Der Goldschmied und Taktikfuchs

Sport / 25.03.2016 • 19:05 Uhr / 11 Minuten Lesezeit
Der ehemalige Bregenz-Handball-Spielertrainer Dagur Sigurdsson mit seiner wichtigsten Trophäe, der goldenen EM-Schale.  Foto: Privat
Der ehemalige Bregenz-Handball-Spielertrainer Dagur Sigurdsson mit seiner wichtigsten Trophäe, der goldenen EM-Schale. Foto: Privat

Der Baumeister des deutschen Handball-Märchens will seinen erfolgreichen Weg weiter verfolgen.

Bregenz. (VN-jd) Mit dem Gewinn des Europameistertitels hat der ehemalige Bregenz-Spielertrainer Dagur Sigurdsson das nach dem Triumph bei der Heim-WM 2007 in den Dornröschenschlaf verfallene deutsche Handball-Männerteam so richtig wachgerüttelt. Zugleich darf sich der 42-jährige Isländer, seit September 2014 DHB-Bundestrainer, nun mit dem Titel jüngster Europameister-Trainer in der Geschichte schmücken. Trotz der Erfolge hat der stets unprätentiöse, aber stets positiv denkende und von allen Seiten hoch gelobte Architekt des rot-schwarz-goldenen Höhenfluges seinen Blick längst auf die kommenden Aufgaben gelenkt. Die nächste Reifeprüfung wartet auf den Taktikfuchs aus dem hohen Norden bereits im August bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro.

Empfänge bei Bundeskanzlerin Angela Merkel, Dauergast im Fernsehen und der Eintrag ins Goldene Buch der Stadt Berlin. Welche Bedeutung haben solche Dinge fürSie?

Dagur Sigurdsson: Natürlich sind solche Promotion-Touren eine schöne Sache, doch der Gewinn des Titels überstrahlt alles. Für mich ist und bleibt die Leistung auf dem Spielfeld der wichtigste Faktor meiner Arbeit. Der Empfang bei der Bundeskanzlerin war eine große Ehre für mich, zumal wir die mit Abstand jüngste Mannschaft waren und solche Einladungen nicht alle Tage vorkommen. Die Bundeskanzlerin hat mich während des EM-Turniers zwei Mal angerufen und war immer aktuell informiert. Das 30-minütige Gespräch hinter der Bühne beim Empfang in Berlin war sehr entspannt, Frau Merkel hat mich mit ihrem Fachwissen überrascht und in Summe war es eine sehr ehrenwerte Verpflichtung für mich und das gesamte Team.

Wie sind die Reaktionen in Ihrer Heimat Island auf Ihren sportlichen Höhenflug ausgefallen?

Sigurdsson: Die waren sehr positiv und haben mich auch stolz gemacht. Nachdem die isländische Mannschaft etwas enttäuscht hat und relativ früh ausgeschieden ist und anschließend Dänemark mit seinem isländischen Trainer am Ende der Hauptrunde gescheitert ist, haben die Medien auf meine Person und Deutschland umgeschwenkt. Am Ende war man sehr stolz darauf, was ich mit Deutschland geschafft habe. Wir waren auf den Titelseiten der beiden größten Zeitungen und überall in den Medien präsent und ich denke, es war in Summe eine adäquate Anerkennung für meine Arbeit. So lange wir Erfolg haben, ehrt mich natürlich dieser Hype. Es geht einfach darum, dabei die richtige Balance zu halten. Die Jungs haben sich nach den Strapazen die Feierlichkeiten redlich verdient und sie waren auch wichtig. Doch jetzt gilt es, den Schalter wieder umzulegen und den Fokus auf die anstehenden Aufgaben zu lenken.

Sie leben seit 2009 in Berlin und Ihr Bekanntheitsgrad ist seit dem EM-Titelgewinn enorm gestiegen. Wie gehen Sie mit diesem Rummel um Ihre Person damit um?

Sigurdsson: Natürlich bin ich durch diesen Titelgewinn eine Spur bekannter geworden als zuvor. Wenn ich mit unserer Cocker-Spaniel-Hündin spazieren gehe, drehen sich jetzt mehr Leute nach mir um oder sprechen mich an. Auch in der S-Bahn oder beim Bäcker gibt es mehr rätselnde Blicke nach mir. Man freut sich, wenn man von fremden Menschen gefragt wird, ob man für ein Selfie-Foto bereit wäre. In Summe hält es sich aber in Grenzen, und das ist auch gut so. Ich bin ein Mensch, für den solche Dinge nicht so eine hohe Priorität haben. Beim Handball will ich den Takt und die Marschrichtung vorgeben, doch Abseits des Parketts muss ich mich nicht extra in den Mittelpunkt rücken.

