„Pervers, wenn es nur ums Geld geht“

06.11.2015 • 21:25 Uhr / 10 Minuten Lesezeit
ÖFB-Teamchef Leo Windtner (rechts) und sein größter Trumpf: Teamchef Marcel Koller. Fotos: gepa/2
ÖFB-Teamchef Leo Windtner (rechts) und sein größter Trumpf: Teamchef Marcel Koller. Fotos: gepa/2

Ob nach der EURO 2016 der Teamchef Koller heißt, wagt ÖFB-Präsident Leo Windtner nicht zu sagen.

Schwarzach. Zu viel Geld mache den Sport krank, sagt Österreichs Fußball-Verbandspräsident Leo Windtner im Gespräch mit den Bundesländerzeitungen und der „Presse“. Das Ganze dürfe nicht weiter pervertieren, es darf nicht sein, dass Großereignisse nur noch an totalitäre Staaten vergeben werden. Österreichs Nationalteam mit seinen neuen Tugenden tauge als Rollenmodell für die heimische Politik. „Auch wenn es viele Individualisten gibt, ist der alleinige Star die Mannschaft.“ Und es muss daher einen geben, der sagt: „In diese Richtung geht es.“ Ob das auch nach der EURO weiter Marcel Koller sein wird, wagt Windtner derzeit nicht zu sagen. „Wenn ein großer Klub oder ein Verband mit viel Geld kommt, wird es schwer, ihn zu halten. Aber wir werden alles dafür tun.“

Fußball-Österreich schwebt auf einer Welle der Euphorie. Kann sich das Land Österreich daran aufrichten und ein Beispiel nehmen? Früher war es umgekehrt, das Land besser als sein Team, aber das hat sich gedreht.

Leo Windtner: Ja. Sportlich ist der Hype um unser Team die Riesenchance über den Fußball hinaus. Was uns an professioneller Umsetzung gelungen ist, kann für vieles andere, bis hinein in die Wirtschaft, Rollen-Modell sein. Der heimische Fußball kann in der brennenden Zuwandererfrage noch bedeutsamer werden. Unsere Vereine werden viel Zulauf kriegen, ich hoffe darauf. Fußball ist ein Mannschaftssport, da ist enormes Potenzial zur Einbindung junger Zuwanderer drinnen.

Das Team gewinnt mit nicht­österreichischen Tugenden.

Windtner: Unsere Kerntugenden sind klar: Ein Konzept, das konsequent verfolgt wird. Sich nicht vorzeitig mit etwas zufriedengeben. Und vor allem die Zielsetzungen ständig zu evaluieren und gegebenenfalls neu definieren. Wie im Fußball muss auch in Österreich kein Einzelspieler, sondern die Mannschaft der Star sein. Das gilt auch für die Politik.

Dieses Kollektiv, das sich blind versteht, ist die Regierung sicher nicht.

Windtner: Ich mag nicht zu viel politisieren. Aber wenn man zwei Tage über einen gemeinsamen Begriff oder eine andere Definition für das Wort „Zaun“ öffentlich streitet, ist das natürlich symptomatisch. Dabei ist es wie im Sport. Du brauchst sehr gute Einzelspieler. Meistens sind die besten Individualisten jedoch die schwierigsten Charaktere. Daher brauchst du einen Betreuerstab mit einem Chef, der es versteht, die Stärken vieler in ein Kollektiv zu binden und auch klare Regeln vorzugeben. Alle müssen eines wissen: Wohin geht es?

Wenn eine Regierung zwei Trainer hat, die sich darüber nicht einig sind, ist es schwer.

Windtner: Das mag so sein. Bei uns im Team gibt es dank Marcel Koller diese klare Orientierung. Jetzt dürfen wir diesen Hype nicht als Einmalerfolg genießen. Erfolg ist der größte Verführer. Jetzt heißt es dranbleiben, uns konsequent auf die EURO vorbereiten und nicht voreilig in Viertelfinal- oder sonstige Ziele zu verheddern. Wir wollen in Frankreich jenen Eindruck bestätigen, den Europa vom österreichischen Fußball zuletzt gewinnen konnte. Aber definitiv untermauert wäre der Erfolg der Arbeit der letzten Jahre erst, wenn wir uns für die Weltmeisterschaften in Russland 2018 qualifizieren.

Das Rückgrat des Nationalteams bilden doch Spieler, die im Ausland engagiert sind. Ist bei 90 Prozent Legionären noch eine „österreichische Handschrift“ erkennbar.

Windtner: Mit der neuen Ausbildung in den Landesverbandszentren für die Zehn- bis 14-Jährigen, mit den infrastrukturell aufgewerteten und professionellen Fußballakademien, haben wir im letzten Jahrzehnt die Basis gelegt. Es gibt nur ganz wenige Teamspieler, die diesen „österreichischen Weg“ nicht durchlaufen haben. Viele sind bald, manche zu bald ins Ausland transferiert worden. Bei Alaba ist es gutgegangen, bei anderen nicht. Dass wir mit unseren Möglichkeiten die Spieler in der heimischen Liga nicht halten können, liegt auf der Hand. Geldfluss bestimmt den Spielerfluss. Wenn der Letzte der englischen Premier League mehr TV-Geld erhält als Bayern München, sieht man, wie die Relationen aus dem Ruder laufen.

Wie hoch ist der Anteil des Faktors Marcel Koller?

Windtner: Ihm ist es gelungen, die Spieler bei der Emotion und bei der Ratio zu packen. Daraus ist eine Dynamik entstanden. Ziele werden klar verfolgt, ohne jede Spur von Überheblichkeit. Der neue Mindset ist auch daran erkennbar, mit welcher Freude die Spieler zum Team kommen.

