Die Grande Nation ist bewegt

18.11.2015 • 19:12 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Die Polizeipräsenz vor dem Wembley-Stadion in London war enorm, beim Spiel selbst blieb alles ruhig. Foto: ap
Die Polizeipräsenz vor dem Wembley-Stadion in London war enorm, beim Spiel selbst blieb alles ruhig. Foto: ap

Solidaritätsbekundungen beeindrucken. Schwere Tage zu verdauen für Weltmeister Deutschland.

Schwarzach. Ganz Wembley erstrahlte in Blau-Weiß-Rot, englische und französische Nationalspieler standen wie Brüder Arm in Arm und sangen inbrünstig die Marseillaise. Die Sympathie- und Solidaritätsbekundungen bewegten die Franzosen. Premierminister Manuel Valls twitterte: „Die Marseillaise in Wembley. Zwei Völker im Gleichklang. Riesige Emotion. Liberté. Égalité. Faternité.“ Deschamps erklärte nach dem Abpfiff: „Diese Solidarität im Schmerz war sehr bewegend. Das geht unter die Haut und direkt ins Herz. Schön, ergreifend, grandios.“

Ein Fußballspiel als Therapie

Der Fußball, das Ergebnis, der Wettkampf traten nicht nur in London, sondern vor allem auch auf der anderen Seite des Ärmelkanals in den Hintergrund. In den französischen Medien war am Mittwoch kaum eine Zeile Spielanalyse zu finden. Dass die Spieler „die Kraft gehabt haben, zu spielen, das allein war schon großartig“, befand „L‘Équipe“. Allen voran gelte das für den eingewechselten Lassana Diarra, der bei den Terroranschlägen eine Cousine verloren hatte.

Für die französischen Profis diente die Begegnung auch als Therapie. „Das war wichtig, gespielt zu haben. Wir haben unsere Farben mit Stolz getragen und gezeigt, dass uns nichts stoppen kann“, meinte Außenverteidiger Lucas Digne. Verteidiger Raphael Varane räumte ein: „Wir konnten unseren Kopf etwas freimachen.“

Trauma für die Deutschen

Nach dem zweiten Terror-schock innerhalb von vier Tagen wollten die total verunsicherten Fußball-Weltmeister nur noch eines: So schnell wie möglich nach Hause. „Das hat man schon gespürt, dass es die Spieler getroffen hat und dass sie auch verunsichert sind, viele auch nicht wissen, wie es weitergeht am Wochenende“, sagte Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff. Man habe gemerkt, „dass alle froh waren, dass sie nach dieser Länderspielreise nach Hause konnten, in ihr gewohntes Umfeld, zu Familie und Freunden“.

Die Verarbeitung der traumatischen Ereignisse nach der aus Sicherheitsgründen erzwungenen Länderspielabsage von Hannover nur gut 100 Stunden nach den direkt miterlebten Anschlägen vor dem EM-Finalstadion in Paris müssen die Nationalspieler bei ihren Vereinen den Liga-Alltag bewältigen. Ein Trio aus Dortmund muss schon am Freitagabend wieder ran.

Die schlimmste Länderspielreise hatte für Bundestrainer Joachim Löw und seine Spieler ein jähes und verstörendes Ende genommen. Zuspruch kam auch von der Kanzlerin: „Ich danke der Nationalmannschaft, dass sie bereit war, dieses Spiel zu spielen, denn sie hatte ja schwere Tage hinter sich“, sagte Angela Merkel.

Nach der Absage der Niederlande-Partie wegen der Terrorangst in Hannover war für den DFB das Wichtigste, „dass wir alle gesund nach Hause gekommen sind“, meinte Bierhoff. „Spieler, Betreuer, Trainer – aber natürlich auch, dass in Hannover nichts Schlimmeres passiert ist. Dass man nichts gefunden hat, auch wenn das Spiel abgesagt wurde.“

Die Aufarbeitung der dramatischen Tage in Hannover und vor allem im vom Terror heimgesuchten EM-Gastgeberland Frankreich wird auch bei den Nationalspielern Zeit brauchen. Bis man sich zu den nächsten Länderspiel-Klassikern gegen England am 26. März in Berlin und drei Tage später in München gegen Italien wiedertrifft, vergehen gut vier Monate. Viel Zeit zur Aufarbeitung.

Gesucht wurde akribisch, doch gefunden wurde im Stadion von Hannover nichts. Foto: ap
Gesucht wurde akribisch, doch gefunden wurde im Stadion von Hannover nichts. Foto: ap