Der Teufel steckt ja immer im Detail

Sport / 16.10.2015 • 21:30 Uhr / 12 Minuten Lesezeit
Ein gelöster Teamchef, abseits von Steilpässen und Fragen nach der Vertragssituation.
Ein gelöster Teamchef, abseits von Steilpässen und Fragen nach der Vertragssituation.

Ein Teamchef im EM-Modus. Die VN trafen Marcel Koller abseits des Spielfeldes.

Wien. Der ÖFB-Präsident (Leo Windtner) möchte am liebsten gleich, der Teamchef (Marcel Koller) lässt sich lieber noch etwas Zeit. Weil dem 54-jährigen Schweizer die Vorbereitung auf die EM-Endrunde wichtiger ist als seine Vertragssituation.

Sie haben viele Fußballer mit Migrationshintergrund in der Nationalmannschaft. Wie erleben Sie momentan die aktuelle Flüchtlingssituation?

Koller: Ich sehe, dass viele Österreicher derzeit die Initiative ergreifen und versuchen, diese Menschen zu unterstützen. Ohne dass ich jetzt mitten drinnen bin, habe ich das Gefühl, dass da viel unternommen wird und viele Leute Tag und Nacht unterwegs sind und versuchen zu helfen.

Warum wurde dieses Thema auch vom Nationalteam, das vor dem Heimspiel gegen Moldau eine gemeinsame Stellungnahme veröffentlichte, aufgegriffen?

Koller: Wir haben nicht groß darüber diskutiert. Es war so, dass vonseiten der Spieler der Wunsch gekommen ist, da etwas zu machen, was gar nicht so einfach ist, weil man das mit der UEFA abstimmen muss. Es war ein starkes Zeichen der Mannschaft.

Ihre persönliche Erfahrung mit Sport und Integration?

Koller: Schon als ich Spieler war gab es bei uns in der Schweiz die sogenannten „Secondos“. Das waren Kinder von Einwanderern, die den Fußball auch belebt haben. In deren Herkunftsländern wurde der Fußball vielleicht noch mehr gelebt als bei uns. Von der Technik her waren da Spieler dabei, die besondere Voraussetzungen mitgebracht haben.

Fehlt Ihnen als Nationaltrainer die tägliche Arbeit mit den Spielern, wenn Sie an Ihre Tätigkeit als Klubtrainer in St. Gallen oder Bochum denken?

Koller: Das war sicher am Anfang meiner Teamchef-Tätigkeit so. Also das erste halbe Jahr war es fast nicht zum Aushalten, weil du ja Ideen hast, die du vermitteln möchtest und die Spieler einfach zu wenig da sind. Ich musste einen Weg finden, wie ich meine Energie zügeln kann.

Wie haben Sie dann diesen Spagat vom Klubfußball zum Nationalteam geschafft?

Koller: Mittlerweile hab ich mich daran gewöhnt, es kommen ja auch viele andere Dinge wie die genaue Planung und Vorbereitung der Lehrgänge oder die Beobachtungen von Spielen dazu.

Stimmt es, dass Sie Liechtenstein vor der ersten Begegnung in der EM-Qualifikation 15 Mal beobachtet haben?

Koller: Ja, ich wollte damals in jedes Detail gehen, weil wenn man gegen sogenannte kleine Mannschaften spielt, sich jeder etwas zurücklehnt und sich denkt, das passt schon. Die Spieler wissen, dass sie mehr Qualität haben als die anderen. Aber wenn dann auf dem Platz jeder denkt, er kann ein bisschen weniger machen, dann passieren die Überraschungen. Wenn du aber konsequent bist in deinem Tun, dann gewinnt zu 95 Prozent die bessere Mannschaft. Darum war das wichtig für mich.

Vor zwei Jahren haben Sie Ihren Vertrag als ÖFB-Teamchef verlängert. Als einen Grund nannten Sie, dass das Projekt mit dem Nationalteam noch nicht beendet wäre. Ist Ihre Mission in Österreich jetzt erledigt? Können Sie auf gut Österreichisch ein „Hakerl“ machen oder steckt noch viel Potenzial in dieser Mannschaft?

