„Wir sind als Weltmeister hier“

Sport / 05.07.2016 • 18:41 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Trotz guter Laune beim Training beherrschen einige Fragezeichen den deutschen EM-Alltag: Wer ersetzt Gomez? Ist Schweinsteiger fit? Wird Müller endlich treffen?
Trotz guter Laune beim Training beherrschen einige Fragezeichen den deutschen EM-Alltag: Wer ersetzt Gomez? Ist Schweinsteiger fit? Wird Müller endlich treffen?

Löw hat vor dem Halbfinale gegen Frankreich ein kniffliges Personalpuzzle zu lösen.

Evian-les-Bains. Offensivstar Thomas Müller sieht trotz der zahlreichen Ausfälle bei Fußballweltmeister Deutschland vor dem EM-Halbfinale am Donnerstag gegen Frankreich keinen Qualitätsverlust. Neben dem gesperrten Innenverteidiger Mats Hummels müssen die Deutschen in Marseille auch ohne Mittelfeldmotor Sami Khedira und Sturmtank Mario Gomez auskommen. Zudem ist Khedira-Ersatz Bastian Schweinsteiger fraglich.

„Bei uns herrscht keine Angst. Man hat Respekt“, sagte Müller vor dem Duell mit dem Gastgeber. „Ich bin aber optimistisch, dass wir Lösungen finden. Bei uns gibt es keinen Qualitätsverlust.“ Er selbst könnte statt Gomez ins Sturmzentrum rücken. Über seine Position habe Teamchef Joachim Löw aber noch nicht mit ihm gesprochen, versicherte Müller am Dienstag in einer Pressekonferenz im deutschen Teamcamp in Evian-les-Bains.

„Das bringt mich nicht um“

Der 26-Jährige von Bayern München, Schützenkönig der WM 2010 und zweitbester Scorer der WM 2014, wartet nach zehn Spielen immer noch auf seinen ersten Treffer bei Europameisterschaften. Beunruhigen lässt sich Müller davon nicht. „So viele Torchancen hatte ich noch nicht“, erklärte der Bayer. „Und wenn ich sie hatte, habe ich das Außergewöhnliche nicht hinbekommen, den Ball reinzumachen. Das bringt mich nicht um.“

Das Duell mit den Franzosen ist ein besonderes. „Für solche Spiele schaut man die EM“, meinte Müller. „Frankreich steht wegen der Gast­geberrolle unter Druck.“ Einen Verlauf wie vor zwei Jahren in Brasilien, als die Deutschen im Halbfinale auf dem Weg zum WM-Titel den Veranstalter vorgeführt hatten, erwartet er aber nicht. „Wir können nicht davon ausgehen, dass wir noch einmal 7:1 gewinnen.“ Das Ziel sei aber klar. „Wir sind als Weltmeister hier angetreten. Zwei Titel hintereinander zu holen, ist nicht alltäglich“, betonte Müller. Deutschland ist das Kunststück bisher nur einmal gelungen – bei der EM 1972 und der WM 1974. Mehrere große Turniere in Folge gewannen danach nur noch Frankreich (WM 1998 und EM 2000) und Spanien (EM 2008, WM 2010 und EM 2012).

Vertrauen in Joachim Löw

Zuversicht gebe der Mannschaft auch Löw, seit zehn Jahren Teamchef. „Er weiß, wie gut die Mannschaft im Training arbeitet. Daraus erwächst Vertrauen“, sagte Müller über den früheren Tirol- und Austria-Trainer. „Er ist jetzt zwölf Jahre beim DFB, da kennt er jeden Winkel. Er hat auch eine gewisse Erfolgsgeschichte vorzuweisen. Das gibt ihm Gelassenheit. Wir sind gut versorgt mit Joachim Löw.“ Dessen Vertrag als Bundestrainer läuft bis zur WM 2018.

Aus der Geschichte lernen

Verletzungsfrust hin oder her: Vor 20 Jahren hat es geklappt, warum sollte es nicht ein zweites Mal gelingen? „1996 haben wir im Halbfinale gegen England gespielt“, sagt Oliver Bierhoff, „und auch damals sind vorher viele Spieler mit dem Eisbeutel rumgelaufen.“

Damals gewann die deutsche Mannschaft gegen den Gastgeber der EM im Elfmeterschießen und zog ins Finale ein. Nun soll sich die Geschichte im EM-Halbfinale gegen den leichten Favoriten Frankreich wiederholen – wieder trotz großer Verletzungssorgen.

Vor 20 Jahren fehlten dem späteren Europameister im Halbfinale unter anderem Jürgen Klinsmann, Jürgen Kohler, Mario Basler und Fredi Bobic. Andere müssen also ran, aber das, sagt der heutige Teammanager Bierhoff, muss kein Nachteil sein: „Manchmal läuft es so wie bei mir 1996: Dass es am Ende einer entscheidet, mit dem niemand rechnet.“

Manchmal läuft es so wie 1996: Dass es am Ende einer entscheidet, mit dem niemand rechnet.

Oliver Bierhoff, DFB-Teammanager