Sie gelten als akribischer Denker und Tüftler im Handballsport. Wo nehmen Sie die Kraft und Energie dazu her?

Sigurdsson: Ich denke, es bedarf für meine Tätigkeit nicht mehr Kraft und Energie, als es andere Menschen auch in ihrem Job tun. Auch ich beschäftige mich nicht 24 Stunden am Tag und sieben Tage in der Woche ausschließlich mit Handball. Man muss einfach eine innere Ausgeglichenheit finden, und ich denke, dies gelingt mir recht gut. Natürlich gibt es Momente, an denen man an die Grenzen der Belastbarkeit stößt. Doch dann drehe ich eine Runde auf meiner Harley oder versuche, bei einem Glas Wein zu Hause mit meiner Frau den Kopf freizubekommen. Jeder hat sein eigenes Erfolgsrezept und muss versuchen, den für ihn idealen Weg zu finden.

Gibt es überhaupt Tage in Ihrem Leben, an denen Sie nicht an Handball denken?

Ja natürlich, weil wenn man pausenlos an Handball denkt, stumpft man auch ab. Meine Tage ohne Handball sind allerdings rar. Letzten Sommer war ich vier Wochen zu Hause in Island und hatte Zeit um einige Dinge am Haus zu richten, meine Passion Fliegenfischen auszuüben oder für einen Reitausflug auf den Islandpferden. Wenn dann noch Zeit war, habe ich zu Hause ein paar alte Vinyl-Scheiben mit Klassikern von Neil Young bis Bob Dylan auf den Plattenspieler aufgelegt und ließ die Seele baumeln. Diese Freiräume sind wichtig, um meinen Akku aufzuladen.

Mit den Olympischen Spielen in Rio und der WM 2017 in Frankreich steht der nächste Höhepunkt bereits ante portas. Als Aktiver belegten sie 2004 in Athen Rang neun. Mit welchen Erwartungen gehen Sie in Ihre ersten Sommerspiele als Trainer?

Sigurdsson: Auf jeden Fall besser als als Neunter (lacht). Spaß bei Seite: Wir haben in Polen mit dem EM-Titel ein Zeichen gesetzt und wollen diesen Weg in Brasilien weiter fortsetzen. Doch wir dürfen uns nicht blenden lassen und müssen Demut zeigen. Wir haben Potenzial, doch wir müssen in puncto Erwartungshaltung auf dem Boden bleiben. Ich denke, es gibt keinen guten Trainer auf der Welt, der im Vorfeld eines Turniers sagt, dass er den Titel holt.

Wie hat sich der Wechsel vom Vereins- zum Bundestrainer auf ihre täglichen Arbeitsaktivitäten ausgewirkt?

Sigurdsson: Natürlich steht man als Bundestrainer nicht mehr jeden Tag wie beim Verein oft zwei Mal täglich beim Training in der Halle. Die Arbeit ist deshalb nicht weniger, doch nun sind es eben andere Dinge, die zu erledigen und zu organisieren sind.

In einem Interview war zu lesen, dass Sie auch als Fußballtrainer arbeiten könnten. Sie sind Fan von Manchester United und Alex Ferguson. Würde Sie ein Job im Profi-Fußball reizen?

Sigurdsson: In diesem Interview wurde ich nicht richtig zitiert. Ich habe gesagt, dass es von der Art und Weise keine großen Unterschiede sind, ob man als Hand- oder Fußballtrainer arbeitet. In erster Linie geht es darum, ein Team zu formen und es zu begeistern, damit sie gemeinsam mit dir an einem Strang ziehen und sich bedingungslos dem gesteckten Ziel unterordnen. Mein Interesse am Fußball besteht deshalb, weil ich bis 17 Jahre selbst als Aktiver gespielt habe und bei Valur Reykjavik in der Fußballabteilung als Manager und Geschäftsführer gearbeitet habe. Natürlich würde ich bei einem Angebot über einen Job im Fußball nachdenken. Allerdings glaube ich nicht, dass es einen Fußballklub gibt, der mich als Trainer verpflichten möchte.

In einem selbst entwickelten App Cupodium nimmt die EM-Schale einen besonderen Platz ein. Welches soll die nächste Trophäe sein?

Sigurdsson: Das ist eine echt lässige Sache, in der der finanzielle Aspekt im Hintergrund steht. Ich schaue immer wieder einmal darauf und es macht mich auch zu einem gewissen Teil stolz, dies geschafft zu haben. Natürlich wünsche ich mir noch weitere Trophäen, doch darüber, welches die nächste sein soll, mache ich mir keine Gedanken. Ich bin nicht wählerisch und nehme gerne jede weitere Auszeichnung in meine Sammlung auf.