Koller: Es gibt natürlich immer wieder andere Wege, die man gehen kann. Unser Ziel war, dass wir uns für eine Endrunde qualifizieren, und das haben wir jetzt erreicht. Jetzt muss das aber nicht zwangsläufig heißen, dass man auch aufhört. Auf der einen Seite wartet jetzt diese Herausforderung mit der EM-Endrunde, auf der anderen Seite ist sicher auch noch Potenzial in diesem Team drinnen. Zum Beispiel sollte man die Konstanz reinbringen, dass man permanent in der Lage ist, auf diesem hohen Level zu spielen.

Viele Spieler des Teams sind im besten Fußballeralter. Hat die Mannschaft nicht ihren Zenit erreicht? Bei der WM 2018 wären einige schon über 30.

Koller: Mittlerweile ist es schon so, wenn du über 30 bist, dann musst du schauen, ob du noch gut genug und schnell genug bist. Aber wir sollten jetzt nicht schon wieder weiter schauen, sondern uns auf das konzentrieren, was aktuell geschieht. Das Alter selbst ist außerdem nicht der einzige Faktor, der zählt. Wenn man zum Beispiel Janko sieht, der spielt mit 32 in Hochform.

Man weiß von Ihnen, dass Sie gerne Konzerte der Wiener Philharmoniker besuchen. In einer Fußballmannschaft gibt es auch Leute, die die erste Geige spielen möchten oder die auf die Pauke hauen. Sehen Sie Parallelen zwischen einem Dirigenten und einem Trainer?

Koller: Ich denke, wir sind im Fußball noch weit weg, von der Harmonie und dieser Abstimmung. Wenn der Dirigent nur einmal kurz mit dem Stab wackelt, dann kommt ein anderer Ton. Das ist im Fußball nicht so. Ich muss da schon reinschreien und bin mir dann auch nicht sicher, ob der Spieler das macht, was ich will.

Die Lautstärke im Konzertsaal und im Fußball-Stadion ist sicher auch ein Unterschied . . .

Koller: Ja, ich war einmal in einem Konzert, als eine Frau stark husten musste. Da hat der erste Geiger gleich
hinunter geguckt, so unter dem Motto „Jetzt hör mal endlich auf“. Meine Überlegung war damals, wie ist das eigentlich beim Fußball? Wenn du gut spielst, gibt es natürlich viele positive Emotionen. Aber wenn es schlecht geht, wird nicht gehustet, sondern geschrien. Damit musst du als Spieler umgehen können.

Musiker haben es also leichter?

Koller: Es wäre schon interessant, was passieren würde, wenn bei einem Konzert im Publikum jemand pfeift. Da würde wohl das Chaos ausbrechen. Es gibt Parallelen, aber schon auch große Unterschiede. Was mich an der Musik fasziniert, ist das Perfekte.

Wenn man jetzt den Hype um das Team beobachtet, dann hat man das Gefühl, es ist nur die Frage offen, gegen wen Österreich 2016 im EM-Finale spielen wird. Wird Ihnen aufgrund der hohen Erwartungshaltung angst und bange?

Koller: Nein, ich versuche da etwas entgegen zu wirken. Ich kann die Euphorie nicht bremsen, das will ich auch gar nicht. Aber für mich ist wichtig, dass die, die im engeren Team sind, die gleiche Idee haben. Dass keiner durch den Gang rennt und sagt „Juhu, jetzt sind wir Europameister“ oder dass einer daherkommt und meint „Huh, das wird schwierig“. Wir müssen eine Linie haben. Wir wollen sicher nicht nach Frankreich reisen, um ein bisserl dabei zu sein. Wir wollen in jedes Spiel gehen, um zu gewinnen. Wenn dann der Einsatz nicht passt oder der Gegner stärker ist und nur ein Unentschieden herauskommt, dann müssen wir damit leben.

Dann würden aber auch schnell kritische Stimmen laut werden, oder?

Koller: Ja, das war auch beim Start der EM-Qualifikation so. Da hat es geheißen, wir müssen jedes Heimspiel gewinnen und dann gab es ein 1:1 gegen Schweden. Da waren noch neun Spiele zu spielen, aber die Stimmung war am Kippen und man hatte schon Angst, nicht dabei zu sein. Bei dem einen oder anderen Spieler war das auch zu spüren. Da bin ich narrisch geworden. Ich musste eingreifen und es deutlich machen, dass das erst das erste Spiel war und die Schweden halt gut verteidigt haben. Das muss man akzeptieren. Das haben sie dann begriffen.

