Neues Ausmaß der WM-Affäre

03.11.2015 • 21:35 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Ein verworrenes Spiel: Die Macher im Deutschen Fußball-Bund stehen im Zentrum der WM-Affäre. Foto: ap
Ein verworrenes Spiel: Die Macher im Deutschen Fußball-Bund stehen im Zentrum der WM-Affäre. Foto: ap

Steuerfahndung hat DFB-Zentrale und die Wohnungen von Niersbach, Zwanziger und Schmidt durchsucht.

Frankfurt/Main. Ein Großeinsatz der Staatsanwaltschaft und der Steuerfahndung hat der Affäre um die WM 2006 in Deutschland noch einmal eine neue Dimension gegeben und den Deutschen Fußball-Bund endgültig in die schwerste Krise seiner Geschichte gestürzt. Mehr als 50 Ermittler durchsuchten am Dienstagmorgen die DFB-Zentrale in Frankfurt am Main und dazu noch die privaten Wohnsitze des amtierenden Präsidenten Wolfgang Niersbach, seines Vorgängers Theo Zwanziger und des langjährigen Generalsekretärs Horst R. Schmidt.

Der Verdacht der Staatsanwaltschaft lautet: „Steuerhinterziehung in einem besonders schweren Fall“. Es geht dabei um die Rückzahlung jener ominösen 6,7 Millionen Euro an den damaligen Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus, die das deutsche WM-Organisationskomitee 2005 bewusst falsch als Beitrag zu einer FIFA-Gala getarnt hatte.

Die Frage, wohin das Geld des Franzosen geflossen ist, steht im Zentrum des Skandals und ist bis heute nicht geklärt. Zwanziger forderte den DFB in einem Schreiben sogar dazu auf, zu prüfen, ob man die 6,7 Millionen nicht vom damaligen OK-Chef Franz Beckenbauer zurückfordern müsse.

Zu den Durchsuchungen sagte Frankfurts Oberstaatsanwältin Nadja Niesen: „Sollte sich der hinreichende Tatverdacht erhärten, kommt es zur Anklageerhebung. Dann landet der Fall vor Gericht.“ Sollte es dann auch noch zu einer Verurteilung kommen, drohe den WM-Machern Niersbach, Zwanziger und Schmidt eine Haftstrafe zwischen sechs Monaten und fünf Jahren. Niersbach dürfte nach den Entwicklungen vom Dienstag endgültig nicht mehr als DFB-Präsident zu halten sein. Das einzige OK-Mitglied, das noch heute ein wichtiges Amt zu verlieren hat, war schon vor der Steuerrazzia durch seine widersprüchlichen Aussagen zu der Affäre und durch sein miserables Krisenmanagement massiv in die Kritik geraten.

Kein Statement von Niersbach

Niersbach äußerte sich vorerst nicht. Gegen Beckenbauer, die eigentliche Schlüsselfigur der gesamten Affäre, wurden zunächst keine Ermittlungen bekannt. Eine mögliche Erklärung dafür ist, dass Beckenbauer und sein enger Vertrauter Fedor Radmann in Österreich bzw. der Schweiz leben – und damit außerhalb des Zugriffsbereichs der Ermittler. Der DFB sagte der Staatsanwaltschaft in einer knappen Erklärung seine „vollumfängliche Unterstützung“ bei den Ermittlungen zu. Und so war es wieder nur der frühere Präsident Zwanziger, der von sich aus an die Öffentlichkeit ging.

Dreyfus-Zahlung im Visier

„Trotz der damit vordergründig verbundenen Unannehmlichkeiten“ begrüßte er die Tatsache, dass sich die Staatsanwaltschaft um die Affäre kümmert. Denn er sei sich sicher, dass er keine Konsequenzen zu befürchten habe. Die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen konzentrieren sich allein auf die Rückzahlung der Dreyfus-Millionen im Jahr 2005. Das WM-OK hatte das Geld zunächst als Beitrag für eine Eröffnungsgala getarnt und mit der Bitte an die FIFA überwiesen, das Geld sofort an den 2009 verstorbenen Franzosen weiterzuleiten. Auf dieser falschen Deklarierung gründet sich der Verdacht der Steuerhinterziehung. Durch die Tarnung als „Kostenbeteiligung an einem Kulturprogramm“ habe das WM-Ok die 6,7 Mill. Euro steuermindernd geltend gemacht. Da der Zahlung aber tatsächlich ein anderer Zweck zugrunde lag, hätte sie nie als „abzugsfähige Betriebsausgabe“ angegeben werden dürfen.

Erhärtet sich der Tatverdacht, folgt eine Anklageerhebung.

Nadja Niesen (Staatsanwalt)