Russland betrieb Staatsdoping, IOC-Boss Bach will Sanktionen

Sport / 18.07.2016 • 21:14 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Richard McLaren verfasste einen 103-seitigen Bericht über die Dopingvorgänge in Russland.  Foto: reuters
Richard McLaren verfasste einen 103-seitigen Bericht über die Dopingvorgänge in Russland. Foto: reuters

McLaren-Report bestätigt staatlich gelenktes Dopingsystem in Russland.

Toronto. Ein Olympia-Ausschluss für alle Russen rückt wegen eines staatlich organisierten Dopingsystems immer näher: Der mit Spannung erwartete McLaren-Report hat 18 Tage vor Beginn der Sommerspiele in Rio de Janeiro den Druck auf Russland und das IOC massiv erhöht und den Weltsport erschüttert. Demnach habe das russische Sportministerium weitreichende Manipulationen während der Winterspiele in Sotschi 2014 und darüber hinaus mithilfe des Geheimdienstes FSB „gelenkt, kontrolliert und überwacht“.

IOC-Exekutive berät

Empfehlungen für Konsequenzen gab der Report nicht – dennoch setzt er nun vor allem das Internationale Olympische Komitee (IOC) und Thomas Bach maximal unter Zugzwang. Der Deutsche reagierte schockiert. „Die Ergebnisse des Berichts zeigen einen erschreckenden und beispiellosen Angriff auf die Integrität des Sports und der Olympischen Spiele“, wurde Bach in einer Stellungnahme zitiert: „Daher wird das IOC nicht zögern, die härtesten Sanktionen gegen jede beteiligte Person oder Organisation zu treffen.“ Das Exekutiv-Komitee des IOC wolle in einer Telefonkonferenz heute erste Entscheidungen treffen, die auch „vorläufige Sanktionen mit Blick auf die Olympischen Spiele 2016 in Rio“ beinhalten könnten.

Die Erkenntnisse Richard McLarens, der im Sheraton Centre Hotel im kanadischen Toronto seinen Bericht vorstellte, sind allerdings unmissverständlich. Demnach sind nicht nur die Sotschi-Spiele und Wintersportler betroffen: „Russische Athleten aus den meisten Sommer- und Wintersportarten“ hätten von der Manipulationsmethode, die von „mindestens Ende 2011 bis August 2015“ geplant und durchgeführt worden sei, profitiert.

Das russische Sportministerium habe die Manipulation, bei der vor allem Dopingproben ausgetauscht wurden, mithilfe des Geheimdienstes FSB „gelenkt, kontrolliert und überwacht“, hieß es in dem Report. McLaren bestätigte damit Aussagen des russischen Kronzeugen Gregori Rodtschenkow, denen zufolge die Winterspiele 2014 in Sotschi massiv auch unter Mithilfe staatlicher Behörden beeinflusst worden waren. Mehrere Dutzend russische Sportler, darunter mindestens 15 Medaillengewinner, sollen gedopt an den Start gegangen sein. „Ich bin sehr überzeugt von unseren Ergebnissen. Wir haben viele Beweise, die keine Zweifel zulassen“, sagte McLaren.

Der Bericht hielt fest, dass in die Planung des einzigartigen Vertuschungsverfahrens des Labors in Sotschi unter anderem das Sportministerium, der Geheimdienst FSB und das Moskauer Stamm-Labor eingebunden waren. Eine vorher ausgewählte Gruppe russischer Athleten, die in Sotschi am Start waren, wurden demnach durch die Vertuschung von Proben geschützt. Bei allen Fläschchen mit den Proben wurden Manipulationen festgestellt, alle Deckel waren entfernt und später wieder angebracht worden.

Russland hatte schon vor der Veröffentlichung harten Widerstand gegen eine mögliche Komplettsperre angekündigt. „Es gibt ein Arsenal an legalen Mitteln für die Verteidigung der Interessen der Sportler, und Russland wird es bis zum Letzten ausschöpfen“, sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow in Moskau.

IOC ist am Zug

Nun ist das Internationale Olympische Komitee am Zug. Der 62-Jährige, ein Intimus von Russlands Präsident Wladimir Putin und strikter Gegner von Sippenhaft-Maßnahmen, muss sich aber auch an einem anderen Satz messen lassen: „Klar ist, wenn es einen institutionellen Eingriff gegeben hätte, dann würde das IOC auch institutionell reagieren und wird dabei nicht zögern.“ Ebenfalls wegweisend: Bis Donnerstag will der Sportgerichtshof CAS über die Klage von 68 russischen Leichtathleten gegen die durch den Weltverband IAAF verhängte Kollektivsperre für Rio entscheiden.

Der oberste US-Dopingfahnder Travis Tygart, der einst den Super-Doper Lance Armstrong zur Strecke brachte, forderte Bach – wie auch 20 weitere NOC – in einem Brief dazu auf, noch „vor dem 26. Juli zu handeln und Russland, sein Olympisches und Paralympisches Komitee sowie sämtliche russischen Sportverbände von den Spielen in Rio auszuschließen“.

Wir haben viele Beweise, die keine Zweifel zulassen.

Richard McLAren

Chronologie

16. Dezember 2014: Die Welt-Anti-Doping-Agentur setzt eine Kommission zur Aufklärung der Vorwürfe gegen den russischen Spitzensport ein. Ex-WADA-Chef Richard W. Pound führt das dreiköpfige Gremium an, ihm zur Seite stehen Experte Richard McLaren und der deutsche Kriminalbeamte Günter Younger.