Wie lange kann er gehalten werden?

Windtner: Auf jeden Fall bis Ende Juli 2016.

Priorität eins ist, ihn über die EURO hinaus zu halten.

Windtner: Natürlich werden wir alles dafür tun. Nur muss uns bewusst sein: Kollers Marktwert und sein Bekanntheitsgrad haben sich immens gesteigert.

Welche Rolle spielen weiche Faktoren?

Windtner: Dass diese „soft facts“ nicht unwichtig sind, würde ich schon meinen. Sie werden aber letztlich nicht ausschlaggebend sein können. Österreichs Fußballfans werden noch vor der EURO wissen, wer nach der Endrunde Teamchef sein wird.

Die EURO-Teilnahme wird viel Geld sprudeln lassen, auch für die Spieler. Wie viel Freiheit haben die Spieler selbst, werblich aktiv zu sein?

Windtner: Es gibt klare Vereinbarungen mit den Spielern, wie sie sich gegenüber unseren Sponsoren und Partnern zu verhalten haben – und dass sie insbesondere als Teamspieler die Sponsoren des ÖFB in keiner Weise mit Eigenwerbung konkurrierender Marken konfrontieren dürfen. Das geht nicht.

Das heißt ein Fall Anna Fenninger kann dem ÖFB nicht passieren.

Windtner: Nur wenn sich einer närrisch machen lassen würde. Aber ich gehe davon aus, dass wir das im Griff haben.

Sie wollen ein neues Stadion.

Windtner: Wir müssen nüchtern realisieren, dass uns nach der EURO 2008 nur das Salzburger Stadion und die Wörthersee Arena in Klagenfurt, sofern im Vollausbau nutzbar, punkto Infrastruktur einen Schritt nach vorne gebracht haben. Wenn Ungarn am Platz des alten Nep-Stadions eine Ferenc-Puskas-Arena für 70.000 Zuschauer errichtet, dann muss man schon feststellen, dass das Happel-Stadion im Vergleich eine ehrwürdige alte Dame mit vielen kos­metischen Operationen ist, aber trotz dieser Kosmetik eine alte Dame geblieben ist.

Wird mit der Regierung darüber bereits verhandelt?

Windtner: Wir wollen keinen Druck entwickeln, aber das Bewusstsein schaffen, dass hier echt Bedarf ist. Wir hören die Signale aus dem Sportministerium, dass man grundsätzlich Verständnis dafür hat. Ein Nationalstadion am Standort des jetzigen Happel-Stadions ist die optimale Variante.

Der europäische und der weltweite Fußball steckt moralisch und ethisch in einer großen Krise, wir brauchen nur die Namen Blatter, Platini und jetzt Niersbach zu nennen. Der Sport und seine Funktionäre, das sind in vielen Sparten Parallelwelten, denken wir an die Formel 1 oder auch Olympia.

Windtner: Vorweg gilt für diese Namen die Unschuldsvermutung. Aber natürlich will man als korrekter Funktionär nicht mit Vorgängen identifiziert werden, wie sie derzeit angeprangert werden. Es wird daher zwingend notwendig sein, alle diese Themen restlos aufzuklären und für Transparenz zu sorgen.

Wurde in der FIFA und der UEFA die Kommerzialisierung übertrieben? Die Funktionskaste hat sich von der Basis entkoppelt, weil zu viel Geld im Spiel ist.

Windtner: Das ist auch meine Meinung. Die englische Premiere League beispielsweise betreibt totale Kommerzialisierung, da wird geradezu penetriert und von Freitag bis Montag 22 Uhr durchgespielt, aufgehängt an Pay-TV. Liverpool spielt drei Wochen in China, weil auch dieser Markt nicht übersehen werden soll. Das Ganze darf nicht pervertieren, wenn nur mehr wirtschaftliche Ziele Priorität haben und die Fans zurückbleiben, an denen das ganze System hängt.

Es gibt viele Auswüchse. Zu hohe Kartenpreise, zu hohe Gehälter, zu hohe Transfersummen.

Windtner: Betreffend der Kartenpreise fährt der ÖFB eine eher defensive Linie, weil Fußball für den Fan leistbar bleiben muss. Wir haben jetzt auch für das Spiel gegen die Schweiz die Kartenpreise im Vergleich zu den Quali-Spielen deutlich gesenkt, als Dankeschön an unsere Fans.

Wie lässt sich das Paralleluniversium FIFA, UEFA, dieser
Klub der alten Männer, reformieren?

Windtner: Wir brauchen ordentliche gesellschaftsrechtliche Strukturen in diesen Verbänden, mit aller Transparenz, mit allen Kontrollmechanismen.

Europa, der Mutterkontinent des Fußballs, wird in der FIFA wohl seine Vormacht verlieren. Danach sieht es aus.

Windtner: Das ist nicht zwingend. Natürlich geht ein Hebel verloren, wenn du das Präsidentenamt abgibst. Wichtig wird daher sein, dass die europäischen Vertreter im FIFA-Komitee wirklich handverlesen sind und die Interessen des Fußballs und Europas dort vertreten. Das war mit den bisherigen Vertretern nicht hinreichend gegeben.

Die Fußball-WM zur Weihnachtszeit in Katar bleibt uns nicht erspart?

Windtner: Russland ist gelaufen. Bei Katar kann ich mir eine Gefährdung nur vorstellen, wenn tatsächlich kriminelle Tatbestände bei der Vergabe noch auftauchen sollten. Dann wäre es noch zu heben.