„Zwei Wochen weinen bringt nichts“

23.10.2015 • 16:25 Uhr / 10 Minuten Lesezeit
Kira Grünberg blickt optimistisch in die Zukunft. Foto: Böhm
Kira Grünberg blickt optimistisch in die Zukunft. Foto: Böhm

Im Rehabilitationszentrum von Bad Häring beginnt Grünbergs neues Leben.

bad Häring. Eine selbstbewusste Kira Grünberg (22) empfing die Vorarlberger Nachrichten am Ende eines harten Therapietages zu einem ganz persönlichen Gespräch. In diesem zeigte sich, dass die seit einem Stabhochsprung-Training Ende Juli querschnittgelähmte Tirolerin, am liebsten nach vorne blickt.

Am Dienstag kam Skirennläuferin Anna Fenninger schwer zu Sturz. Was dachten Sie, als diese Nachricht eintrudelte?

Grünberg: Man fragt sich automatisch: Wie geht es jetzt mit der Karriere weiter? Eine Knieverletzung kann ganz schlimm sein, oder es wird bald wieder alles gut. Wenn das einem guten Sportler passiert, lebt man mit.

Erleben Sie mittlerweile gewisse Sachen anders?

Grünberg: Schwer zu sagen. Man sieht es aus anderen Augen. Man sieht als selbst Verletzter, was die Person durchmacht.

Sind Sie denn noch verletzt? Sehen Sie sich selbst noch in einer Ausnahmesituation?

Grünberg: Nein, jetzt bin ich gesund, auch wenn der Körper nicht mehr wie früher ist. Man sagt „behindert“, aber das klingt oft abwertend. Nein, verletzt bin ich nicht, es ist alles wieder zusammenfügt worden. Ich bin ja auch nicht krank, ich bin gesund: Ich kann selber atmen, essen.

In Gesprächen mit Leuten, die Sie besuchten, wurde man ein Gefühl nicht los: Müssen Sie manchmal jene trösten, die zu Ihnen kommen?

Grünberg:Manchmal schon, manchmal nicht. Manche Leute verhalten sich wie früher. Die tun, als hättest du dir den Arm gebrochen. Manche, das merkt man, tun sich schwer. Meist geht das nach fünf, zehn Minuten vorüber und sie stellen wohl fest: Kira ist ganz die Alte.

Es wird medial derzeit oft auf Ihr Schicksal verwiesen. Ist Ihnen das recht?

Grünberg: Ich habe nicht so viel gelesen, in der Klinik kam ich ohnehin nicht dazu. Da wusste ich auch gar nicht, dass so regelmäßig was von mir in der Zeitung steht. Als ich das mitbekam, interessierte es mich am Anfang nicht, da musste ich selbst alles hinbekommen. Jetzt lese ich manchmal; wie es mir Spaß macht. Ich denke: Es wäre nicht notwendig, dass man über mich berichtet, aber ich merke, wie viele andere froh darüber sind, wenn sie informiert werden. Die sagen, ich würde ihnen so viel Kraft geben. Das mache ich zwar nicht absichtlich, aber bin ich auch froh darüber.

Jedes Jahr werden in Österreich 50 bis 100 Querschnittlähmungen registriert. Wie sieht Hoffnung aus?

Grünberg: Sicher, das wünscht man keinem. Aber es gibt auch viel schlimmere Sachen: wenn etwa ein Schädel-Hirn-Trauma dazukommt und du nicht weißt, was der Patient mitbekommt. Ich bin nur körperlich betroffen, das kann man leichter wegstecken.

Als Sportlerin hatten Sie einen geregelten Tagesablauf. Das hilft wohl in dieser Zeit der Rehabilitation.

Grünberg: Ja, ich bin sehr eingeteilt. So um sieben, halb acht stehe ich auf, nach der Körperpflege folgt das Frühstück und dann ab neun Uhr die erste Therapie mit Physio-Einheiten, Herz-Kreislauf-Training, Massagen bis elf Uhr. Um 14 Uhr geht es weiter bis 16 Uhr.

Wie hart ist das Training in Relation zu jenem als Sportler?

Grünberg: Anstrengend! Die Muskeln beginnen zu brennen wie nach 20 Situps, nur Muskelkater hatte ich bislang nie. Wir trainieren viel Bizeps, das brennt sehr. Am Ende der Woche bin ich immer müde, am Sonntag habe ich keine Therapie. Die Pause braucht man.

Was ist Ihr nächstes Ziel?

Grünberg: Ich will selber essen, muss dazu den Löffel zwischen die Finger einklemmen. Wir üben, aber das ist brutal anstrengend. Noch macht es keinen Sinn, so zu essen, denn Essen soll ja schön und nicht anstrengend sein. Auch das Schreiben übe ich, es wird immer besser. Und auch das Zähneputzen soll bald funktionieren.

Wie geht es mit einfachen Dingen?

Grünberg: Ich kann selbstständig schlucken, Luft holen – nur Niesen, Husten, Schneuzen ist ganz schwer. Bei mir klingt das mehr wie ein Mäusehusten. (lacht)

Sehnen Sie sich nach Urlaub?