16. Juli 2015: Aufgrund von Doping-Ermittlungen zieht der russische Leichtathletik-Verband vorläufig sein komplettes Geher-Team von Wettkämpfen zurück. Die WM findet in Peking ohne die mit Abstand erfolgreichste Geher-Nation statt.

4. November 2015: Diack wird Bestechlichkeit und Geldwäsche vorgeworfen. Die französische Justiz erhebt Anklage gegen den 82-Jährigen. Diack soll in seiner Amtszeit mehr als eine Million Euro für die Vertuschung positiver Dopingproben kassiert haben.

9. November 2015: Die unabhängige WADA-Kommission um Pound legt ihren ersten Bericht vor, der ein Schreckensbild der Doping-Praktiken in der russischen Leichtathletik zeigt. Die Kommission empfiehlt, Russland aus der IAAF auszuschließen.

10. November 2015: Die WADA entzieht dem Doping-Kontrolllabor in Moskau vorläufig die Akkreditierung. Das Internationale Olympische Komitee suspendiert das IOC-Ehrenmitglied Lamine Diack.

13. November 2015: Die IAAF suspendiert den Gesamtrussischen Leichtathletik-Verband ARAF angesichts der gravierenden Dopingvorwürfe.

18. November 2015: Die WADA suspendiert Russlands Anti-Doping-Agentur RUSADA, weil sie die Regeln nicht eingehalten hat.

7. Jänner 2016: Die Ethikkommission der IAAF sperrt im Zuge des Dopingskandals den Sohn von Ex-Präsident Diack, Papa Massata, den ehemaligen IAAF-Schatzmeister Walentin Balachnitschjow und Russlands Ex-Cheftrainer Alexej Melnikow lebenslang. Der frühere Anti-Doping-Chef Gabriel Dollé wird für fünf Jahre gesperrt.

14. Jänner 2016: Bei der Präsentation des zweiten Berichts wirft die WADA-Kommission der IAAF „ein komplettes Versagen im Kampf gegen Doping und Korruption“ vor. Hauptverantwortlicher für die „Organisation und Ermöglichung der Verschwörung“ sei der frühere IAAF-Präsident Diack.

6. März 2016: Das angeblich große Reinemachen in der russischen Leichtathletik wird durch neue Vorwürfe gegen die Sport-Weltmacht erschüttert. Eine TV-Dokumentation präsentiert im WDR Belege für Verstöße gegen Auflagen des Weltverbands IAAF und der Welt-Anti-Doping-Agentur.

7. März 2016: Die russische Weltklasse-Spielerin Maria Scharapowa ist bei den Australian Open positiv auf Meldonium getestet worden. Bis Mitte April verzeichnet die WADA mehr als 170 Positiv-Tests auf Meldonium, das erst seit Jahresanfang auf der Liste der verbotenen Mittel steht. Da unklar ist, wie lange Meldonium nachweisbar ist, lockert die WADA ihre Richtlinien.

12. Mai 2016: Der ehemalige Leiter des Moskauer Anti-Doping-Labors, Gregori Rodschenkow, behauptet in der „New York Times“, dass er in Sotschi positive Dopingproben russischer Athleten zusammen mit der Anti-Doping-Agentur Rusada sowie dem Geheimdienst auf Anordnung vom Staat vertuscht habe. 15 der russischen Medaillengewinner in Sotschi seien gedopt gewesen. US-Justiz, das IOC und die WADA nehmen Ermittlungen auf.

17. Mai 2016: Bei Nachkontrollen zu den Olympischen Spielen 2008 in Peking werden 31 Sportler positiv getestet. Darunter sollen 14 russische Sportler sein, auch zehn Medaillengewinner. Eine davon ist Hochsprung-Olympiasiegerin Anna Tschitscherowa. Die WADA setzt eine Untersuchungskommission wegen der Sotschi-Vorwürfe ein.

27. Mai 2016: Bei Nachkontrollen zu den Olympischen Spielen 2012 in London sind 23 Sportler positiv getestet worden. Hinzu kommt eine weitere positive Probe von den Sommerspielen 2008 in Peking. Acht russische Sportler sind betroffen.

8. Juni 2016: Scharapowa wird wegen ihres positiven Tests für zwei Jahre gesperrt.

15. Juni 2016: Die WADA erhebt erneut schwere Vorwürfe. So sollen zwischen dem 15. Februar und 29. Mai insgesamt 736 geplante Dopingkontrollen nicht durchgeführt worden sein. Kontrolleure seien in Russland von Athleten massiv behindert und von Beamten des russischen Geheimdienstes FSB eingeschüchtert worden.

17. Juni 2016: Einstimmig bestätigt das Council der IAAF die Sperre für die russischen Leichtathleten. Damit dürfen sie bei den Olympischen Spielen in Rio nicht starten. Es gibt jedoch einen Kompromiss. Einzelne Athleten können unter neutraler Flagge teilnehmen, sofern sie nicht im russischen Doping-System involviert sind.

3. Juli 2016: Russland legt Einspruch gegen den Olympia-Ausschluss seiner Leichtathleten vor dem CAS ein.

11. Juli 2016: Der CAS verschiebt ein Urteil im Fall Maria Scharapowa auf September. Damit ist sie bei Olympia nicht dabei.