Viel Freude mit dem Nachwuchs

Sport / 10.11.2015 • 21:02 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Wenn es seine spärliche Freizeit zulässt, bewegt sich Timo Scheider viel und gerne im Ländle, wie hier auf der Indoor-Kartbahn Treff in Feldkirch. Foto: MAnfred Noger
Wenn es seine spärliche Freizeit zulässt, bewegt sich Timo Scheider viel und gerne im Ländle, wie hier auf der Indoor-Kartbahn Treff in Feldkirch. Foto: MAnfred Noger

Der umgängliche Motorsportprofi ist auch nach Saisonende voller Tatendrang.

Feldkirch. Hin und wieder trifft man DTM-Pilot Timo Scheider in der Indoor-Karthalle Treff in Feldkirch-Gisingen an. Dort feierte er schon seine Geburtstage mit seinen Freunden oder lässt aktuell seinen zwölfjährigen Sohn Loris-Romeo mit dem Kart üben, weil auch er Benzin im Blut hat. Beim letzten Mal hatten die VN Gelegenheit, mit dem sympathischen, langjährigen Piloten des Deutschen-Tourenwagen-Masters zu plaudern.

Du bist mit 161 Rennen und mit jetzt 37 Jahren der erfahrenste DTM-Pilot der Gegenwart. Sehen wir dich auch 2016 wieder in der DTM?

Scheider: Die Chancen sind größer als 95 Prozent. Ich habe einen Vertrag mit Audi, und wenn es auch heuer für mich ein extrem schweres Jahr war, bin ich schon wieder voll motiviert für die nächste Saison, was auch mein Arbeitgeber merkt und sieht. Ende dieses Monats, nach der Audi-Sport-Meisterfeier, wo die Fahrer für 2016 verkündet werden, gibt es definitiv Klarheit.

Die Saison war durchwachsen. Zunächst ein vierter Platz am Lausitzring, dann fünf Rennen punktelos, das Malheur in Spielberg, wo du Robert Wickens und indirekt auch Pascal Wehrlein rausgeschubst hast, die Sperre für die Moskau-Rennen, dann doch noch der befreiende Sieg im Finale. Ein Rätsel auch für dich?

Scheider: Es gab heuer Situationen, die für mich nicht verständlich waren. Da war ich im freien Training gut dabei und stand dann im Zeittraining plötzlich im Niemandsland. Die Erklärung, warum das so war, fehlt mir komplett. Die Leistungsdichte war allerdings – wenn man das so sagen darf – schon richtig pervers. Die Top Ten lagen öfters innert einer Zehntelsekunde. Bei diesen engen Abständen lohnte sich keine Analyse oder eine Set-up-Änderung am Auto.

Die drei Hersteller lagen auf Augenhöhe. In 18 Rennen gab es 13 verschiedene Rennsieger und 14 verschiedene Pole-Sitter. Ist die DTM wirklich so extrem ausgeglichen oder wird da vielleicht im Hintergrund auch so einiges „gesteuert“?

Scheider: In der Tat könnte man als Außenstehender meinen, dass hier einiges hinter den Kulissen manipuliert wird. Die Leistungsdichte war heuer abnormal ausgeglichen. Du fährst dir wie immer das Herz aus dem Leib. Am Morgen bist du vorne, am Nachmittag plötzlich ganz hinten. Selbst die Ingenieure und Techniker waren heuer komplett ratlos und hatten absolut keine Erklärung für die extremen Schwankungen. Aber ich denke, dass das weitgehend der neuen Performance-Gewichte-Regel (nach den Rennergebnissen werden zum Auto-Basisgewicht Zusatzgewichte aufgepackt oder ausgeladen, Anm. d. Red.) geschuldet war. Ich bin ja Audi-Fahrersprecher und habe diesen Punkt mit den Verantwortlichen diskutiert. Ich denke, dass es hier Änderungen geben wird.

Nochmals zum „Spielberg-Schubser“. Hast du da wirklich den Funk-Befehl von Dr. Ullrich (Timo, schieb ihn raus!) ausgeführt oder hattest du da absolut zeitgleich selber so eine Wut im Bauch (weil dich Wickens blockiert hat, um Wehrlein abzuschotten), dass mit dir der Gaul durchgegangen ist?

Scheider: Ich hatte natürlich einen dicken Hals, überhaupt keine Frage. Es war nicht in meinem Sinne, den Gegner zu ‚entsorgen‘. Der Funkspruch war äußerst unglücklich, darüber braucht man nicht zu diskutieren. Ich würde jetzt gerne etwas dazu sagen, möchte ich aber nicht, weil nach wie vor noch die Anzeige in Österreich gegen mich läuft. Aber es wird, wenn diese Anzeigen-Geschichte erledigt ist, noch eine Äußerung meinerseits geben. Fest steht, dass wenn der Funkspruch nicht gewesen wäre, es höchstens eine 30-Sekunden-Strafe für mich gegeben hätte. Dass Wickens dann in Wehrlein rumste, war so nicht planbar.

Wie laufen deine Nachwuchs-projekte (eigenes Kart- und Formel-4-Team), die von deinem Vater und Bruder mitgeleitet werden?

Scheider: Durch den Aufbau des neuen Formel-4-Teams hat mein Kart-Team etwas gelitten. Aber da habe ich jetzt für nächste Saison auch schon die Weichen anders gestellt. In der Formel 4 konnten wir gegen Saison­ende mit den arrivierten Teams schon beachtlich mithalten. Ich war bei den meisten Rennen und Tests mit vor Ort. Die Arbeit mit jungen Nachwuchstalenten macht mir unglaublich viel Freude.

Es wird berichtet, dass du deine Lebensgefährtin Jessica Hinter­seer bald ehelichen wirst?

Scheider: In der Tat sind wir mit diversen Vorbereitungen beschäftigt. Jessica ist sehr traditionell. Sie möchte diesen besonderen Tag ohne Kompromisse erleben und gut planen. Wir werden eher in wärmeren Gefilden heiraten. Derzeit suchen wir noch eine Location. Unser Wunsch wäre es, dass die Hochzeit im März oder April stattfindet.

Du lebst jetzt schon gut 15 Jahre in Vorarlberg. Audi-Markenkollege Adrian Tambay ist von Lochau heuer nach London gezogen. Was hält dich eigentlich weiterhin im Ländle?

Scheider: Im Jahre 2000 hatte ich schon eine Mietwohnung in Rankweil, dann zog ich nach Altach, seit 2007 wohne ich nun in Lochau. Ich fühle mich hier einfach sehr, sehr wohl. Rund um das Bodenseeufer wohnen ja etliche Rennfahrerfreunde von mir, wie etwa Ex-Formel-1-Pilot Timo Glock oder Rallye-Weltmeister Sébastien Ogier, mit dem ich erst kürzlich auf den Malediven den Urlaub verbrachte. Ich bin auch gerade am Ausloten, ob ich die Homebase meines Nachwuchsteams nicht vom Nürburgring hierher in den Bodenseeraum verlegen soll, weil für mich die Wege viel kürzer würden.

Zur Person

Timo Scheider

Geboren: 10. November 1978 in Lahnstein

Wohnhaft in: Lochau

Beruf: Automobil-Rennfahrer

Erfolge: DTM-Gesamtsieger 2008 und 2009