„Olympiastart hat höchste Priorität“

Sport / 19.10.2015 • 18:36 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Matthias Brändle will sich 2016 auf Prologe und Einzelzeitfahren spezialisieren. Foto: gepa
Matthias Brändle will sich 2016 auf Prologe und Einzelzeitfahren spezialisieren. Foto: gepa

Radprofi Matthias Brändle nimmt 2016 Giro-Prolog und Start
bei Olympia ins Visier.

Hohenems. Er ist der erste Vorarlberger in der Geschichte, der die Tour de France beendet hat. Matthias Brändle, Ex-Stundenweltrekordhalter, blickt im VN-Interview auf seine bisher erfolgreichste Saison zurück und definiert seine ehrgeizigen Ziele für 2016.

Wie lautet Ihr Resümee der vergangenen Saison?

Matthias Brändle: Mit meiner erstmaligen Teilnahme an der Tour de France ging für mich ein Kindheitstraum in Erfüllung. In besonders guter Erinnerung ist mir der siebte Rang im Prolog geblieben. Aber auch bei der Belgien-Rundfahrt lief es anfangs gut. Ich hatte das Führungstrikot inne, musste dann aber leider krankheitsbedingt aufgeben. Sehr schöne Erfolge waren der dritte Rang im Prolog der Tour de Suisse, der Etappensieg bei der Oman-Rundfahrt im Frühjahr, aber auch das Saisonende mit dem 16. WM-Rang im Einzelzeitfahren. Ohne den technischen Defekt an der Schaltung wäre es eine noch bessere Platzierung geworden. Der Saisonabschluss mit Rang vier bei der Tour de l’Eurométropole in Belgien stimmt mich zuversichtlich für die nächste Saison.

Wie groß sind die Chancen, dass Sie 2016 bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro starten?

Brändle: Olympia ist definitiv ein großes Ziel. Laut heutigem Stand im Nationenranking hat Österreich im Einzelzeitfahren einen Startplatz für die Spiele. Ich kann mich also nicht direkt qualifizieren, sondern über das Nationenticket. Ich denke aber, dass ich realistische Chancen für eine Teilnahme habe.

Die Olympischen Spiele finden nur wenige Wochen nach der Tour de France statt, was hätte Priorität?

Brändle: Wenn ich für Olympia nominiert werde, dann würde ich auf den Start bei der Tour verzichten. 2016 gibt es in Frankreich keinen Prolog und ich möchte mich auf diese kurzen Auftaktzeitfahren spezialisieren. Ich werde versuchen, beim Giro d’Italia das Rosa Trikot zu holen. Außerdem gibt es bei der Italien-Rundfahrt ein weiteres Einzelzeitfahren, das kommt mir entgegen.

Stellen Sie in der Vorbereitung etwas um?

Brändle: Ich habe jährlich kleine Schritte nach vorne gemacht. Der Stundenweltrekord hat mir Selbstvertrauen und mentale Stärke gegeben. Diesen Winter setze ich neue Akzente mit intensiverem Krafttraining im Rumpf- und Bauchmuskelbereich. Das absolviere ich im Sportservice unter der Anleitung von Athletiktrainer Philipp Konnerth. Im Olympiazentrum in Dornbirn absolviere ich auch die Leistungstests, die mein Trainer Clemens Hesse auswertet. Im Profisport zählt nur der Sieg, und ich will mich weiter in diese Richtung entwickeln.

Nun ist aber zunächst noch Saisonpause angesagt?

Brändle: Nach der letzten Rundfahrt habe ich einige Tage im Piemont verbracht und bin mit meiner Enduro gefahren. Anfang November beginne ich wieder mit dem Grundlagentraining. Im Dezember und Jänner stehen Trainingslager auf Mallorca und Gran Canaria an. Der Saisoneinstieg ist Mitte Februar in Andalusien geplant.

Was war für die Vertragsverlängerung mit dem Schweizer World-Tour-Team IAM Cycling ausschlaggebend?

Brändle: Weil es zum jetzigen Zeitpunkt das beste Team für meine Weiterentwicklung zum Leader ist. Hier kann ich meine eigenen Chancen nutzen und bin nicht nur für die Helferrolle verpflichtet.

Innsbruck hat sich für die Ausrichtung der Straßenrad-WM 2018 beworben. Ein Championat in der Heimat wäre sicherlich ein Karrierehöhepunkt?

Brändle: Ich hoffe sehr, dass die Tiroler auch den Zuschlag bekommen. Bis in zwei Jahren möchte ich mich so weit entwickelt haben, dass ich mit den Weltbesten im Einzelzeitfahren um den Sieg mitfahren kann.

Zur Person

Matthias Brändle

Der Ex-Stundenweltrekordhalter verbuchte 2015 zwei Profisiege und sieben weitere Top-Sieben-Ränge in der WorldTour.

Geboren: 7. Dezember 1989 in Hohenems

Wohnort: Hohenems

Familienstand: ledig

Größe/Gewicht: 1,89 m/75 kg

Bisherige Vereine: Pro Cycle Team Bregenz (2004 bis 2007), Team Ista (GER/Gerolsteiner-Farmteam/2008), Elk Haus (2009), Footon-Servetto (ESP/2010), Geox (ESP/2011), NetApp (GER/2012), IAM Cycling (SUI/seit 2013)

Größte Erfolge: Etappensieg Tour of Oman, 1. Prolog Belgien-Rundfahrt, 3. Prolog Tour de Suisse, 3. Prolog Tour de l’Eurométropole und 4. Gesamtrang, 4. Prolog Tirreno-Adriatico, 6. Teamzeitfahren Tour de France mit IAM Cycling, 7. Prolog Tour de France, 16. WM-Zeitfahren Richmond (2015), Stundenweltrekord am 30.10.2014 mit 51,852 km auf der Bahn in Aigle (Sui), zwei Etappensiege Großbritannien-Rundfahrt, Berner Rundfahrt (jeweils 2014), Jura-Rundfahrt (2013), GP Zottegem, Team-Zeitfahren Settimana Internationale (beide 2012), Raiffeisen-GP Judenburg-Straßengel (2010); Mannschafts-Gesamtwertung Vuelta a Espana (2011/mit Geox); Sprintwertung Tour de Romandie 2011 und 2013; 3-facher Staatsmeister Einzelzeitfahren (2014, 2013 und 2009), 2-facher Teilnehmer Giro d’Italia mit je einem Top-Ten-Etappenrang 2012 und 2010.