Almer kocht die Gegner ein

Sport / 24.03.2016 • 18:43 Uhr / 7 Minuten Lesezeit

Der zweite Bildungsweg scheint gesichert zu sein. „Nach der Fußballerkarriere werde ich Koch“, versichert der groß gewachsene Robert Almer mit einem Schmunzeln im Gesicht. Aktuell ist der Tormann noch im Dienste der österreichischen Fußballnationalmannschaft beschäftigt. Und als Nummer eins bei der Austria Wien unter Vertrag. Die Zuversicht, in einigen Jahren von einem Restaurant verpflichtet zu werden und ein kulinarisches Vertragsangebot zu bekommen, ist nicht ganz unbegründet, liegen doch schon die ersten Offerte auf dem Tisch.

„Sensationell. Wenn ich so fangen könnte wie Robert Almer in der Küche hantiert, wäre ich Weltklasse“, streut ihm Fritz Grampelhuber, Haubenkoch aus Steeg beim Hallstätter See Rosen. „Allein vom Einsatz würde er bei uns im Betrieb bestehen. Und wie er den Zander filetiert? Man könnte meinen, er ist gelernter Koch.“

Freilich. Das Handwerk hat der gebürtige Steirer schon in der Kindheit gelernt. Bereits als Knirps kannte seine Neugierde keine Grenzen. Überall wurde in der Küche mitgeholfen. Zwiebel schneiden, anrösten, anrichten, umrühren. Alles kein Problem. Einzig seine Fußballerqualitäten und Talent hinderten den Jungspund, als kulinarischer Mastermind professionell durchzustarten. Denn der ballestrische Feinschliff war nicht außer Acht zu lassen. Nach erfolgreichen Stürmer-Jahren wechselte Almer mit vierzehn Jahren die Position und triumphierte fortan als Hüter des Tores. National wie international. Sturm Graz, Austria Wien, Fortuna Düsseldorf oder Hannover 96 waren nur einige Stationen des Tormanns, der aktuell als Kapitän bei der Austria nichts anbrennen lässt.

Küchenmannschaft

Der Küche hat Almer dennoch nicht den Rücken gekehrt. „Ich koche nach wie vor gerne. Und immer wieder. Zum Beispiel gefüllte Geflügelbrust mit Semmelknödeln. Das ist meine Spezialität. Quasi meine kulinarische Handschrift.“ Noch bevor Almer in Erinnerungen schwelgt, schnappt er sich einen Kochtopf, Messer, Schneidbrett und eine Handvoll Lebensmittel, um sich für die Kochqualifikation aufzuwärmen: Isländischer Matjessalat, Portugiesischer Fischeintopf, Hühnergulasch mit Paprika und Rahmnockerl auf ungarische Art und gebackene Mäuse mit Vanillesauce als krönenden Abschluss und süßes Endspiel werden vom Teamtormann ins Spiel gebracht.

Der Eindruck täuscht nicht. Man könnte meinen, Almer jongliert und gaberlt mit den Eiern. Mit einer Ruhe und Leichtigkeit wird Eiklar vom Eidotter getrennt und das Eigelb mit Stärke und Milch glatt gerührt. Ein erfolgreicher Start für die Vanillesauce. Schon jetzt zeigt sich zwischen den Kochtöpfen und hinter dem Ofen, was Almers Vorzüge sind. Eindeutig die Gelassenheit. Wie beim Fußball. Da steht man 90 Minuten herum und rettet in der letzten Minute mit einer Weltklassereaktion den Sieg. „Flanken und Ruhe sind meine Stärken“, sagt Almer und nimmt sich einen Schneebesen wie einen Kochlöffel und rührt gleichzeitig in zwei Töpfen herum.

