Druck wächst, Putin duckt sich

10.11.2015 • 19:54 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Richard Pound Foto: AP
Richard Pound Foto: AP

Russland bangt nach dem Dopingbericht
um seine Olympia-­Teilnahme 2016.

Genf. Der Druck auf Russland nimmt immer mehr zu, in der internationalen Presse machen Schlagzeilen wie „Weltskandal“ und „neuer Kalter Krieg“ die Runde, doch Wladimir Putin will von einer Affäre ungeahnten Ausmaßes nichts wissen. Der Kreml-Chef duckte sich einen Tag nach den Veröffentlichungen zum flächendeckenden Doping im russischen Sport weg und schickte seinen Pressesekretär vor.

Russland fordert Beweise

„Wenn es irgendwelche Anschuldigungen gibt, dann müssen sie durch Beweise belegt sein“, sagte Dmitri Peskow und wies die Vorwürfe der Korruption, Erpressung und Vertuschung von positiven Dopingproben zurück: „Bis Beweise vorliegen, sind solche Anschuldigungen nur schwer zu akzeptieren, zumal sie eher gegenstandslos erscheinen.“ Während die internationale Leichtathletik um ihre Zukunft ringt, kämpft Russland um seinen Ruf. Und der nimmt immer mehr Schaden. Die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA zog am Tag nach der denkwürdigen Pressekonferenz ihrer unabhängigen Kommission erste Konsequenzen und sperrte das Moskauer Anti-Doping-Labor mit sofortiger Wirkung für mindestens ein halbes Jahr. Damit reagierte die WADA auf eine zentrale Forderung des Kommissionsvorsitzenden Richard Pound. Der Kanadier hatte den systematischen Betrugsskandal in der russischen Leichtathletik dargelegt und den russischen Sport endgültig ins Zweilicht gestellt.

Russische Athleten und Trainer reagierten empört und wiesen alle Anschuldigungen reflexartig zurück. Das russische Sportministerium forderte „die WADA auf, sich auf Fakten und Beweise zu konzentrieren. Von den meisten Punkten des Berichts sind wir nicht überrascht.“ Der Rest der Welt sieht diesem Schritt gelassen entgegen. Die internationalen Medien gingen angesichts der von Pound präsentierten Fakten mit dem russischen Sport hart ins Gericht. „Die Sportnation hat die Leichtathletik zurück in den Kalten Krieg katapultiert. Russland lacht der internationalen Justiz ins Gesicht“, schrieb die englische „Times“. Und die italienische „Gazzetta dello Sport“ meinte: „Horror aus Russland: Die Leichtathletik hat einen Weltskandal. Im Sport ist ein neuer Kalter Krieg ausgebrochen. Das Ausmaß der Vorwürfe, die auch die russische Regierung betreffen, ist enorm.“ Und für die „Neue Zürcher Zeitung“ stinken die unglaublichen Vorgänge im „Schweinestall Leichtathletik“ zum Himmel.

Ausschluss ist kein Tabu

Der Ausschluss russischer Leichtathleten für Olympia 2016 ist längst kein Tabu mehr, sondern wird öffentlich gefordert. „Mein nachdrücklicher Rat ist: Ihr solltet das auf jeden Fall tun“, sagte Ed Warner, Chef des britischen Verbandes, der BBC.Längst ist allen Experten klar, dass der Skandal noch viel weitere Kreise ziehen könnte. „Russland ist nicht das einzige Land, das Probleme hat. Und die Leichtathletik nicht die einzige Sportart“, sagte Pound.

Leichtathletik

WADA-Ermittlungskommission empfahl lebenslange Sperren

» Sportlerinnen

Maria Sawinowa-Farnossowa (800 Meter, Olympiasiegerin 2012)

Jekaterina Poistogowa (Mittelstreckenläuferin, Olympia-Dritte 2012 über 800 m)

Anastassija Basdyrewa (400 und 800 m, russische Meisterin)

Kristina Ugarowa (1500 m)

Tatjana Mjasina (Mittelstreckenläuferin)

» Trainer

Alexej Melnikow (Cheftrainer Langstreckenlauf)

Wladimir Kasarin (Trainer 800 m)

Wladimir Mochnjew (Trainer Mittelstrecke)

Viktor Tschegin (Cheftrainer Gehen)

» Mediziner

Sergej Portugalow (Chefarzt im russischen Verband)