Eine schwere Wahrheitsfindung

22.10.2015 • 21:12 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Wolfgang Niersbach wirkte sichtlich gezeichnet, als er zu einer Pressekonferenz lud. Foto: Reuters
Wolfgang Niersbach wirkte sichtlich gezeichnet, als er zu einer Pressekonferenz lud. Foto: Reuters

DFB-Boss Niersbach hat sich erstmals inhaltlich zu der ominösen Zahlung von 6,7 Mill. Euro an die FIFA geäußert.

Frankfurt/Main. Mit einer sonderbaren Erklärung für die ominöse Millionen-Zahlung hat DFB-Präsident Wolfgang Niersbach in der WM-Affäre die Flucht nach vorne angetreten. Den Auskünften des schwer angeschlagen wirkenden Bosses des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) zufolge waren die 2005 an den Weltverband FIFA gezahlten 6,7 Mill. Euro als Rückzahlung eines Darlehens des früheren adidas-Bosses Robert Louis-Dreyfus gedacht, das der inzwischen verstorbene Franzose den Machern der WM 2006 in Deutschland drei Jahre zuvor zur Absicherung eines späteren Zuschusses der FIFA zu den Organisationskosten gewährt und direkt nach Zürich überwiesen haben soll. „Es ergeben sich Fragezeichen, die sehe ich auch“, sagte Niersbach. Kategorisch schloss der 64-Jährige jedoch nochmals jegliche Korruption „in der Operation WM 2006“ aus.

Auf seiner kurzfristig für Donnerstagmittag einberufenen Pressekonferenz in der Frankfurter DFB-Zentrale blieb Niersbach Antworten auf nunmehr noch drängender erscheinende Fragen häufig schuldig. Als Quelle für seine „gerade erst vor Kurzem erhaltenen Informationen“ nannte der 64-Jährige außerdem ausschließlich das Gedächtnis von WM-Bewerbungs- und Organisationschef Franz Beckenbauer. Der „Kaiser“ soll Niersbach bei einem Besuch des DFB-Chefs am vergangenen Dienstag in Salzburg über die Hintergründe der zumindest ungewöhnlich anmutenden Vorgänge informiert haben.

Beckenbauer half aus

Laut Niersbach ist die Deklarierung der vor zehn Jahren an die FIFA gezahlten 6,7 Mill. Euro als Zuschuss für das FIFA-Kulturprogramm eine Legende gewesen. Vielmehr sollte Dreyfus auf dem Weg jenes Geld zurückerhalten, mit dem er den 2002 vermeintlich klammen WM-Machern zur Erfüllung einer dubiosen FIFA-Bedingung für den späteren Zuschuss des Weltverbandes von 170 Mill. Euro unter die Arme gegriffen hatte. Niersbach führte aus, dass das Darlehen stets in den Bilanzen geführt worden sei, konnte in diesem Zusammenhang jedoch nicht erklären, warum zur Rückzahlung des Kredites eine finanzielle Harakiri-Aktion notwendig gewesen sein soll. „In Finanzfragen war ich nur sehr bedingt eingebunden“, sagte der damalige Vize des WM-Organisationskomitees.

Fragwürdig bleibt jedoch die angebliche FIFA-Forderung nach einer Vorauszahlung für einen späteren Zuschuss. Die Begleichung dieser Forderung soll laut Niersbach Beckenbauer in einem Vier-Augen-Gespräch mit FIFA-Chef Joseph S. Blatter ausgehandelt haben. Zwar hätte der „Kaiser“ seinen Mitstreitern im offenbar noch nicht mit Eigenmitteln ausgestatteten WM-OK angeboten, die deutsche Vorleistung aus seinem Privatvermögen zu leihen, doch soll Beckenbauers mittlerweile ebenfalls verstorbener Berater Robert Schwan sein Veto eingelegt haben. Daraufhin habe Beckenbauer seine Freundschaft zu Dreyfus genutzt.

„Franz Beckenbauer kann sich aber nur an sein Gespräch mit Blatter als Ausgangspunkt der Vorgänge erinnern“, sagte Niersbach und fügte hinzu: „Ich habe von der Bedingung der FIFA nichts gewusst. Von der Überweisung der 6,7 Mill. Euro an die FIFA im Jahr 2005 habe ich im vergangenen Sommer auf merkwürdigen Umwegen erfahren.“

Eine Aufklärung blieb aus

Ob die WM-Affäre durch Niersbachs Erklärungen als aufgeklärt angesehen werden kann, muss bezweifelt werden. Weiter nicht einleuchtend erscheint die Notwendigkeit des Überweisungstricks, ebenso der Verzicht der WM-Macher auf Unterstützungsfragen bei Banken oder gar der Bundesregierung. Offen blieb auch, warum Niersbachs Vorgänger Theo Zwanziger als damaliger Finanzchef des WM-OK inzwischen laut nach Aufklärung ruft und seinerzeit bei der „Legenden“-Überweisung mitgeholfen haben soll. Den aufgetretenen Eindruck einer doppelten Buchführung beim WM-OK nannte der DFB-Chef zutreffend „einen zentralen Punkt“. Auch die Gründe für seine intransparente Behandlung des gesamten Vorgangs ließ Niersbach offen. Der Verbandsboss schloss nur für den DFB und das WM-OK korrupte Vorgänge aus.

Zum Ende seines 40-minütigen Auftritts wurden Niersbachs Aussagen immer verwirrender. Man sieht, wie das Thema an ihm nagt und vor allem die Tatsache, dass er es nicht allein aufklären kann. Dafür wäre die Hilfe der übrigen OK-Mitglieder notwendig. Doch Beckenbauer schweigt vorerst. Er will vor dem DFB-Untersuchungsausschuss reden. Horst R. Schmidt bestätigte bereits Niersbachs Aussagen, Theo Zwanziger will sich erst nach seinem Urlaub äußern. Andere Protagonisten wie Schwan oder Louis-Dreyfus leben nicht mehr.

In Finanzfragen war ich nur sehr bedingt eingebunden.

Wolfgang Niersbach