Grünberg: Urlaub – nein, ich habe am Wochenende frei. Ich hätte mit meinem Freund einen Urlaub im September geplant, der fiel ins Wasser. Aber ich habe noch so viel Zeit, um Urlaub zu machen, das können wir nachholen.

Sportler haben offensichtlich einen Vorteil.

Grünberg: Es sind wirklich viele Sportler hier! Wir sind Training gewöhnt, schließlich beschäftigen wir uns den ganzen Tag mit unserem Körper. Wir müssen unseren Körper mit neuen Herausforderungen vertraut machen.

Wenn man Bad Häring betritt, spürt man sofort positive Energie. Überall freundliche Leute und lachende Gesichter.

Grünberg: Man glaubt das gar nicht! Alle lachen, grüßen, man kann es hier auch schön und lustig haben. Die Rolli-Fahrer haben einen besonders schwarzen Humor! Da heißt es dann: Ich fahre dir über die Füße und so. Klar hat jeder seine schweren Zeiten, aber da baut man sich gegenseitig wieder auf. Es ist eine gute Stimmung spürbar, das hier ist kein Trauerhaus.

Wie erlebten Sie die ersten Tage in Bad Häring?

Grünberg:Für mich war es am Anfang auch komisch: Da fehlt wem der Fuß, dort wem die Hand. Die hat es aber schwer erwischt, dachte man sich. Es gibt immer etwas Schwereres, als es mir passiert ist. Einer konnte nur den Kopf bewegen, aber der war so glücklich! Der hat studiert, arbeitet. Es ist nicht so, dass das Leben aufhört.

Wie gehen andere mit ihrem Schicksal um?

Grünberg:Viele sagen: Der Unfall war der schlimmste Tag in ihrem Leben. Aber viele feiern ihn als zweiten Geburtstag, weil sie diesen Tag überlebt haben. Mancher sagt: Wie kann man das feiern? Aber man hätte schließlich auch sterben können. Es ist eine schöne Geste.

Haben Sie noch Details aus Ihrem Sportlerleben vor Augen? Etwa das WM-Limit von 4,50 m, auf das Sie bei Ihrem Unfall hintrainierten?

Grünberg: Ja! Manchmal denke ich mir: Ich hätte schon noch höher kommen können, ich wusste ja, dass das geht. Aber die Saison war verfuchst. Immerhin: Ich habe alle österreichischen Rekorde – mal schauen wie lange – aber das war so ein kleines Ziel, das ich erreicht habe. Das kann mir keiner nehmen. Wir haben so viel erlebt im Sport, wir waren so ein tolles Team! Es war schon eine schöne Zeit.

Ist es für Sie ein Ziel, kommendes Jahr als Zuschauer zu den Olympischen Spielen nach Rio zu fahren und bei den Leichtathletik-Bewerben im Stadion zu sitzen?

Grünberg: Schön wäre es schon, aber es würde mich wohl reuen. Es war halt doch ein Ziel.

Ihr Manager Thomas Herzog sprach in einem Interview über Ihre Ziele, etwa die Gründung einer Stiftung.

Grünberg:Viele fragen, was ich in Zukunft machen will. Ich habe Pharmazie angefangen – es wäre ein kleines Ziel, das abzuschließen. Die Stiftung ist auch ein Ziel. Und ich dachte auch an eine Art Krisenstab für andere Leute. Ich hatte ein perfektes Umfeld mit Christian Hoser (Anm. d. Red.: Sportarzt), Christopher Willis (Sportpsychologe), Tom (Manager), meiner Familie. Das ist viel mehr wert als Geld. Aber oft braucht nämlich auch die Familie Hilfe von außen, dafür wäre diese Erfahrung hilfreich. Das ist was Wichtiges, gerade am Anfang. In der Reha ist dafür gesorgt, aber in der Klinik fehlt das.

Sie wirken sehr gelassen.

Grünberg:Ach, mein Unfall ist doch schon lange her. Ich hatte Zeit, mich damit zurechtzufinden.

Holten Sie sich nie Tipps von außen, wie Sie mit der Situation umgehen sollten?

Grünberg: Das ist bei jedem anders. Mir ging es psychisch nie schlecht, manche dagegen erlebten ein Tief von ein, zwei Monaten. Die denken: Im Rollstuhl hört das Leben auf. Das stimmt ja nicht. Ich denke mir: Zwei Wochen weinen macht es nicht besser. Man kann mit dem Flugzeug wegfliegen, eben fast alles machen.

Freuen Sie sich wieder auf den Alltag zuhause in Kematen?

Grünberg: Zur Zeit bin ich froh, dass ich hier bin, weil es zuhause noch nicht passt. Wir überlegen, vorerst unsere Wohnung umzubauen, bis das Haus fertig ist. Ich brauche einen Treppenlift und alles, dass ich mich ordentlich bewegen kann. Das Bad muss vergrößert werden . . .

Klingt nach viel Arbeit, aber die Freude auf die Rückkehr ist wohl da.

Grünberg: Dann ist es halt wieder ein normales Leben. Kürzlich war ich einmal shoppen in Wörgl. Man sitzt im Auto, schaut aus dem Fenster und denkt sich: Ich steige aus und gehe. Etwas ganz Normales halt. Es ist schon schön hier, aber draußen ist es dann doch normaler.