Neben Ihrem Job als DHB-Bundestrainer, der bis Sommer 2017 datiert ist, sind sie noch Geschäftsmann und haben in Reykjavik gemeinsam mit Freunden eine alte Keksfabrik in ein Hostel umgebaut. Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?

Sigurdsson: 2026 ist so weit weg und darüber habe ich mir ehrlich gesagt noch nie Gedanken gemacht. Vor zehn Jahren bin ich nach Bregenz gekommen und habe nie damit gerechnet, dass mein Leben und meine Karriere so einen Werdegang nehmen. Im Handball will ich mich mit aller Kraft den kommenden Aufgaben stellen. Olympia in Rio und die WM-Endrunde 2017 in Frankreich sind die nächsten Eckpfeiler, und was danach kommt, wird man sehen. Doch auch im geschäftlichen Bereich habe ich noch einige Ideen und Visionen im Hinterkopf. Vorerst einmal gilt der Fokus den Aufgaben im Sport. Handball ist seit vielen Jahren ein sehr bestimmender Faktor in meinem Leben und wird es auch weiter bleiben.

Der Bundestrainer mit seiner Magnet-Taktiktafel, die er 2003 in Bregenz erhielt.
Der Bundestrainer mit seiner Magnet-Taktiktafel, die er 2003 in Bregenz erhielt.
Sigurdsson mit seinem berühmt gewordenen Spickzettel, auf dem er beim EM-Finale die Spielzüge des Gegners zusammengefasst und später auf Facebook veröffentlicht hat.
Sigurdsson mit seinem berühmt gewordenen Spickzettel, auf dem er beim EM-Finale die Spielzüge des Gegners zusammengefasst und später auf Facebook veröffentlicht hat.
Sigurdsson mit seinem berühmt gewordenen Spickzettel, auf dem er beim EM-Finale die Spielzüge des Gegners zusammengefasst und später auf Facebook veröffentlicht hat.
Sigurdsson mit seinem berühmt gewordenen Spickzettel, auf dem er beim EM-Finale die Spielzüge des Gegners zusammengefasst und später auf Facebook veröffentlicht hat.
Im App Cupodium präsentiert Start-up-Gründer Sigurdsson in einem virtuellen Pokalregal seine Trophäen und Auszeichnungen.
Im App Cupodium präsentiert Start-up-Gründer Sigurdsson in einem virtuellen Pokalregal seine Trophäen und Auszeichnungen.
Rückblick ins Jahr 2003: Die Familie Sigurdsson bei ihrer Ankunft in Bregenz vor knapp 13 Jahren.  Foto: Zellhofer
Rückblick ins Jahr 2003: Die Familie Sigurdsson bei ihrer Ankunft in Bregenz vor knapp 13 Jahren. Foto: Zellhofer

Zur Person

Dagur Sigurdsson

Der am 3. April seinen 43. Geburtstag feiernde Isländer schrieb mit dem EM-Titel ein Stück deutsche Sportgeschichte.

Geboren: 3. April 1973

Größe/Gewicht: 1,93 m/89 kg

Familie: verheiratet mit Ingibjörg Palmadottir; Kinder: Sunna (23 Jahre), Birta (21) und Sigurdur (18)

Laufbahn: 1991 bis 1996 Spieler und Kapitän bei Valur (Isl); 1997 bis 2000 HC Wuppertal (Aufstieg von der 2. in die 1. Bundesliga Deutschland); 2000 bis 2003 Wakunaga (Jpn); 2004 bis 2007 Spielertrainer A1 Bregenz; 2008 bis 2010 ÖHB-Teamchef; 2009 bis 2015 Füchse Berlin; seit
1. September 2014 DHB-Nationaltrainer

Erfolge als Spieler: 5. Rang WM 1997,
4. Rang EM 2002, 9. Rang Olympia 2004, 3. Rang U-21-WM 1993, fünffacher Meister Island (1991 bis 1996), Japanischer Pokal 2001 bis 2003, Vizemeister Japan 2001 bis 2003, HLA-Meister mit Bregenz 2004 bis 2007, ÖHB-Cupsieger 2006

Erfolge als Trainer: 5. Rang EM 2010 mit Österreich, Champions -League Halbfinale 2012, DHB-Pokalsieger 2014, 3. Rang EHF-Pokal 2014 mit Füchse Berlin, 7. Rang WM 2015 und Gold EM 2016 mit Deutschland