„Lex Platini“ – eine Hintertür bleibt geöffnet

20.10.2015 • 21:17 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Der suspendierte UEFA-Präsident Michel Platini will weiter für den Chefposten bei der FIFA kandidieren. Foto: ap
Der suspendierte UEFA-Präsident Michel Platini will weiter für den Chefposten bei der FIFA kandidieren. Foto: ap

Die Wahl des neuen Präsidenten beim taumelnden Weltverband findet definitiv am 26. Februar 2016 statt.

Zürich. Augen zu und durch – der Countdown für das
„FIFA-Himmelfahrtskommando“ wird nicht abgebrochen: Die Wahl des neuen Präsidenten beim taumelnden Fußball-Weltverband soll trotz der Skandale und Sperren gegen Spitzenfunktionäre wie geplant am 26. Februar 2016 über die Bühne gehen. Bei ihrer Dringlichkeitssitzung in Zürich stellte die FIFA-Exekutive den eigenen Verband aber wieder einmal bloß: Der Integritäts-Check für derzeit gesperrte Präsidentschaftsanwärter wie Michel Platini wird nicht durchgeführt, so lange diese verbannt sind.

Kommission entscheidet

Damit hat die Wahlkommission unter dem Vorsitz von Domenico Scala das Hintertürchen für UEFA-Boss Platini im Anschluss an das Ende der Bewerbungsfrist (26. Oktober) geöffnet. Sollte die Sperre noch vor dem Wahlkongress am 26. Februar 2016 enden oder aufgehoben werden, wird die Kommission über den weiteren Umgang mit dem Kandidaten entscheiden.

Dieses Ergebnis der vier Stunden dauernden Sitzung unter Leitung des Interimspräsidenten Issa Hayatou (Kamerun) war ein erneuter Offenbarungseid des Führungsgremiums um den krisengeschüttelten DFB-Boss Wolfgang Niersbach. Es konterkariert die ebenfalls am Dienstag beschlossenen Reformabsichten.

Der große Favorit wankt

Demnach soll die Amtszeit des Präsidenten auf ein Maximum von zwölf Jahren begrenzt sein. Das Alterslimit für den Präsidenten und die Mitglieder des Exekutivkomitees soll bei 74 Jahren liegen. Außerdem sollen der Präsident, die Mitglieder des Exekutivkomitees und der Generalsekretär ihr Gehalt offenlegen. Und das Exekutivkomitee soll in eine Art Aufsichtsrat umfunktioniert werden. Diese Reformen sollen beim Kongress im Februar 2016 verabschiedet werden.

Die Diskussion um eine Wahlverschiebung war nach den 90-Tage-Sperren für den scheidenden Amtsinhaber Joseph S. Blatter und Platini aufgekommen. Weder der FIFA-Boss (79) noch der UEFA-Chef (60), die von der FIFA-Ethikkommission wegen einer dubiosen Zahlung von zwei Millionen Schweizer Franken aus dem Verkehr gezogen wurden, durften an der Exko-Sitzung teilnehmen.

Nach dem Votum gegen eine Verschiebung gilt der Ausgang der Wahl als völlig offen. Vor allem, weil hinter Platini, der vor seiner Sperre als großer Favorit galt, große Fragezeichen stehen. Nach dem derzeitigen Stand der Dinge dürfte der Franzose den Integritätscheck der FIFA für die Kandidatur nicht bestehen. Platini hat nun aber mehr Zeit, um die Bestechungsvorwürfe zu entkräften und mit seinem Einspruch gegen die Sperre erfolgreich zu sein.

Nur dann könnte Platini beim Wahlkongress in Zürich gegen seine potenziellen Konkurrenten antreten. Noch ist allerdings nicht sicher, wer sich alles zum „Herrn über die Skandale“ wählen lassen möchte. Hinter dem früheren FIFA-Vizepräsidenten Chung Mong-Joon aus Südkorea steht aufgrund seiner Sechs-Jahre-Sperre ein noch größeres Fragezeichen als hinter Platini. Dem jordanischen Prinzen Ali bin Al Hussein, Brasiliens Idol Zico und David Nakhid (Trinidad und Tobago) werden kaum Chancen eingeräumt.

Kein Nachfolger in Sicht

Scheich Salman bin Ibrahim al Khalifa, Oberhaupt des asiatischen Verbandes AFC, möchte zwar offensichtlich („Ich bin von einer wachsenden Zahl von führenden Fußballfunktionären, FIFA-Mitgliedern und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens zur Bewerbung aufgefordert worden“); gegen den Bahrainer werden allerdings schwere Vorwürfe erhoben. Nach Angaben des „kicker“ ermittelt die Ethikkommission gegen das Exekutivmitglied wegen des Anfangsverdachts auf Verletzung von Menschenrechten.

Und der Südafrikaner Tokyo Sexwale ist bisher nur der Wunschkandidat des ebenfalls ins Zwielicht geratenen Franz Beckenbauer, der durch die Spekulationen um die angeblich ebenfalls gekaufte WM-Endrunde 2006 in Deutschland kaum noch internationales Gewicht haben dürfte.

Fußball, Maßnahmenkatalog des Weltverbandes FIFA

Das neue Reformkomitee des Fußball-Weltverbandes hat seinen Maßnahmenkatalog veröffentlicht. Dieser soll nach weiteren Beratungen beim nächsten Treffen des Gremiums am 2./3. Dezember verabschiedet werden.

» Amtszeitbeschränkung: Der neue FIFA-Präsident soll künftig höchstens zwölf Jahre im Amt bleiben und darf damit nur zwei Mal wiedergewählt werden. Die Maßnahme wird damit frühestens zwölf Jahre nach der nächsten Wahl relevant.

» Alterslimit: Der FIFA-Präsident und die Mitglieder des bisherigen Exekutivkomitees dürfen nicht älter als 74 Jahre sein. Dies würde bei der kommenden Wahl keines der aktuellen Mitglieder betreffen.

» Funktion des Exekutivkomitees: Die bisherige FIFA-Regierung soll in „Rat“ umbenannt werden und soll nur noch die Rolle einer Art Aufsichtsrat spielen. Das Gremium soll nicht mehr über die Einrichtung oder Verwendung der Gelder aus Fonds entscheiden dürfen. Der Generalsekretär soll als Geschäftsführer der FIFA agieren und dem Rat Bericht erstatten.

» Bezüge: Die „individuellen Kompensationen“ des Präsidenten, der Mitglieder des bisherigen Exekutivkomitees, des Generalsekretärs und der Kommissionsvorsitzenden sollen veröffentlicht werden.

» Kultur: Das vom früheren IOC-Generaldirektor François Carrard geleitete Reformkomitee empfahl zudem einen kulturellen Wandel. Gemachte Fehler müssten eingestanden und die Verantwortung übernommen werden. Fans und Sponsoren würden künftig nur noch vollständige Transparenz akzeptieren.

» Frauen: In dem neuen FIFA-Rat soll jede Konföderation einen Sitz mit Wahlberechtigung für Frauen reservieren.

» Finanzen: Das Finanzkomitee soll „in der Mehrheit“ mit unabhängigen Personen besetzt werden.