„Der könnte auch zwei Bälle auf einmal fangen“, bemerkt Franz Rosenbauch. Neben Fritz Grampelhuber der zweite Teamkoch und ein mit zwei Hauben prämierter Küchenchef vom gleichnamigen Restaurant in Ebreichsdorf. „Mit dir könnten wir in unserem Betrieb durchstarten. Nur wann gehst du trainieren?“, vermerkt Rosenbauch und wetzt die Klingen. „Ein Messer muss jeden Tag geschliffen werden. Stumpfe Klingen sind unerwünscht. Man pumpt ja auch den Fußball auf und spielt nicht mit einer halbweichen Kugel.“

Der Zug zum Tor

Sofort reißt Almer die Verantwortung und das frisch geschliffene Messer an sich und schnipselt in Windeseile Erdäpfel, Lauch, Zwiebeln und Paprika in kleine Würfeln, dünne Scheiben, feine Ringe und hauchzarte Streifen. „So genau und exakt kann nur ein Tormann schneiden, niemals ein Koch“, wirft Fritz Grampelhuber von der Seite ein.

Nachdem die Zutaten gekonnt in die Töpfe geworfen und ins Spiel gebracht werden, dauert es noch ein wenig, ehe sie zu Suppen und Gulasch veredelt werden und vor sich dahinschmurgeln. Almer lässt alles auf kleiner Flamme köcheln und wagt sich derweil an die Königsklasse im Kochberuf. Filetieren vom Zander. Als wie wenn er am See aufgewachsen ist und sein Leben lang Fischer gewesen wäre. Gefühlvoll wird der Zander nach Gräten abgetastet und fachgerecht mit wenigen Schnitten mundgerecht filetiert, der Kopf und andere Karkassen für den Fischfond entfernt. Freilich. Ans Fingerschneiden darf man nicht denken. Macht man aber auch beim Fußball nicht, dass man überlegt, wann der Ball aus dem eigenen Netz zu holen ist und wie hoch die Niederlage ausfällt.

Almer denkt positiv. Wie beim Elfmeter. „Als Tormann kannst du nur gewinnen“ und entzweit mit einem astreinen Schnitt eine Karotte in der Mitte. Fingerverletzungen sind somit abgehakt und werden nicht in Betracht gezogen. Außerdem hat es der Tormann eher mit Kreuzbändern zu tun. Sein hinteres im linken Knie war teilabgerissen. Die Schuld lag nicht am Küchenmesser, sondern im Fußballzweikampf. Von der Verletzung merkt man wenig. Weder am kulinarischen Spielfeld in der Küche, noch draußen auf dem Fußballplatz. „Ich stehe voll im Training. Ich bin fit. Ich bin bereit.“ Was bedeutet das für die Europameisterschaft? „Schwer zu sagen. Die Gruppenphase sollten wir schon überstehen.“ Zumindest der Einsatz in der Küche läuft wie geschmiert. Die zwei Team-Köche sind begeistert. Der Tormann hobelt den Nockerl-Teig vom Brett gekonnt ins heiße Wasser. Schnell abschöpfen und ins kalte Wasser damit. So bleiben die Nockerl bissfest. Gleich danach nippt der Hobbykoch aus einer Espressotasse einen Suppenprobeschluck. „Passt perfekt, eventuell fehlt ein wenig Schärfe. Vielleicht Chiliöl.“ Der Torhüter steht souverän hinter dem Herd. Die Vordermannschaft spurt und führt die Anweisungen durch.

Vorrunde gewonnen

Die letzten Minuten laufen. Bald wird das Menü angerichtet. Almer drückt die Klingel. „Anrichten!“. Fast sanftmütig ertönt die Anweisung. „Auf dem Spielfeld schreie ich auch nicht mit den Mannschaftskollegen. Aufregen ist fehl am Platz. Man muss die Ruhe bewahren. Und mit den Spielern umgehen können.“

„Service! Nächster Teller!“. Die zwei Haubenköche Fritz und Franz sausen herbei und befolgen die Instruktionen. Es schmeckt formidabel. An Almer ist ein Koch verloren gegangen. Die berufliche Zukunft scheint gesichert zu sein. „Mal schauen. Jetzt werde ich wahrscheinlich daheim für die Familie öfter kochen müssen.“ Aber vorher werden die Gegner weichgekocht.