Rosberg holte sich Trostpreis ab

Sport / 15.11.2015 • 21:36 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Nico Rosberg (rechts) entschied das Startduell mit Lewis Hamilton für sich, das war die halbe Miete für den Sieg in São Paulo. Foto: ap
Nico Rosberg (rechts) entschied das Startduell mit Lewis Hamilton für sich, das war die halbe Miete für den Sieg in São Paulo. Foto: ap

Nach Sieg in Brasilien ist der Deutsche erneut Formel-1-Vizewelt­meister.

Sao Paulo. In aller Ruhe gönnte sich Nico Rosberg einen Schluck aus der riesigen Champagnerflasche, dann streckte er den Daumen in die Luft und ließ sich von den singenden Fans in São Paulo feiern. Der neue und alte Vizeweltmeister im Mercedes hat sich mit seinem Sieg vor Champion Lewis Hamilton beim Großen Preis von Brasilien immerhin den Trostpreis gesichert; für Euphorie sorgte WM-Rang zwei kurz vor Ende einer enttäuschenden Saison aber nicht.

„Es ist alles relativ“

„Es fühlt sich super an, Rennen zu gewinnen“, sagte Rosberg nach seinem zweiten Sieg in Folge mit müdem Lächeln. Doch die Vize-WM war nicht mehr als ein schöner Nebenaspekt, zu sehr schmerzt die schon seit drei Wochen feststehende Niederlage im Titelduell mit Stallrivale Hamilton: „Ich habe keine Erklärung, warum es jetzt auf einmal so gut läuft. Wenn ich es wüsste, wäre alles etwas einfacher.“ Zudem bestehe angesichts der verheerenden Attentate in Paris ohnehin kein Grund zu ausgelassener Freude. „Es ist alles relativ heute“, sagte der 30-Jährige, für den es der 13. Sieg seiner Karriere war.

Aggressiv und nervenstark hatte er Hamilton zuvor über 71 schweißtreibende Runden in Interlagos in Schach gehalten und dabei all die Eigenschaften gezeigt, die in den vergangenen Monaten zu oft gefehlt hatten. Ferrari-Pilot Sebastian Vettel kann nun trotz Rang drei hinter den Silberpfeilen beim Saisonfinale in Abu Dhabi (29. November) im WM-Klassement nicht mehr an Rosberg vorbeiziehen. „Wir waren näher dran als in vielen anderen Rennen, aber trotzdem irgendwie im Niemandsland“, sagte Vettel.

Pole-Setter Rosberg schwärmte derweil von einem „perfekten Wochenende, ich wurde herausgefordert, habe aber alles kontrolliert und Lewis keine Chance gegeben“. Auch Toto Wolff, der Motorsportchef von Mercedes, sprach bei Sky von einem souveränen Auftritt: „Nico hat sich keine Blöße gegeben. Bei Lewis ist vielleicht der Druck und das Adrenalin abgefallen. Lewis hat den Titel gewonnen, aber Nico zeigt seine ganze Klasse.“

Am Mittag hatte die Formel 1 zunächst im Rahmen der Fahrerparade der Opfer gedacht, die am Freitag in Paris ums Leben gekommen waren. Eine Schweigeminute kurz vor dem Start war dann offiziell den Opfern von Verkehrsunfällen gewidmet, daneben zeigten die Fahrer aber auch die französische Flagge – die Zeremonie hatte im Vorfeld für Verstimmung gesorgt, Auslöser war Jean Todt. Der Präsident des Automobil-Weltverbandes FIA rechnete keine 24 Stunden nach den Anschlägen Opferzahlen gegeneinander auf, um die Trauerzeremonie für Verkehrstote zu begründen.

Zum Start rückte wieder der Sport in den Fokus, die Konstellation an der Spitze war interessant. Angesichts der Startaufstellung mit Rosberg vor Hamilton und Vettel konnte der Engländer seinem ungeliebten Teamkollegen theoretisch als Puffer dienen. Doch der Titelverteidiger hatte andere Pläne. „So weit ich weiß, fahren wir hier immer noch Autorennen“, hatte Hamilton im Vorfeld gesagt, und er ließ seinen Worten auch Taten folgen.

Keine Angriffspunkte

In der ersten Kurve attackierte er Rosberg hart, doch der Deutsche steckte nicht zurück. Rosberg machte „die Tür zu“. In der Folge entwickelte sich ein enges, spannendes Duell an der Spitze. Hamilton knabberte im Windschatten immer mehr von Rosbergs Vorsprung ab, lag nach einem Drittel des Rennens nur noch 0,4 Sekunden zurück, doch Rosberg blieb auch in dieser Phase Herr der Lage und bot keine Angriffspunkte. In der Folge fiel Hamilton zunächst zurück, erst in der Schlussphase wurde das Duell dann aufs Neue eröffnet. Hamilton war plötzlich wieder in Schlagdistanz, aber Rosberg fuhr abgeklärt zum Trostpreis.

Ich habe keien Erklärung, warum es auf einmal so gut läuft.

Nico Rosberg