„Chancen kann man auch verwerten“

Sport / 04.10.2015 • 20:02 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Altach-Kapitän Philipp Netzer mit dem Versuch, Referee Andreas Heiß das Foulspiel an ihm plausibel zu erklären. Fotos: gepa/3
Altach-Kapitän Philipp Netzer mit dem Versuch, Referee Andreas Heiß das Foulspiel an ihm plausibel zu erklären. Fotos: gepa/3

Referee Heiß bedauert seinen Fehlpfiff, nimmt aber auch die Trainer in die Pflicht.

Altach. Es hätte der große Tag des Ismail Tajouri werden können. Der Libyer erzielte per direkter Ecke in der 18. Minute gegen seinen Ex-Klub die 1:0-Führung der Altacher. Auch sonst drückte der 1,66 kleine Mann dem Spiel den Stempel auf. Beinahe hätten sich also die Worte von Austria-Wien-Sportdirektor Franz Wohlfahrt bestätigt, der den quirligen Mittelfeldspieler nicht zurück ins Ländle ziehen lassen wollte, weil er der Dumme sei, wenn Tajouri dann ein Tor gegen seine Mannschaft schießen würde. Tajouri hat ein Tor geschossen, doch schließlich war Wohlfahrt doch nicht der Dumme. Die Austria siegte am Ende nämlich mit 2:1 und feierte damit nach sieben Jahren wieder einmal einen vollen Erfolg in der Cashpoint Arena.

Kritik am Schiri-Wesen

Möglicherweise wäre alles anders gekommen, hätte Schiedsrichter Andreas Heiß das klare Foul von Philipp Zulechner an Philipp Netzer in der 43. Minute gepfiffen. Dann wäre den Veilchen durch Kayode vor der Pause nicht der Ausgleich geglückt. „Wären wir mit einer Führung in die Pause gegangen, hätten wir das Spiel auch gewonnen“, haderte Netzer über die Fehlentscheidung des Tiroler Referees. „Wie kann man nur so blind sein? So viel Inkompetenz habe ich schon lange nicht gesehen“, zeigte sich der seit Kurzem 30-Jährige fassungslos und aufgebracht. Andererseits hatte der Altacher Kapitän Glück, dass ein brutales Foul, das er nur zwei Minuten nach dem Ausgleich aus Frust an dem Torschützen begangen hatte, nur mit Gelb geahndet wurde. Allein diese beiden Fehlentscheidungen zeigen, dass der hauptberuflich als IT-Manager beschäftigte Unparteiische nicht seinen besten Tag erwischt hatte. Die Liste der falschen Pfiffe setzte sich auch nach Seitenwechsel fort, als Heiß einen keinesfalls gewollten Rückpass von Austria-Verteidiger Christoph Martschinko auf Teamtorhüter Robert Almer als indirekten Freistoß wertete, der jedoch ohne Folgen blieb.

Auch Altach-Trainer Damir Canadi schoss sich auf den Referee ein. Seine Kritik, die er via Sky äußerte, richtete sich jedoch nicht ausschließlich an Andreas Heiß, sondern ums Schiedsrichterwesen allgemein. „Pro Woche gibt es in beiden Ligen vier bis sechs desolate Entscheidungen. Es kann nicht immer sein, dass nur wir und die Spieler zur Rechenschaft gezogen werden. Auch das Schiedsrichterwesen muss sich weiterentwickeln.“ Für den 45-Jährigen ist vor allem Schiedsrichter-Boss Fritz Stuchlik mehr als gefordert. „Er ist derjenige, der die Schiedsrichter ausbildet. Es ist so, dass es sehr junge Leute sind, die teilweise Angst haben. Er soll einmal Farbe bekennen und schauen, dass er einmal einen Schiedsrichter auf internationale Ebene kriegt.“

Am Tag nach Canadis Wutrede nahm Schiedsrichter Andreas Heiß auf Sky zu den Vorfällen Stellung und gestand seinen Fehler, der zum Ausgleich geführt hatte, ein. „Es tut mir leid, dass ich das Foul nicht gesehen habe.“ Was dem Publikum und auch den Spielern verwehrt blieb, war, dass der vierte Offizielle das Foul gesehen und es dem Hauptreferee auch mitgeteilt hatte. „Da jedoch der Kanal am Kopfhörer nicht geöffnet war, habe ich es leider nicht gehört“, so der 32-Jährige, der sich trotz allem Verständnis für die Kritik mehr Respekt erwartet. „Wir hatten beispielsweise eine Sommer-Schulung, zu der alle zehn Bundesliga-Trainer eingeladen wurden – kein einziger ist erschienen. Wir werden ständig darauf geschult, dass wir deeskalierend und korrekt arbeiten sollen. Das versuchen wir auch. Das würde ich mir auch von einem Trainer wünschen“, schloss er das Gespräch mit ungewöhnlichen Worten ab. „Ich sage jetzt einmal etwas, was man als Schiedsrichter nie sagen darf: Es waren viele Torchancen dabei, die man auch einmal verwerten kann.“

Acht Hunderter vergeben

Damit sprach Heiß das aus, woran Altach gegen die Austria eigentlich gescheitert

ist. Nämlich an der schlechten

Chancenaus-

wertung und an einem Konzentrationsfehler in der Hintermannschaft,

den Fabian Koch (64.) zum Siegestreffer nützte. Acht Hundertprozentige hatte Damir Canadi notiert. So hätte Ortiz in der 23. Minute bei seinem Alleingang auf Torhüter Almer schon die Vorentscheidung in den Beinen gehabt. Statt auf den freistehenden Aigner abzuspielen, versuchte es der Spanier lieber selbst. Auch nach der Pause, als die Hausherren drückend überlegen waren, wollte der Ball einfach nicht ins Netz. Die Altach-Spieler nahmen dabei oftmals volles Risiko und versuchten – wie Lienhart oder Zwischenbrugger – mit Volleyschüssen aus der Distanz Österreichs Teamkeeper ein zweites Mal zu bezwingen. Und da Roth in der 89. Minute an der Lattenkante scheiterte, blieb ein Punktegewinn verwehrt. Im Wirbel um die Schiedsrichterleistung ging die starke Leistung von Tajouri, der erstmals seit seiner Rückkehr von Beginn an spielte, ebenso unter wie das Debüt von Christian Schilling auf der rechten Außenbahn, der von der Leistung her einen guten Einstand im Altach-Dress feierte.

Christian Schilling feierte gegen die Austria sein Altach-Debüt.
Christian Schilling feierte gegen die Austria sein Altach-Debüt.
Die Freude der Fans über das Tor von Ismael Tajouri (rechts) schlug aufgrund der Fehlpfiffe in Aggression um. Foto: apa
Die Freude der Fans über das Tor von Ismael Tajouri (rechts) schlug aufgrund der Fehlpfiffe in Aggression um. Foto: apa

Fußball

Die Zahlen zum Spiel

Cashpoint SCR Altach FK Austria Wien

22 Schüsse gesamt 11

 6 Schüsse auf das Tor 5

46 % Ballbesitz 54 %

 7 Ecken 5

15 Flanken aus dem Spiel 9

12 Freistöße 11

 2 Abseits 3

 0 Handspiele 0

11 Fouls* 13

Legende: * exklusive Handspiel