU) einen für die FIFA ungünstigen Vertrag abgeschlossen habe. Zudem soll er bei der Umsetzung des Vertrages „in Verletzung seiner Treuepflichten gegen die Interessen der FIFA“ verstoßen und in anderem Zusammenhang 2011 eine „treuwidrige Zahlung“ an Platini geleistet haben. Die Höhe: zwei Millionen Schweizer Franken.

Hausdurchsuchung bei der FIFA

Blatters Anwälte wiesen die Vorwürfe zurück. „Wir sind zuversichtlich, dass die Schweizer Behörden zu dem Schluss kommen werden, dass dieser Vertrag ordnungsgemäß vorbereitet und verhandelt wurde“, sagte Richard Cullen von der Kanzlei McGuireWoods, die den FIFA-Präsidenten vertritt, der New York Times. „Es hat zweifellos kein Missmanagement gegeben.“

Im September hatte das Schweizer Fernsehen von einem Vertrag berichtet, der die Unterschriften Blatters und des damaligen CONCACAF-Chefs Jack Warners trägt. Dabei geht es um die TV-Rechte für die WM-Endrunden 2010 in Südafrika und 2014 in Brasilien, welche für insgesamt 600.000 Dollar (250.000 bzw. 350.000 Dollar) an die CFU veräußert wurden. Diese Summe lag offensichtlich weit unter dem Marktpreis.

Blatter wurde am Freitagnachmittag im Anschluss an die Exko-Sitzung von Vertretern der Bundesanwaltschaft vernommen – als Beschuldigter. Platini wurde zeitgleich als Zeuge befragt, er ist seit 2007 Präsident der Europäischen Fußball-Union (UEFA) und sitzt seit 2002 im FIFA-Exko. Früher galt Platini als Blatter-Zögling und -Freund, ehe es zum Bruch kam.

Die Bundesanwaltschaft führte zudem mit Unterstützung der Bundeskriminalpolizei (BKP) eine Hausdurchsuchung bei der FIFA in Zürich durch. Dabei wurde auch das Büro des FIFA-Präsidenten durchsucht und Datenmaterial sichergestellt. Die FIFA sicherte den Behörden am Freitag in einer knappen Stellungnahme die volle Unterstützung zu und verweigerte zunächst eine weitere Einordnung.

Pressekonferenz abgesagt

Zuvor hatte die FIFA eine geplante Pressekonferenz mit Blatter ohne Angabe von Gründen platzen lassen. Es wäre das erste Mal seit der Suspendierung des FIFA-Generalsekretärs Jérôme Valcke und überhaupt das erste Mal seit über zwei Monaten gewesen, dass der taumelnde FIFA-Boss gesprochen hätte. Die FIFA hatte den Termin offiziell bestätigt. Die Absage, die um 14.50 die Presse erreichte, kam völlig überraschend. Zuvor hatte der Weltverband die Fragerunde um eine Stunde verschoben – und die gut 15 Kamerateams weiter vom Eingang des Hauptgebäudes weg gebeten.

Der Generalsekretär Valcke war in der vergangenen Woche unter dem Verdacht der persönlichen Bereicherung beim Verkauf von WM-Tickets suspendiert worden. Über seinen Anwalt hatte der Franzose alle Anschuldigungen vehement zurückweisen lassen.

UEFA-Präsident Michel Platini gilt als aussichtsreichster Kandidat für den FIFA-Präsidentenstuhl.
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Stichwort

Bundesanwaltschaft Schweiz

Die Schweizer Bundesanwaltschaft (BA)ist die oberste Ermittlungs- und Anklagebehörde der Eidgenossenschaft. Sie verfolgt besonders schwere Straftaten, die in die Zuständigkeit der Schweizer Bundesgerichte fallen. Dazu gehören organisierte Kriminalität und Terrorismus, aber auch Geldwäscherei und Korruption. „Die Bundesanwaltschaft leistet mit ihrer Arbeit einen wesentlichen Beitrag bei der Bekämpfung der grenzüberschreitenden Schwerstkriminalität“, heißt es auf der Website der in Bern ansässigen Behörde. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit ist auch „Wirtschaftskriminalität mit ausgeprägten internationalen Bezügen“. Bei den Ermittlungen wegen des Verdachts der schweren Korruption gegen FIFA-Funktionäre arbeitet die BA eng mit den Strafverfolgungsbehörden der USA zusammen. Auf deren Antrag hin hatte die BA am 27. Mai in Zürich sieben hochrangige Fußball-Funktionäre verhaftet. Drei von ihnen wurden inzwischen an die US-Justiz ausgeliefert. Bei den anderen vier laufen die Auslieferungsverfahren.