Hat sich da der Trainerjob, was die Kommunikation mit den Spielern betrifft, in den vergangenen Jahren stark verändert?

Koller: Es ist natürlich anders, weil durch die Medien die Spieler noch mehr Zugang zu Informationen haben, die sie in ihrer Vielzahl gar nicht mehr verarbeiten können. Ich bin Trainer geworden, weil ich einen Trainer hatte, der mit den Spielern nicht gesprochen hat. Das wollte ich anders machen. Das Team muss doch wissen, was die Vorgaben sind. Natürlich hat ein jeder eine eigene Idee. Aber wenn jeder etwas Eigenes macht, dann wird es schwierig, ein Team zu werden.

Zum Teambuilding gehört auch Disziplin. Die Nationalmannschaft hat eine Mannschaftskassa, in die eingezahlt wird, wenn jemand gegen eine Regel verstößt. Ist die Kassa voll geworden?

Koller: Das weiß ich nicht, ich bin nicht der Kassier, das machen die Spieler.

Passiert es noch oft, dass unerlaubterweise ein Handy klingelt?

Koller: Nein, jetzt nicht mehr.

Ohne Handy und Internet geht es nicht mehr. Wie wichtig sind für Sie die sozialen Medien?

Koller: Als das Handy aufkam hab ich mir gedacht, das brauche ich nicht, ich muss ja nicht immer erreichbar sein. Wenn man anders aufgewachsen ist, geht man damit lockerer um. Die Jungen haben heute das Handy überall dabei, die müssen immer sofort antworten, sonst ist der andere gleich sauer. Also ich kann das Handy am Abend auch ausschalten, außerdem hab ich es zu 99 Prozent auf Vibration geschaltet.

Wenn man jetzt Zeitung liest, dann taucht Ihr Name sogar auf den Innenpolitik-Seiten auf. Da wird ein Trainereffekt à la Marcel Koller eingefordert. Einige wünschen sich sogar einen Koller als Bundeskanzler . . .

Koller: Da gibt es bessere, ich bin kein Politiker.

Was wäre Ihre Steilvorlage für die Politik?

Koller: Also wir wollten erfolgreich sein. Wir wollten auch anfassbar sein. Das haben wir mit dem ganzen Team erreicht. Das ist jetzt nicht das Nonplusultra.
Aber ich denke, es ist wichtig, dass du konsequent bist. Dass du das auch als Chef umsetzt. Du musst da auch manchmal nervig sein. Da kommt halt manchmal zurück, was will denn der Alte wieder, aber das gehört dazu. Gerade, wenn mehrere zusammen sind, braucht es Regeln und Grundsätze. Die muss man leben und umsetzen. Es gibt Situationen, wo du nicht zurück kannst. Da ist halt schon die österreichische Mentalität etwas bequem. Man will genießen. Und das ist ja auch schön. Die Frage ist halt, bis wohin und wie lange . . .

Ich meine, Experten haben sich auch schon geirrt.

Marcel Koller
ÖFB-Teamchef Marcel Koller (l.) nahm sich viel Zeit für das Gespräch mit VN-Sportchef Christian Adam. Fotos: gepa
ÖFB-Teamchef Marcel Koller (l.) nahm sich viel Zeit für das Gespräch mit VN-Sportchef Christian Adam. Fotos: gepa

Zur Person

Marcel Koller

Hat als Spieler fünf Meistertitel und sieben Cupsiege mit GC Zürich gefeiert, 55-facher Schweizer Nationalspieler.

Geboren: 11. November 1960 in Zürich

Homepage: www.marcelkoller.ch

Trainerstationen: GC Zürich (1992 bis 1997/Cotrainer), FC Wil 1907, FC St. Gallen (Schweizer Meister), GC Zürich (Schweizer Meister), 1. FC Köln, VfL Bochum (BL-Aufstieg), Österreich (EM-Qualifikation)

Bilanz als ÖFB-Teamchef: 34 Spiele, 19-7-8, Torverhältnis 59:33